Esoterik, Wege und Abwege
Bei folgenden Texten handelt es sich um Aphorismen aus dem Gesamtwerk Steiners, die zur Meditation einladen.

GA verweist auf den Band der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, die Zahl auf die Seitennummer. Das Datum zu Beginn jedes Aphorismus verweist auf das Erscheinungsjahr des Buches oder das Datum des Vortrags. Bei Vorträgen muß berücksichtigt werden, daß der authentische Wortlaut Steiners nicht immer gesichert ist.

Esoterik

1903/04 (öffentlicher Vortrag)
Dasjenige, was der äußeren Welt oder einem äußeren Buche anvertraut wird, kann nur ein schwacher Abglanz einer eigentlichen esoterischen Unterweisung sein. In dem Augenblicke, wo irgendeine Lehre überhaupt durch ein Buch, oder öffentlich, mitgeteilt wird, ist sie nicht mehr esoterisch; da ist sie exoterisch geworden, denn die eigentümliche Schattierung durch das Gemüt, die Schattierung durch die feineren Seelenkräfte, der ganze spirituelle Hauch, welcher durchströmen muß, durchwärmen muß dasjenige, was die Esoterik in sich schließt, das alles muß herausgeschwunden sein aus dem bloß durch ein Buch Mitgeteilten.

Eines ist allerdings möglich: es kann derjenige, dessen schlummernden Fähigkeiten leicht erweckt werden können, und der den Willen und die Neigung hat, nicht nur zwischen den Zeilen eines Buches zu lesen, sondern an den Worten gleichsam zu saugen, der kann das, was als Esoterik einem exoterischen Buche zugrunde liegt, aus diesem Buche heraussaugen. Man kann unter Umständen bis zu einem hohen Grad in die esoterischen Lehren hineinkommen, ohne daß man unmittelbaren persönlichen Unterricht erhält. Aber das ändert nichts daran, daß ein gewaltiger Unterschied ist zwischen allem Esoterischen und Exoterischen. Die christlichen Gnostiker der ersten Jahrhunderte erzählen, wie in den Worten des Origenes, des ‘Clemens von Alexandria, wenn sie zu ihren intimen Schülern sprachen, das unmittelbare Seelenfeuer, die unmittelbare spirituelle Kraft wirkte, und wie diese Worte dann ein ganz anderes Leben hatten, als wenn sie vor einer großen Gemeinde gesprochen wurden. Diejenigen,die den intimen Unterricht dieser großen christlichen Lehrer genossen haben, wissen davon zu erzählen, wie ihre ganze Seele verwandelt worden ist. 52.407f

1903/04 (öffentlicher Vortrag)
Eine esoterische Lehre kann überhaupt nicht öffentlich verkündigt werden.52.414

1903/04 (öffentlicher Vortrag)
(Denn) nicht darauf kommt es an, was verkündigt wird, sondern darauf, wie es verkündigt wird: daß es verkündigt wird als unmittelbares Leben. Im wahren Theosophen leben nicht Worte und nicht Begriffe, in ihm lebt der Geist. Und der Geist hat nicht Worte und nicht Begriffe, der hat unmittelbares Leben. 52.420

1917 (Mitgliedervortrag)
Es ist heute die Zeit vorüber, die in alten Zeiten bezüglich der Geistesforschung da war, wo man so sehr zurückgehalten hat dasjenige, was Seelenentwickelung bewirkt hat. Es war in alter Zeit streng verboten, das Verborgene mitzuteilen. Wer bloß als Schüler diese Dinge bekommen hat von einem andern Lehrer, der wird unter allen Umständen nicht gut tun, die Dinge weiterzugeben! Es ist heute nur ratsam, dasjenige weiterzugeben, worauf man selber gekommen ist, was man selber erforscht hat. Das aber kann und muß der übrigen Menschheit dienen. 178.39

1916 (Mitgliedervortrag)
Niemanden teilte man in den alten Zeiten, in denen das Wissen durch Mysterien mitgeteilt worden ist, irgend etwas mit, was in Betracht kam an Wissen, der nicht durch entsprechende moralische Zucht strengster Art gegangen war; vor allen Dingen der Erziehung zum moralischen Mut. In diesen alten Zeiten war die Überzeugung, daß man das Wissen in seiner Wirkung nur angewendet haben wollte von Leuten,die durch die strengste moralische Zucht gegangen waren. Die anderen sollten nur instinktiv handeln, unter der Anleitung derjenigen, welche durch moralische Zucht gegangen sind. Die neuere Zeit taugt nicht dazu, einen solchen Grundsatz ohne weiteres anzuwenden. Heute gilt Öffentlichkeit. An die Stelle dieses alten Grundsatzes, nur den Menschen mit moralischer Zucht zum Wissen kommen zu lassen, muß der treten, daß das Wissen selber, das mitgeteilt wird, eine gewisse Kraft in sich habe, nämlich die Kraft, durch sich selber das Gute hervorzubringen. Die Welt braucht schon eine Weisheit, welche, indem sie Weisheit ist, zugleich das Gute bewirkt. Denn die materialistische Wissenschaft ist gleichgültig gegenüber Gut und Böse. Sie braucht das, was sie in die Materie hineinformt, ebensogut zum Bösen wie zum Guten; sie dient dem Bösen ganz gleich wie dem Guten. 171.86f

1922 (Mitgliedervortrag)
Es ist immer ein gewaltiges Mißverständnis, wenn man die bloße Mystik zur Esoterik umdeutet. Das Esoterische ist immer ein Erkennen von Tatsachen, die sich in der geistigen Welt als solche abspielen, die hinter dem Schleier der Sinnlichkeit stehen. Und hinter dem Schleier der Sinnlichkeit steht die Ausgleichung zwischen der Götterwelt und der ahrimanischen Welt, wie sie sich abspielt durch den Kreuzestod des Christus Jesus. Nur in einer Welt – so konnte Paulus empfinden –, in welcher ergriffen wird die menschliche Wesenheit von den ahrimanischen Mächten, kann der Irrtum eintreten, der zum Kreuzestod hat führen können. Und jetzt, als er das begriffen hatte, erkannte er eben erst die Wahrheit des esoterischen Christentums. 211.119f

1908 (Mitgliedervortrag)
Für denjenigen, der eine christliche Einweihung oder eine rosenkreuzerische Einweihung erlangt – übrigens auch für den, der überhaupt die Einweihung erlangt–, stellt sich eine ganz besondere Erscheinung heraus. Für ihn erlangen die Dinge, die da vorgehen, eine doppelte Bedeutung: die eine, welche sich außen abspielt in der physischen Welt, die andere, durch welche die Dinge, die sich in der physischen Welt abspielen, Fingerzeige sind für große, umfassende geistige Geschehnisse.103.184

1918 (Mitgliedervortrag)
Das Allergrundsätzlichste der spirituellen Weisheit (ist): daß oftmals die äußeren Ereignisse geradezu in paradoxer Weise der inneren Wahrheit der Vorgänge widersprechen.(Daher) kommt es gar nicht darauf an, ob da oder dort in der Welt die äußeren Ereignisse der inneren Wahrheit der Vorgänge widersprechen; (sondern) darauf kommt es an, daß man auch einsehe, welches die inneren Vorgänge, die eigentlichen geistigen Wirklichkeiten sind. 185.185

1912 (Mitgliedervortrag)
Geisteswissenschaft bedeutet nicht bloß die Aneignung eines Wissens, Geisteswissenschaft bedeutet eine Erziehung im eminentesten Maße, eine Selbsterziehung unserer Seele. Wir machen uns zu etwas anderem, die Interessen werden andere, die Aufmerksamkeiten, die der Mensch für das oder jenes entwickelt nach einigen Jahren, wenn er in die Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sie werden anders. Was ihn früher interessiert hat, interessiert ihn nicht mehr; was ihn früher nicht interessiert hat, beginnt ihn im höchsten Maße zu interessieren. Man darf nicht bloß sagen: Derjenige erst erhält ein Verhältnis zur geistigen Welt, welcher eine esoterische Entwickelung durchgemacht hat. Diese Esoterik beginnt nicht erst mit einer okkulten Entwickelung. (Denn) in dem Augenblicke, wo wir uns mit irgendeiner geisteswissenschaftlichen Vereinigung verbinden und mit unserem ganzen Herzen dabei sind und fühlen, was in den Lehren der Geisteswissenschaft liegt, da beginnt schon die Esoterik, da beginnt schon unsere Seele sich umzuwandeln. 136.19

1917/18 (Mitgliedervortrag)
Von ganz anderen Seelenzuständen (Atavismus) wissen allerdings gewisse Bruderschaften der neueren Zeit, allein sie halten diese Dinge unter Schloß und Riegel. Es ist auch von einem gewissen Grade an etwas Gefährliches, von diesen Dingen zu reden. Aber bis zu einem gewissen Grade soll nicht nur, sondern muß heute über diese Dinge gesprochen werden, weil die Kenntnis alter Bewußtseinszustände der Menschheit eben orientierend ist für dasjenige, was sich als Neues entwickeln soll. Haben wir in uns die Gedanken von dem, was einmal da war, so kann uns das dienen, um die notwendigen, allerdings ganz andersartigen neueren Entwickelungszuständezu fördern (denn das Zukünftige ist immer eine Metamorphose des Vergangenen).180.154f

1916 (Mitgliedervortrag)
Bei gewissen okkulten oder okkultismus-ähnlichen Vereinigungen mystischen oder maurerischen Charakters des Westens sehen wir überall, wie eine gewisse Abneigung besteht, aus den unmittelbaren, gegenwärtigen Eigenschaften der Menschen heraus in die geistigen Welten aufzusteigen, und viel mehr die Neigung, die normalen Eigenschaften der Menschheit der Gegenwart dazu zu verwenden, sie mehr in den Dienst der sinnenfälligen Utilität, der Nützlichkeit zu stellen. Dagegen tritt das Bestreben auf, das Geistige, das man nicht unmittelbar suchen will, auf andere Weise zu befriedigen. Das heißt, man kommt dazu, das Geistige da aufzugreifen,wo es noch vorhanden ist in alter atavistischer Form, es da hervorzuholen. Immer reger wird der Trieb werden, zu dem, was man auf medialem Wege für die Nützlichkeit erringt, durch allerlei okkulte Verbrüderungen auch das andere hinzugesellen, was man uralte Weisheit nennt, die einstmals atavistisch in die Menschheit eingezogen ist, oder was gewisse, auf früherer Entwickelungsstufe zurückgebliebene Völker sich bewahrt haben aus früheren Zeiten. 171.267

Esoteriker moderne

1904-1914 (Esoterische Schule)
(Alte okkulte) Methoden können nur dann zu einem sicheren Resultate führen, wenn hinter jedem, der den Pfad betritt, eine so absolute Autorität eines Guru steht, wie sie im Abendlande wegen der allgemeinen Kulturverhältnisseganz unmöglich ist. Eine Person darf im Abendlande zu der Stufe der psychischen Entwickelung nur geführt werden, wenn bei ihr der Teil von Führung, die nicht mehr vom Guru ausgehen kann, durch eine bis zu einem gewissen Grade gekommene mentale Schulung ersetzt wird. Ich meine damit nicht eine bloß intellektuell-philosophische Schulung, sondern die Entwickelung jener Bewußtseinsstufe, welche in gedanklich-innerem Schauen besteht. Das fordert einfach die Stufe der Gehirnentwickelung, auf welcher der Abendländer stehen muß.

Dies alles ist deswegen der Fall, weil der Gedanke selbst für alle Plane derselbe ist. Wo auch der Gedanke ausgebildet wird, ob auf dem physischen oder auf einem höheren Plane: er wird für alles dann ein sicherer Führer sein, wenn er sinnlichkeitsfrei und ein in Selbst-Erkenntnis erfaßter ist. Wird er zuerst – nach der abendländischen Gehirnanlage auf dem physischen Plane entwickelt, dann bleibt er der sicher leitende Faden durch alle Stufen der physischen und der überphysischen Erkenntnis. Fehlt er, dann wandelt der Abendländer steuerlos, gleich ob er sich auf dem physischen oder einem höheren Plane bewegt. Und bei der im gegenwärtigen Zeitpunkte so nahen Verwandtschaft aller höheren Menschenkräfte mit den Kräften, die auf niederer Stufe der Sexualsphäre angehören, kann in jedem Augenblicke eine Entgleisung stattfinden. (Sexualmagie) ist etwas, welches gegenwärtig in vielen okkulten Gruppen geübt wird, die mehr oder weniger dem linken Pfade zustreben (siehe: Magie schwarze).264.280f

Esoteriker orientalische

1922 (Mitgliedervortrag)
Der Joga erlangte ja viel, als ihm das alte instinktive Hellsehen noch beistand, als die letzten instinktiven Hellseher noch Joga ausübten. Der heutige Morgenländer, der Inder (beispielsweise), nach dem heute in so phantastischer Weise zahlreiche Abendländer schauen, erlangt ja, wenn er seine Übungen macht, lange nicht dasjenige,was eine wirkliche Anschauung des ewigen Wesens der Menschenseele ist. Er lebt zum größten Teil in Illusionen dadurch, daß er vorübergehend etwas erlebt, wenn es auch etwas Elementares für das Erdenleben ist, und daß er im übrigen aus seinen heiligen Büchern etwas hineininterpretiert in das Erlebte.

Ein wirkliches Wissen, ein gründliches Wissen, ein fundamentales Wissen von dem Göttlichen der Menschenseele kann ja nur erlangt werden auf zweifache Weise. Es kann erlangt werden entweder so, wie es die Urmenschheit erlangt hat, oder so, wie es der Mensch wiederum erlangen kann auf eine viel geistigere Weise: durch intuitives Wissen, durch dasjenige Wissen, das sich aufbaut auf imaginativer, inspirierter Erkenntnis und dann gelangt bis zur intuitiven Erkenntnis.

Warum? Nun, in dem, was menschliches Nerven-Sinnessystem ist, ist ja während des Erdenlebens ausgeflossen der denkerische Teil der Seele, er ist nicht mehr für sich da.

Und im rhythmischen System (auf dem der Joga basiert) ist er nur zur Hälfte da. Man würde daran also höchstens Anhaltspunkte gewinnen, aus denen man weiter schließen könnte.

Erst im Stoffwechselsystem, diesem Materialistischsten des Erdenlebens, ist verborgen der eigentliche ewige Teil der Menschenseele. Was hier auf der Erde als das Stofflichste angesehen wird, was im Stoffwechselsystem lebt, das ist zwar nach außen hin das Stofflichste, aber weil es das Stofflichste ist, bleibt von ihm getrennt das Geistige.

Von dem anderen Stofflichen, dem Gehirn und dem rhythmischen System wird das Geistige aufgesogen, absorbiert, es ist nicht da. Bei dem Grob-Stofflichen ist es da. Nur muß der Mensch mit diesem Grob-Stofflichen sehen, wahrnehmen, schauen können.

Das war bei der Urmenschheit vorhanden und ist heute zwar nicht erstrebenswert, aber im krankhaften Zustande zuweilen noch vorhanden. Man muß sich schon klar darüber sein, was es bedeutete, daß (beispielsweise) Nietzsche gewisse Gifte zu sich nahm – was ihm nicht nachgemacht werden darf –, die einfach im menschlichen Organismus so wirken, daß sie zu einer Ätherizität, zu einer ätherischen Art des Bestehens im menschlichen Organismus führen, daß sie durchsprühen das Denksystem und dadurch hervorrufen dasjenige, was wir verfolgen können in Nietzsches «Zarathustra».

Die (geisteswissenschaftlichen) Intuitionen machen sich fähig, das Geistig-Seelische abgesondert vom Stoffe als solches wahrzunehmen, da wirkt nichts Stoffliches mehr, wo diese Intuition geschildert wird. Es sind (das daher) zwei entgegengesetzte Pole. 211.134f

Esoteriker-Pathologie

1914-1918 (Mitgliedervortrag)
Wir leben in einem Zeitalter, in dem unbedingt etwas von okkult-geistiger Erkenntnis in die ganze Kulturbewegung einfließen muß. Nun ist die okkulte Strömung für die Entwickelung der Menschheit im Grunde genommen eigentlich niemals ganz abgerissen. Aber man muß schon mit einem, nicht gerade Vorurteil, aber mit einer Art Vorempfindung, die sehr verbreitet ist auch in unseren Reihen, brechen, wenn man gewisse Dinge, die man schon wissen soll, in der richtigen Art beurteilen will.

Brechen muß man nämlich – es kann schon nicht anders gesagt werden – mit einer gewissen Traumessucht, mit einer gewissen Verschlafenheit, die sich so leicht demjenigen ergibt, der an unsere geisteswissenschaftliche Bewegung herantritt und etwas so recht Molliges haben will für seine Seele, etwas, das ihn so warm durchs Leben trägt, bei dem man zuhört, das man so auf sich wirken läßt, daß es einem dabei warm wird, daß man glauben kann an die höhere Bestimmung der Menschenseele, was ja alles ganz richtig ist, was aber auch durchaus verbunden sein kann mit einem gewissen Einlullen des Gemütes.

Das beobachtet man ja nur zu häufig gerade bei denen, die Geisteswissenschaft auf ihre Seele wirken lassen und die nicht zu gleicher Zeit anstreben, gerade durch das, was Geisteswissenschaft sein kann, ein klares, sicheres Urteil über die Begebenheiten des Lebens, über die Verschlingungen der Tatsachen, innerhalb welcher ja jeder einzelne Mensch steht, zu finden. 174a.103f

Esoteriker und Adept

1907/08 (Öffentlicher Vortrag)
Es ist ein Unterschied zwischen einem Eingeweihten, einem Hellseher und (einem Adepten) einem solchen, der höhere Kräfte anwendet im Dienste der physischen Welt. 56.107

Esoteriker und Bescheidenheit

1914-1921 (Mitgliedervortrag)
Der heutige Mensch ist eitel und selbstsüchtig, und wenn irgend etwas in seiner Seele aufsteigt, dann ist er sich zumeist klar darüber, daß es seine Genialität ist, die das hat aufsteigen lassen. Bescheiden sein, das ist ja eine ins Leben hineingestellte Ermahnung; im Inneren seines Wesens bescheiden zu sein, ist für den Menschen nicht so ganz leicht.

Bescheiden zu sein bedeutet auch, daß man wirklich unterscheiden lernt zwischen dem, was aus der eigenen Kraft der Seele heraufkommt, und dem, was von fremden, übersinnlichen Impulsen aus der eigenen Seele heraufkommt. 174b.270

Esoterik – Gefahren

1912 (Mitgliedervortrag)
Wenn der Mensch mit dem hellsichtigen Bewußtsein durch die Übungen der imaginativen Erkenntnis hinunterdringt ins Unterbewußtsein und nicht aufmerksam ist darauf, daß er da zunächst nur sich selbst findet mit alledem, was er ist und was in ihm wirkt, dann ist der Mensch den allermannigfaltigsten Irrtümern ausgesetzt; denn durch irgendwelche mit den gewöhnlichen Bewußtseinstatsachen vergleichbare Art wird man keineswegs gewahr, daß man es zu tun hat nur mit sich selber. Es tritt auf irgendeiner Stufe die Möglichkeit auf, sagen wir Visionen zu haben, Gestalten vor sich zu sehen, die durchaus etwas Neues sind gegenüber dem, was man sonst durch die Lebenserfahrungen kennengelernt hat. Das kann auftreten.

Wenn man aber etwa die Vorstellung haben sollte, daß das schon Dinge sein müßten der höheren Welten, so würde man sich einem schweren Irrtum hingeben.

Diese Dinge stellen sich nicht so dar, wie sie sich für das gewöhnliche Bewußtsein die Dinge des inneren Lebens darstellen. Wenn man in die Tiefen, die wir die verborgenen Seelentiefen nennen, hinuntersteigt, dann kann man durchaus nur in sich selbst sein, und dennoch kann das, was einem entgegentritt, sich so hinstellen, als wenn es außer uns wäre. 143.80

1912 (Mitgliedervortrag)
Es kann einen eigentlich nur die Sorgfalt der Schulung, nur die Sorgfalt, wie man sich hineinfindet in den Okkultismus, einen davor retten, Irrtümern zu verfallen.

[Dieser Absatz wurde bearbeitet] Wenn man weiß, daß man gut tut, das, was man zuerst sieht, bloß als die Hinausprojektion seines eigenen Innenlebens zu betrachten, dann hat man ein gutes Mittel gegenüber den Irrtümern auf diesem Wege. Wenn man weiß: Du mußt zuerst eine ganze Welt vor dir sehen, mußt Tatsachen um dich herum wahrnehmen, – etwas, was du nicht auf dich beziehst – was in dir ist, aber wie ein Welttableau erscheint. Das ist das allerbeste: zunächst alles wie Tatsachen zu betrachten, welche aus uns selber aufsteigen. Meistens steigen die Tatsachen aus unseren Wünschen, Eitelkeiten, aus unserem Ehrgeiz, kurz aus den Eigenschaften auf, die mit dem Egoismus des Menschen verknüpft sind.

Diese Dinge projizieren sich hauptsächlich nach außen, und Sie können jetzt die Frage aufwerfen: Wie entkommt man nunmehr diesen Irrtümern? Wie kann man sich vor ihnen retten? – Durch die gewöhnlichen Tatsachen des Bewußtseins kann man sich eigentlich nicht vor ihnen retten.

Es kommt gerade dadurch der Irrtum zustande, daß man sozusagen, während einem sich in Wirklichkeit ein Welttableau gegenüberstellt, nicht aus sich herauskann, in sich ganz verstrickt ist. Daraus können Sie schon entnehmen, daß es eigentlich darauf ankommt, daß wir in irgendeiner Art aus uns herauskommen, in irgendeiner Art unterscheiden lernen: Hier hast du eine Vision und hier eine andere. Die Visionen sind beide außer uns. Die eine ist vielleicht nur die Projektion eines Wunsches, die andere ist eine Tatsache. Aber sie sind nicht so verschieden, wie es im gewöhnlichen Leben ist, wenn ein anderer sagt, er habe Kopfschmerz, und wenn man selber Kopfschmerz hat.

Geradeso herausprojiziert in den Raum ist das eigene Innere wie das fremde. Man lernt sie nicht unterscheiden durch sein Bewußtsein zunächst, sondern die Möglichkeit liegt nur in der langsamen okkulten Erziehung der Seele. Wenn wir immer weiter und weiter kommen, kommen wir eben auch dazu, wirklich unterscheiden zu lernen, das heißt, auf dem okkulten Gebiete das zu machen, was wir machen müßten, wenn Phantasie- und wirkliche Bäume nebeneinander wären. Durch die Phantasiebäume können wir hindurchgehen; an den wirklichen Bäumen stoßen wir uns. So etwas Ähnliches, aber jetzt natürlich nur als geistige Tatsache, muß uns entgegentreten auch auf dem okkulten Felde.

Nun kann man, wenn man richtig vorgeht, in verhältnismäßig einfacher Weise unterscheiden lernen das Wahre vom Falschen auf diesem Gebiet, aber nicht durch Vorstellungen, sondern durch einen Willensentschluß. Wenn wir unser Leben überschauen, so finden wir in diesem unserem Leben zwei deutlich unterscheidbare Gruppen von Vorkommnissen. Wir finden oftmals, daß dieses oder jenes, das uns gelingt oder mißlingt, eben in ganz regulärer Weise mit unseren Fähigkeiten zusammenhängt. Aber andere Dinge, von denen können wir die Meinung haben: Sie treten ein, ohne daß wir etwas finden, was wir als Ursache angeben können. 143.82f

1912 (Mitgliedervortrag)
Wir können uns alle diejenigen Dinge zusammenstellen, für die wir die Ursachen im Leben nicht einsehen können. Und nun machen wir folgendes Experiment: Wir konstruieren gewissermaßen einen künstlichen Menschen, der gerade so geartet ist, daß er all das, von dem wir nicht wissen, warum es uns gelungen ist, durch seine eigenen Fähigkeiten herbeigeführt hat. Wir konstruieren uns also einen Menschen, der just alles auf sich lädt, wovon wir da den Zusammenhang nicht einsehen können. Jeder der das versucht, wird eine sonderbare Entdeckung an sich machen, nämlich daß er von diesem Menschen, den er sich da zurechtgebildet hat, nicht mehr loskommen will, daß der anfängt, ihn zu interessieren. Wenn Sie den Versuch machen, werden Sie schon sehen: Sie kommen von diesem künstlichen Menschen nicht wieder los; der lebt in Ihnen. Und sonderbarerweise: Er lebt nicht nur in uns, sondern verwandelt sich in unserem Inneren.

Es ist, mit anderen Worten, das, was ich Ihnen beschrieben habe, der Weg, um nicht bloß in sein eigenes Seelenleben hineinzugaffen um etwas zu finden, sondern es ist ein Weg aus dem Seelenleben heraus in die Umgebung. Denn das, was uns mißlingt, bleibt nicht bei uns, sondern gehört der Umgebung an. 143.85f

1912 (Mitgliedervortrag)
Man erhält auf diese Art ein Gefühl seines Zusammenhanges mit seinem Schicksal, mit dem was man Karma nennt.

Durch dieses Seelenexperiment ist ein realer Weg gegeben, um das Karma in sich in einer gewissen Weise zu erleben. Wenn nun unsere Seele solche Wege geht, gewöhnt sie sich, nicht bloß in ihrem Inneren zu leben, in ihren Wünschen und Begierden, sondern daran, äußere Vorkommnisse auf sich zu beziehen. Und wenn wir noch dazu kommen, unserem gesamten Schicksal gegenüber uns so zu stellen, daß wir es in Gelassenheit auf uns nehmen, daß wir uns denken: Wir nehmen es gerne auf uns, denn wir haben es selbst über uns verhängt –, dann bildet sich eine Gemütsverfassung heraus, die so ist, daß wir, wenn es sich darum handelt, bei dem Hinabdringen in die verborgenen Seelentiefen das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, mit absoluter Sicherheit das Wahre vom Falschen unterscheiden können.

Wenn man mit dem geistigen Auge auf irgendeine Vision sieht und man sie einfach dadurch, daß man alle seine Kräfte, die man als sein Inneres fühlt, die man dann kennengelernt hat, wegschaffen, wegzaubern kann, sozusagen durch seinen bloßen Blick, dann ist sie ein bloßes Phantasma. Wenn man es aber nicht wegschaffen kann auf diese Weise, sondern wenn man höchstens wegschaffen kann, was an die äußere Sinneswelt erinnert, also das eigentlich Visionshafte, das Geistige aber dableibt wie eine feste Tatsache, dann ist es wahr. 143.87f

Man kann viele Dinge auf dem okkulten Plane sehen, aber das Unterscheidungsvermögen ist noch etwas anderes als das bloße Sehen, das bloße Wahrnehmen. Das muß scharf betont werden. Wir kommen also, wenn wir in unsere verborgenen Seelentiefen hinuntertauchen – und jeder Hellseher muß das –, zunächst in uns selbst, im Grunde genommen. Und wir müssen uns selbst dadurch kennenlernen, daß wir wirklich jenen Übergang machen, indem wir zunächst eine Welt vor uns haben, von der uns Luzifer und Ahriman jederzeit versprechen, daß sie uns die Reiche der Welt schenken werden. Das heißt, es wird uns unser Inneres hingestellt, und der Teufel sagt: Das ist die objektive Welt. –

Das ist eben die Versuchung, der selbst der Christus nicht entging. So wie unser geistigseelischer Kern für die äußere Wahrnehmung, für das, was die gewöhnlichen Bewußtseinstatsachen sind, sich des Spiegels unseres physischen Leibes bedienen muß, so muß sich der Mensch in bezug auf seinen geistig- seelischen Kern für die zunächst ihm gegenübertretenden geistigen übersinnlichen Tatsachen seines Ätherleibes als Spiegelungsapparat bedienen. Die höheren Sinnesorgane, wenn wir sie so nennen können, treten im astralischen Leibe auf; aber spiegeln muß sich das, was in ihnen lebt, am Ätherleibe. Und nun ist es ganz natürlich, da uns unser Ätherleib gewöhnlich nicht bekannt ist, er aber das darstellt, was uns eigentlich belebt, daß wir ihn selber zuerst kennenlernen müssen, bevor wir das erkennen lernen, was aus der übersinnlichen Außenwelt in uns hereinkommt und an diesem Ätherleibe sich spiegeln kann. Das, was wir so erleben, indem wir in die verborgenen Tiefen unseres Seelenlebens kommen und zuerst sozusagen uns selbst, die Projektion unserer Wünsche erleben, das ist dem Leben sehr ähnlich, das man gewöhnlich das Kamaloka nennt. 143.89f

Esoterik – Gefahren durch die Geister der Finsternis

1917 (Mitgliedervortrag)
Zwischen dem Jahre 1841 und 1879, sollte es sich entscheiden, ob eine gewisse Summe von spiritueller Weisheit in der geistigen Welt droben reifgemacht werden kann, so daß sie vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an allmählich auf die Erde herunterträufelt, das heißt, in die menschlichen Seelen hineinkommt und in den menschlichen Seelen spirituelles Wissen anregt, solches Wissen, das wir eben heute als Wissen der Geisteswissenschaft bezeichnen. Nicht reif werden zu lassen drüben in der geistigen Welt das, was da herunterträufeln sollte, das war die Absicht jener Angeloigeister (Geister der Finsternis genannt). Sie haben nämlich nicht verhindern können – darinnen besteht ja das, daß sie den Kampf verloren haben –, sie haben nämlich nicht verhindern können, daß die Zeit gekommen ist, in der das spirituelle Wissen herabträufelt. Dieses spirituelle Wissen ist jetzt da und wird immer weiter und weiter sich entwickeln; die Menschen werden die Fähigkeit haben können, die geistige Welt zu durchschauen.

Aber nun sind diese Angeloiwesen auf die Erde herabgestürzt und wollen hier Unheil stiften mit dem Herabträufeln, wollen hier dieses Wissen in falsche Bahnen leiten, wollen diesem Wissen seine gute Macht rauben und es in schlechte Kanäle bringen. Kurz sie wollen das, was sie mit Hilfe der Geister drüben nicht haben erreichen können, hier mit Hilfe der Menschen erreichen, weil sie herabgestürzt sind seit dem Jahre 1879. 178.92f

Esoterik in der Anthroposophischen Gesellschaft

1921-23 (Lehrerkonferenz)
Es gab genügend Esoterisches vor Jahren (in den Anfängen). Ich habe davon müssen absehen, weil die Esoterik in schändlicher Weise mißbraucht worden ist. Es ist alles Esoterische einfach hinausgetragen worden in die Welt und wird entstellt. In dieser Beziehung ist etwas so Schändliches nie vorgekommen, als gerade in unserer esoterischen Bewegung. Es war immer jeder Esoterik gegenüber, und selbst wenn es anrüchige Sachen waren, dies, daß es intim gehalten worden ist. Das hat immer über viele Zeiten hinübergewirkt. In die Anthroposophische Gesellschaft ist eben das Cliquenwesen eingedrungen, und das Cliquenwesen hat sich innerhalb der Gesellschaft über alles gesetzt, leider auch über die Esoterik. Es ist die Esoterik ein schmerzliches Kapitel der anthroposophischen Bewegung. 300b.57f

Esoterik moderne

1912 (Mitgliedervortrag)
Eine jede für die heutige Zeit richtige Esoterik muß alle Methoden verbannen, welche aus den niederen Leibern in das Ich heraufpumpen die Kräfte, die zur höheren Erkenntnis führen sollen; denn dadurch sind wir gesund, daß diese Kräfte unten bleiben. Die Kräfte zur Entwickelung der hellseherischen Fähigkeiten sind unmittelbar in der Gegend des Kehlkopfes lokalisiert. Es sind das im höchsten Sinne moralische Fähigkeiten, die auch in der Buddha-Lehre als der achtgliedrige Pfad dargestellt werden. Bis zu einem gewissen Grade sind sie moralische; im weiteren führen sie den Menschen hinauf zu einer Durchmoralisierung auch unserer Erkenntnis, zu einer Imprägnierung derselben mit dem, was sonst in unserer Moral ist. 143.58

Widersprüchlichkeit des Esoterikers

1919 (Mitgliedervortrag)
Menschen selbst, die theoretisch die (geisteswissenschaftlichen) Dinge verfolgen können, haben keine Ahnung, daß jemand, der im Geiste wirken will, aus dem Geiste heraus wirken muß, dem er gerade einverleibt ist in diesem Augenblick. 192.351
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