Wesen und Erscheinung der Anthroposophie
18. Wiederverkörperung und Karma
Der Karmagedanke besagt, daß die geistige Individualität (die unsterbliche und ungeborene Ichwesenheit) die Früchte und Hindernisse, die Ergebnis der vergangenen Lebensläufe sind, wieder in sich aufnimmt, um sie in den künftigen Inkarnationen in ihr Schicksal zu verweben. Doch erscheinen die Ergebnisse des vergangenen Erdenlebens in einer solchen Metamorphose, daß ihr Zusammenhang mit dem vorangegangenen oder den vorangegangenen irdischen Existenzen im Einzelfall nicht verstandesmäßig zu erschließen ist. So metamorphosiert sich die Gliedmaßenorganisation einer Inkarnation in die Kopforganisation der folgenden, das Geistige gestaltet sich ins Seelische um, das Seelische ins Ätherische, das Ätherische ins Physische und dieses wiederum ins Geistige. Irrtum wird zu Seelennot, Haß zu Krankheit, aus Krankheit entspringt geistige Wandlung.
Der (von Goethe stammende) Metamorphosegedanke in all seiner Einfachheit und Größe , der sich als Gestaltungsprinzip der menschlichen Wiederverkörperung offenbart, läßt es nicht zu, daß sich seelische Eigenschaften einer Inkarnation nahezu unverändert in die nächste hinüberretten. Ein solcher Vorgang wäre weniger ein Hinweis auf eine Reinkarnation des Geistes, der Individualität oder Entelechie, als vielmehr ein Hinweis auf eine Seelenwanderung. Von einer solchen könnte gesprochen werden, wenn es der betreffenden Seele gelänge, sich selbst in ihrem Zustand, mit all ihren Fähigkeiten und Mängeln, ihren Qualitäten und Eigenheiten über den Tod hinaus zu erhalten und sich wieder mit einem Leib zu verbinden. Häufig erzählen Absolventen von Rebirthing-Sitzungen, daß sie Dutzende von in kurzen zeitlichen Abständen aufeinanderfolgenden Reinkarnationen durchlebt und immer mit denselben seelischen Problemen zu kämpfen gehabt hätten. Es liegt nahe, in solchen Erlebnissen Projektionen zu sehen, in denen die Kontinuität nicht von der geistigen Individualität, sondern von gleichbleibenden Seeleninhalten gestiftet wird, während die Seele Phantasiebilder oder subjektive Imaginationen ihrer jetzigen Lage produziert und sie verzeitlicht ins innere Gesichtsfeld projiziert.
Eine Seelenwanderung ist aber nicht zwingend mit der Reinkarnation des geistigen Trägers der Identität verbunden. Nicht zufällig hat die buddhistische Philosophie Theorien über einen Reinkarnationsablauf ohne geistig-substantielle Wesenheit, die sich reinkarniert, formuliert.
Von persönlicher Unsterblichkeit, einer Unsterblichkeit der Person kann erst dann gesprochen werden, wenn diese Person eine solche Form annimmt, daß sie auch ohne das Vorhandensein einer Leibesorganisation das Bewußtsein ihrer selbst aufrecht zu erhalten vermag. In der Anthroposophie wird eine solche Form der Persönlichkeit als Geist-Selbst bezeichnet. Was an seelischen Erlebnissen und Inhalten durch den Leib bedingt ist, an dessen inneren Organen sich die Seelentätigkeit spiegelt, das muß mit dem Tode bzw. in der Folgezeit abgelegt werden, denn der Leib selbst ist nicht mehr vorhanden und was sich auf dessen Vorhandensein stützte, kann nicht Teil des unsterblichen Wesens des Menschen sein. Die Frage, was von der irdischen Persönlichkeit übrig bleibt, wenn alles Irdische abgestreift wird, muß also so beantwortet werden, daß nur übrig bleibt, was das geistige Tätigkeitswesen des Menschen schon während des irdischen Lebens an nicht auf den Leib gestützen Erlebnissen und Inhalten zu realisieren vermochte.
Die Erfahrung des Kamaloka (der Läuterung) ist Voraussetzung dafür, daß das geistige Wesen des Menschen in die höheren Regionen des nachtodlichen Lebens, in die rein geistigen Bewußtseinszustände eintreten kann. Was nicht durch Ablegung (Läuterung) des Ätherischen und Seelischen rein geistig geworden ist, kann weder ins rein Geistige eintreten, noch sich in diesem bewußt erhalten. Dieses Stadium des rein geistigen Daseins durchläuft aber die menschliche Individualität zwischen den einzelnen Inkarnationen.
So wie Inkarnation Eintauchen des Geistes in das Fleisch voraussetzt, so die Geburt in die nachtodliche, geistige Daseinsform Entfleischlichung, Geistwerdung. Es hätte gar keinen Sinn von Re-Inkarnation zu sprechen, wenn sich der Geist nicht wirklich ent-fleischt hätte. Imaginativ stellt das die Schilderung vom verzehrenden Feuer dar, in dem die Begierden, die uns an die irdische Welt fesseln, sich selbst verbrennen. Andererseits ist dieses Durchlaufen der geistigen Daseinsstufe Voraussetzung dafür, daß das geistige Urbild des künftigen physischen Leibes aufgebaut werden, sowie die Umschmelzung der vergangenen Existenz in die Schicksalsbedingungen der künftigen erfolgen kann.
Diese Umschmelzung ist mit einer Umstülpung verbunden. Was in der vorhergehenden Inkarnation Innenwelt war, wird im Dasein nach dem Tode zur Außenwelt, was außen war, wandert nach innen. Diese Umstülpung hat zur Folge, daß das, was man in der Welt bewirkt hat, als eigenes Wesen erlebt, und daß das eigene Wesen als Welt erfahren wird. Die geistig-moralischen Erlebnisse, die durch diese Umstülpung der Ich-Welt-Beziehung zustandekommen, bilden die Grundlage für die Gestaltung der seelisch-geistigen und der leiblichen Organisation in der neuen Inkarnation ebenso wie für die Ausformung der Schicksalsbedingungen, in die die geistige Individualität sich hineinbegibt und die einem auf dem neuen Lebensschauplatz von außen entgegenkommen. So wird das Fruchtbringende der vergangenen Inkarnation zu den Anlagen und Fähigkeiten, die man in die neue Inkarnation mitbringt, das im Sinne der kosmischen Moralität Schlechte, das man vollbracht hat, wird zum von außen kommenden Hindernis der eigenen Entwicklung in der künftigen Verkörperung. Bereits die Philosophie der Freiheit, ein philosophisches Werk Rudolf Steiners, schärft mit ihrer Unterscheidung zwischen innerer Bestimmtheit und Lebenschauplatz den beobachtenden Blick für die Schicksalserkenntnis. Was die Philosophie der Freiheit als Wahrnehmung bezeichnet, ist nichts anderes als der Inhalt unseres Schicksals, während der Begriff unsere Freiheit verbürgt, denn wir können ihn nicht empfangen, sondern müssen ihn tätig hervorbringen.
Der Mensch ist nur ein Teil der Gesamtevolution. Nicht nur er entwickelt sich, mit ihm und auch durch ihn entwickelt sich seine Umwelt. Der Begriff der Umwelt schließt aber die geistige Umwelt des Menschen mit ein. Dieser gehören die geistigen Wesenheiten an, die von verschiedenen Traditionen als Elementarwesen, als Devas, als himmlische Wesen oder Götter bezeichnet werden. Das Schicksal der Götter ist ebenso innig in das menschliche verflochten, wie das des Menschen in das Schicksal der Naturreiche. Die Vielfalt von natürlichen und geistigen Wesen, die ein gemeinsames Schicksal zusammenbindet, weben an der kosmischen Gesamtevolution. In dieser entfaltet sich die irdisch-kosmische Lebensgemeinschaft, die die Existenz jedes einzelnen Wesens erst ermöglicht. Diese gesamtkosmische Evolution ist das sich in unendlichen Faltenwürfen ausbreitende Gewand der Gottheit, in der wir alle leben, weben und sind.
Geistige Wesenheiten sind nicht nur Teil der kosmischen Geschichte, sondern auch der menschlichen. Vor der Neuzeit war menschliche Geschichte immer auch Geschichte von Göttern. Die Kulturen und Ethnien waren jeweils mit ihren lokalen und ethnischen Gottheiten verbunden: bei ihrem Untergang gingen auch die Völker unter, die unter ihrer Leitung standen oder gingen in den Kulturen der Überwinder auf. In vielen geistigen Traditionen und Mythen spielen diese Auseinandersetzungen übermenschlicher geistiger Wesenheiten in der Entstehung der Geschichte eine zentrale Rolle. Doch im Lauf der Evolution löste sich die Menschheit von der geistigen Vormundschaft, an die Stelle der Fremdlenkung durch geistige Mächte trat die Selbstlenkung des Menschen: Autonomie und Freiheit. Die Verantwortung trägt seit dem Anbruch der Neuzeit der Mensch selbst. Das Schicksal der Erde und der Lebewesen, die sie bevölkern, ist in die Hände des Menschen gelegt: ihr Gedeih und Verderb hängen von ihm alleine ab.