Wesen und Erscheinung der Anthroposophie





14. Die seelische Organisation

Diesem Tatbestand trägt die Anthroposophie dadurch Rechnung, daß sie die menschliche Seele als eigenständiges System von Kräften und Wirksamkeiten vom Bildekräfteleib unterscheidet. Das seelische Leben des Menschen baut auf dem organischen Leben auf, stützt sich auf dieses, steht aber auch in einer antagonistischen Beziehung zu ihm, da es sich nur entfalten kann, wenn es sich von den bloßen Lebensvorgängen emanzipiert. So ist schon die elementarste Leistung der Seele, das Wachbewußtsein, mit einer Zurückdrängung, einem Abbau der Lebenskräfte verbunden, was sich darin ausdrückt, daß der Wachzustand des Menschen regelmäßig in den Schlafzustand übergeht, der der Regeneration der während des Wachzustandes abgebauten Lebenskräfte dient.

Die Seele des Menschen wird an der physischen und ätherischen Organisation tätig und gelangt dadurch zu einem Erleben ihrer eigenen Inhalte. Was wir im herkömmlichen Sinn als Inhalt unseres seelischen Lebens bezeichnen: die Empfindungen, Gefühle, Begierden, Triebe, Leidenschaften, Vorstellungen und Gedanken, ist Ergebnis der Spiegelung der Seelentätigkeit an der physisch-ätherischen Organisation. Diese Tätigkeit der Seele erstreckt sich durch den Leib und seine Sinnesorgane auch auf die physische Umgebung des Menschen und hat die Vorstellungen von der Welt zur Folge, die der Mensch sich im Laufe seines Lebens aneignet. Es sollte jedoch die Form, die die Inhalte und Kräfte der Seele durch die Spiegelung ihrer Tätigkeit am Leib des Menschen annehmen, nicht mit der Form verwechselt werden, die sie unabhängig von dieser Spiegelung besitzen. Das leibgebundene und das leibfreie Seelenleben sind zwei Erscheinungsformen eines in sich einheitlichen Wesens. Durch die Tätigkeit der Seele am Leib erlangt der Mensch ein Bewußtsein der Wahrnehmungswelt, der Leibeszustände und der Erlebnisse der Seele, durch welche sie auf die Wahrnehmungen des Nicht-Seelischen, mit dem sie in Berührung tritt, antwortet. Diese Tätigkeit der Seele am Leib, durch die sie dem Menschen ein Bewußtsein von der Welt und von ihren eigenen Zuständen vermittelt, tritt aber selbst nicht ins Bewußtsein des Menschen. Dies bedeutet, daß ein Teil der Seelentätigkeit nicht zum Inhalt des Wachbewußtseins des Menschen werden kann.

Das Seelenwesen des Menschen ist viel umfassender als der Inhalt unseres Wachbewußtseins. Das wesenhaft Seelische ist nur einer Beobachtungsart zugänglich, die sich nicht auf die Leiblichkeit abstützt, die einen Großteil der Seele gleichsam vor der direkten Beobachtung verbirgt. Gerade weil die Seele sich zur Erlangung der Selbstwahrnehmung auf den Leib stützt, kann sie von dem Teil ihrer selbst, der an der Leiblichkeit tätig ist, kein Bewußtsein erlangen. Dies könnte sie nur, wenn sie diesen Teil ihrer selbst aus dem Zusammenhang mit dem Leib zu befreien vermöchte.

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