Bei einer Internet-Recherche zu folgendem Thema fand ich es erschreckend, wie wenige, wirklich informative Aufsätze zur "Christengemeinschaft" online erhältlich sind. Folgender Beitrag ist als Versuch zu werten, diesem Umstand entgegenzuwirken, ohne jedoch einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben . Für Meinungen, weitere Anregungen und Diskussionsgrundlagen aus jeder Richtung wäre ich in diesem Sinne dankbar. (r.schulte@efh-bochum.de oder hunger.schulte@gmx.de)

Die Christengemeinschaft -,

Bewegung für religiöse Erneuerung

Entstehung, Entwicklung, Zielsetzung


Themenbereiche :

- Die Wurzeln der Christengemeinschaft in der Christosophie Rudolf Steiners - Grundzüge der Christosophie
- Die Gründung der Bewegung - Entwicklung der Bewegung
- Ausformung von Strukturen und Hierarchien
- Die religiöse Orientierung / das sakramentale Leben der Christengemeinschaft
- Kontroverse Christengemeinschaft - Kirche


1 Einführung
1.1 Zur Aktualität des Themas
1.2 Vorgeschichte und Umfeld
2 Entstehung
2.1 Die Wurzeln der Christengemeinschaft in der Christosophie Rudolf Steiners
2.1.1 Grundzüge der Christosophie
2.1.2 Das Verhältnis Christengemeinschaft - Anthroposophie
2.2 Die Gründung der Bewegung
2.2.1 Die ,geistige" Grundlegung
2.2.2 Die ,irdische" Grundlegung
3 Entwicklung
3.1 Ausformung von Strukturen und Hierarchien
3.1.1 Das Priestertum
3.2 Entwicklung der Bewegung durch die sich wandelnden Zeiten
4 Zielsetzung
4.1 ,Religiöse Erneuerung" - was ist das....
4.2 Die religiöse Orientierung der Christengemeinschaft
4.3 Das sakramentale Leben der Christengemeinschaft
4.4 Der soziale Bezug
5 Kontroverse
5.1 ,Hier scheiden sich die Geister...."
6 Fazit
7 Anhang

7.1 Glaubensbekenntnis der Christengemeinschaft
7.2 Das Verhältnis der christlichen Kirche zur Christengemeinschaft
7.3 Kritische Stellungnahme/Fragen der christlichen Kirche an die Christengemeinschaft
7.4 Literaturliste


1
Einführung


1.1
Zur Aktualität des Themas

Die zunehmende Suche nach Antworten auf die Sinnfrage des menschlichen Lebens, die Unsicherheit, was das neue Jahrtausend dem Menschen bringen möge und die Suche nach Gemeinschaft/Geborgenheit in einer Gruppe von Gleichgesinnten nähren auf dem Hintergrund der ,Kirchenüberdrüssigkeit" den Zulauf von Sekten und sogenannten Psychogruppen.
Es eröffnet sich ein nahezu unüberschaubares Angebot älterer und jüngerer Bewegungen, deren Differenzierung nur noch mit Spezialwissen möglich scheint.In diesem Zusammenhang trifft man auch auf die ,Die Christengemeinschaft-Bewegung für religiöse Erneuerung".

Es soll hier nicht darum gehen, das Spezialwissen zu vermitteln, ob es sich bei dieser Gruppierung um eine Sekte oder etwas ähnlichem handelt, sondern um die Bewegung an sich - ihre Entstehung, Entwicklung und Zielsetzung.

Ein weiterer Grund für die Aktualität dieses Themas ist die enge Verquickung der Christengemeinschaft mit der Person und den Lehren - speziell der Christosophie - Rudolf Steiners, dem Begründer der Anthroposophie.
Mit Aufmerksamkeit ist zu beobachten, daß sich gerade die praktischen Umsetzungen seiner Lehren, wie die anthroposophische Medizin, die Waldorf-Pädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft und eben auch die Christengemeinschaft einer größeren Beliebtheit denn je erfreuenüberraschenderweise meist ohne Kenntnis davon, daß diesen ein überaus komplexes Weltanschauungssystem zugrundeliegt.

Um als Außenstehender der Komplexität und Bedeutung, schlicht als Interessierter dieser Bewegung gerecht zu werden, ist ein Wissen um die Zusammenhänge erforderlich.

1.2 Vorgeschichte und Umfeld

Der l.Weltkrieg hinterließ nicht nur ein verwüstetes äußeres Umfeld, sondern war auch Anlaß für einen ,inneren" Zusammenbruch, der sich im Geistesleben sowohl der Intellektuellen und Künstler, als auch in religiösen Kreisen auswirkte.

Erschreckt durch die Gewissenlosigkeit politischer und kirchlicher Führer, der Preisgabe des menschlichen Wertes in den Stellungskriegen, das Segnen von Waffen der Kriegsteilnehmer beider Seiten und der politisch- soziale Zusammenbruch der Gesellschaft führten zu einer allgemeinen Desillusionierung.

Diese bereitete den Boden für die Sehnsucht nach einer kompletten Neuorientierung in fast allen Gesellschaftsbereichen. Die ,Weimarer Republik" steckte in den Kinderschuhen, Jugendbewegungen, wie die ,Wandervögel" hatten einen extremen Zulauf, auf allen Feldern der Kunst gab es radikale Neuanfänge und Philosophen, Dichter und Denker machten Entwürfe, wie man ein Zusammenleben gestalten könnte.

Unter diesen befand sich auch Rudolf Steiner, der schon vor der Jahrhundertwende durch seine Anthroposophie auf sich aufmerksam gemacht hatte, Friedrich Rittelmeyer - seines Zeichens evangelischer Pfarrer - wie auch eine Gruppe aufbruchswilliger junger Menschen.

,Im Juni 1921 traf sich der Kreis von damals achtzehn jungen Menschen zum erstenmal. Studenten und Studentinnen, Jugendbewegte und solche, die allein ihre Wege gesucht hatten. Unser aller brennendes Verlangen zielte auf eine religiöse Wirksamkeit. Und die Krisis des Zeitalters hatte in uns die Überzeugung vertieft, daß der wesentlichste Beitrag zur menschlichen Erneuerung auf dem innersten, dem religiösen Felde zu leisten wäre. Aber in den Kirchen zu wirken, schien uns unmöglich; die zünftige Theologie verschlug uns den Atem. Ein Teil von uns war bereits in die Naturwissenschaft oder in eine künstlerische Betätigung ausgewichen. Nun waren wir, als Einzelne oder in kleinen Gruppen, unabhängig voneinander auf die überragende geistige Größe Rudolf Steiners aufmerksam geworden. Unsere staunende Bewunderung und Spannung war insbesondere dadurch erregt worden, daß durch die Geistesforschung, die den Bann des Materialismus real durchbrach, die unerwarteten Lichter auf die Mysterien des Christentums fielen.

Wege zu einer erstaunlichen neuen Evangelien - und Christuserkenntnis waren erschlossen. Die Hoffnung, bei Rudolf Steiner Rat und Hilfe für eine freie, neue, in das abwärtsrollende Rad der Zeit eingreifende religiöse Wi1ksamkeit zu finden, führte uns zusammen." (Stählin, S.9)

2 Entstehung

2.1
Die Wurzeln der Christengemeinschaft in der Christosophie Rudolf Steiners

Trotz aller Eigenständigkeitsbekundungen der Christengemeinschaft (siehe Punkt 2.1.2.) sind ihre Wurzeln in der Christosophie Rudolf Steiners zu finden.

2.1.1 Grundzüge der Christosophie

,Wurde der anthroposophische Erkenntnisweg als die methodische Mitte des Steinerschen
Lebenswerks vorgestellt, ein Weg, der dahin zielt, Menschen der Gegenwart auf die Bahn einer inneren Entwicklung zu bringen, so ist im Blick auf Christus zu sagen: Christus bzw. die Christosophie steht im Zentrum der Anthroposophie." (Wehr, S.91)

Um die Christosophie nachvollziehen zu können, ist auszugehen von der anthroposophischen Erkenntnis, daß es einen geistigen Raum gibt, in welchem unzählige Kräfte an der Entwicklung des Lebens in geistiger und physischer Form, sowohl jedes einzelnen Menschen, als auch des gesamten Kosmos mitarbeiten.
Hier handelt es sich um Hierarchie von Geistern - um nur einige zu nennen : Cherubine, Seraphine, Erzengel, Engel...- mit klar umrissenen Aufgabengebieten, die mal mit-, mal gegeneinander (z.B. durch Luzifer, Ahriman) und doch immer gemeinsam an dieser teilhaben.
Der Mensch steht dabei insofern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, als daß er in seiner Leibes - Entwicklung
1 im gesamten System an der Schwelle zwischen Physis und langsam aufdämmernder Fähigkeit zur bewußten Wahrnehmung des Geistbereiches steht (Ausbildung der Bewußtseinsseele). Zugrunde liegt dabei ein Evolutionsgedanke, welcher kombiniert ist mit Karma -, Reinkarnationslehre und gnostischer Denkweise. Gott ist in diesem Zusammenhang als der geistig - physische Raum zu sehen, in welchem sich dies alles vollzieht.2

Die entscheidende Rolle spielt der Christus/ die Christuskraft, aus geistig-hierarchischer Sicht ein hoher Sonnengeist, welcher als das "Licht der Welt" (Joh.8, 12) während der Jordan-Taufe in Jesus von Nazareth sein Zelt aufgeschlagen hat (Joh., 14).

Aufsehen erregt hat Steiners Deutung dieser Inkarnation dadurch, daß er von zwei Jesusknaben ausgeht, was er durch das Zusammenspiel der den Menschen Jesus von Nazareth vorzubereitenden Geisteseinflüsse zu belegen weiß.

,Im Beginne unserer Zeitrechnung sind zwei Jesusknaben geboren worden. Der eine stammte aus der nathanischen Linie des Hauses David, der andere aus der salomonischen Linie desselben Hauses. Diese beiden Knaben waren nicht ganz zu gleicher Zeit geboren, aber doch annähernd. In dem salomonischen Jesusknaben, den das Matthäusevangelium schildert, inkarnierte sich dieselbe Individualität, die früher als Zarathustra auf der Erde gelebt hat, so daß man in diesem Jesuskinde des Matthäusevangeliums vor sich hat den wiederverkörperten Zarathustra oder Zoroaster. So wächst heran, wie ihn Matthäus schildert in diesem Jesusknaben bis zum zwölften Jahre die Individualität des Zarathustra. In diesem Jahre verläßt Zarathustra den Körper dieses Knaben und geht hinüber in den Körper des anderen Jesusknaben, den das Lukasevangelium schildert. Daher wird dieses Kind so plötzlich etwas anders. Die Eltern erstaunen, als sie es in Jerusalem im Tempel wiederfinden, nachdem in dasselbe der Geist des Zarathustra eingetreten war. Das wird dadurch angedeutet, daß der Knabe, nachdem er verlorengegangen war und in Jerusalem im Tempel wiedergefunden wurde, so gesprochen hat, daß ihn die Eltern nicht wiedererkannten, weil sie dieses Kind den nathanischen Jesusknabeneben nur so kannten, wie er früher war. Aber als es anfing, zu den Schriftgelehrten im Tempel zu reden, da konnte es so sprechen, weil in dasselbe der Geist des Zarathustra eingetreten war.

Bis zum dreißigsten Jahre lebte der Geist des Zarathustra in dem Jesus Jüngling, der aus der nathanischen Linie des Hauses David stammte. In diesem andern Körper reifte er heran zu einer noch höheren Vollendung. Noch ist zu bemerken, daß in diesem andern Körper, in dem jetzt der Geist des Zarathustra lebte, das Eigentümliche war, daß in dessen Astralleib der Buddha seine Impulse aus der geistigen Welt einstrahlen ließ [...]. Das alles war notwendig, damit der Leib zustande kommen konnte, welcher dann am Jordan die Johannes-Taufe empfing. Bei dem Christus Jesus blieben nach der Johannes-Taufe die kosmisch-geistigen Kräfte allein wirksam, ohne alle Beeinflussung durch die Gesetze der Erdenentwicklung.

Während Jesus von Nazareth als Christus Jesus in den letzten drei Jahren seines Lebens vom dreißigsten bis zum dreiunddreißigsten Jahre in Palästina auf der Erde wandelte, wirkte fortwährend die ganze kosmische Christus- Wesenheit in ihn herein. Immer stand der Christus unter dem Einfluß des ganzen Kosmos." (Wehr, S.97-98)
Durch seine Verkörperung ermöglichte er an einem entscheidenden Punkt die weitere Entwicklung des Menschen, aber auch der Erde zur weitere Bewußtwerdung, welche zu diesem Zeitpunkt Gefahr liefen, den Verführungen des rein materiellen Prinzips (Ahriman), bzw. der einseitigen, vorschnellen Vergeistigung (Luzifer) anheimzufallen. Dieser Sündenfall ist eine von Gott zugelassene Tatsache, welche nach der Erlösungstat Christi zum Guten gewendet und in den Dienst der immer bewußter verlaufenden Ich-Entwicklung gestellt worden ist. Diese geschah im sogenannten "Mysterium von Golgatha", dem Ort der Kreuzigung Christi, wo der Christusimpuls in die entsprechenden Menschen- und Planetenleiber Einzug genommen hat.

Somit entwickelete sich das Christentum von der ,kosmischen Tatsache" zur ",irdischen Tatsache" (Joh. 1,14), welche nicht als ein religiöses Einzelbekenntnis anzusehen ist, das nur denen gilt, die dem kirchlichen Glaubensbekenntnis folgen, sondern es gilt der gesamten Menschheit, ohne daß Völker und Kulturen eigens zum Christentum bekehrt werden müßten. (Wehr, S. 100)

Diese Erkenntnis Steiners wurde Mitte dieses Jahrhunderts von dem Jesuiten Teilhard de Chardin modifiziert und erneuert, wobei sich mittlerweile auch in Theologenkreisen die Stimmen mehren, die nach einem "kosmischen Christus" verlangen. (Wehr, S.101)

Den Weg zu einem solchen Verständnis sieht Steiner in zwei Varianten: Während bis in das l9.Jhrdt. hinein sich dem Menschen ein vornehmlich exoterischer Weg über ,Glaube", ,Bibel" und "Abendmahl" zur Annäherung anbot, hat sich im Zuge der geistigen Entwicklung der esoterische Weg über "schauendes Wissen'`, "fortschreitende Offenbarung" und "geistige Kommunion" offenbart. Diesem Weg sind zwar schon immer einige ,Eingeweihte`' gefolgt (z.B. im Sinne der deutschen Mystik: Paracelsus, Jakob Böhme, Valentin Weigel...), doch war er dem Gros der Menschheit noch verschlossen." (von Stieglitz, S. 127)

Hier knüpft nun die gemeinsame Aufgabe der Anthroposophie und der Christengemeinschaft an, diesen Weg bekannt zu machen und gemeinsam zu gehen.

2.1.2 Das Verhältnis Christengemeinschaft - Anthroposophie

Ob der gemeinsamen Lehren Rudolf Steiners ist es für beide Seiten nicht einfach, sich voneinander abzugrenzen.

Es gibt kaum einen Artikel der Christengemeinschaft, in welchem der Name Rudolf Steiners nicht ehrfürchtig genannt oder ein Ausspruch von ihm angeführt ist, woraus sich schließen läßt, das die Bindung in diese Richtung enger ist, als die der Anthroposophie an die Christengemeinschaft.

Herr Steiner weist ausdrücklich darauf hin, daß die Anthroposophie keine neue Religion darstellt. Auf der anderen Seite gibt es jedoch Pfarrer der Christengemeinschaft, welche bekunden, ihre Theologie erst aus der Anthroposophie zu schöpfen. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich eine Problematik für beide Seiten.

Beschwichtigend versucht Rudolf Steiner durch die Vermittlung zu wirken, indem er die Anthroposophie aus dem Mittelpunkt nimmt, wenn er darauf hindeutet, daß "die Erneuerung des christlich-religiösen Lebens aus dem lebendigen Strom des Christentums hervorgeht; die Christengemeinschaft nach Katholizismus und Reformation eine weitere Stufe des Christentums darstellt; aber selbst auch keinen anderen Grundstein als den, der gelegt ist, hat: Christus." (Schroeder, S.50)

In fast ebenbürtiger Weise führt Friedrich Rittelmeyer - Gründungsmitglied und erster Erzoberlenker der Christengemeinschaft - nur etwas differenzierter aus: »Wer in der Christengemeinschaft lebt, darf sich im Kultus dem gegenwärtigen Christus unmittelbar gegenüber fühlen. Er hat Nahrung für seine Seele und Hilfe für sein Leben. Er braucht sich nicht um die anthroposophischen Einzelerkenntnisse zu kümmern. Aber er lebt mit von dem Höchsten, wozu anthroposophische Erkenntnis vordringen kann. Hat er Erkenntnisbedürfnisse, so können wir Führer der Christengemeinschaft, die wir selber aus der Anthroposophie so reich beschenkt worden sind, ihm die Hilfe dazu aus der Anthroposophie darreichen. Denn wir wollen mit der werdenden Weltanschauung gehen und nicht mit der vergehenden. Aber alles dies steht völlig in der Freiheit des Einzelnen. Nichts Anthroposophisches ist Dogma der Christengemeinschaft. Was die Christengemeinschaft eint, sind die großen Grundwahrheiten und Grundtatsachen des Christentums, allerdings aus einer neuen Geistigkeit heraus geschaut, aber doch so daß sich in ihr eben die objektiven Heilstatsachen der Menschheit aussprechen. Die Anthroposophische Gesellschaft ist eine Kulturbewegung, die alle Gebiete umspannt. Die Christengemeinschaft ist eine Heilskirche, die alle Menschen umfassen kann" (Rusche, S.27)

Auf diese Weise ist also nicht die Anthroposophie der Grundstein, sondern nur Geburtshelfer des sich erneuernden Christentums auf Erden" sie hat der Christengemeinschaft als einem selbständigen, lebendigem, von ihr unabhängigen Wesen zu Existenz verholfen und sie auf ihren eigenen irdischen Weg gestellt; sie selbst aber tritt demgegenüber ganz zurück." (Schroeder, S.5O)

2.2 Die Gründung der Bewegung

Die Gründung der Christengemeinschaft - Bewegung für religiöse Erneuerung basiert nach Bekunden der Beteiligten auf zwei verschiedenen, doch untrennbar zusammenhängenden Grundlegungen.

Gemäß des schon erwähnten anthroposophischen Anspruches und demnach auch der Christengemeinschaft die Welt des Geistigen als lebendige Wirklichkeit zu erfassen, sind dies die geistige und die irdische Grundlegung.

2.2.1 Die ,geistige" Grundlegung

Wie schon in Punkt 1.2. erwähnt, sammelte sich im Juni 1921 ein Kreis von 18 jungen Menschen um Rudolf Steiner.

Vorausgegangen waren Besuche einzelner am Goetheaneum der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach, Schweiz, infolgedessen sie sich über Umwegen, welche später als ,geistige Fügung" dargestellt werden, in folgender Eingabe an Rudolf Steiner zusammenfanden:

,Eingabe an Herrn Dr. Steiner - Da nach unserer Überzeugung die Entfaltung des Geistbewußtseins dasjenige ist, was die gegenwärtige Menschheit zunächst erwerben will, und da außerdem Religion in ihrem lebendigen Leben, in ihrem lebendigen Geübtwerden innerhalb der menschlichen Gesellschaft das Geistbewußtsein entfacht, sehen die unterzeichneten Studenten aus diesen Tatsachen eine Richtung sich ergeben für die Tätigkeit, die sie aus der anthroposophischen Bewegung heraus vielleicht auszuüben haben.
Da wir heute an den mit der Ausübung der Religion verbundenen Begriff des Priestertums nur mit einer gewissen Scheu herangehen können, solange einerseits derselbe nur abgeleitet wird von dem, was bis heute als priesterliche oder kirchliche Institution dagewesen ist, und da wir andererseits nicht wissen, ob überhaupt etwas ähnliches oder wie etwas anderes an dessen Stelle treten mu6; da wir schließlich glauben, daß alle weiteren Fragen nach der was mit religiöser Überzeugung und religiöser Betätigung umschrieben wurde und nach dem, was als religiöses Milieu das menschliche Leben von der Geburt bis zum Tode zu umgeben habe erst richtiggestellt werden können, nachdem auf diese erste Frage eingegangen worden ist, bitten wir Herrn Dr. Steiner, uns diese Frage Auskunft zu geben.

Aus einer Antwort kann sich für den einzelnen ergeben, ob er in diesem Zusammenhang Aufgaben zu erfüllen imstande ist

Stuttgart, den 22. Mai 1921 unterzeichnet von:
Werner Klein, stud. philos. Gertrud Spörri, stud. theol. Ludwig Köhler, stud. theol. Gottfried Husemann, stud. chem. früher theol. (Weitere ca. 18 Unterschriften sind angefügt.)" (Schroeder, S.58-59)

Bereitwillig nahm dieser die Anfrage auf und veranstaltete schon im gleichen Monat in Stuttgart den ersten der drei sog. ,Theologenkurse". in welchem er eine ausführliche Orientierung zu Kultus, Predigt und Gemeinschaftswirken anbot. Zwar legte Steiner den jungen Leuten nahe zu überlegen, ob ihr Reformvorhaben nicht auch innerhalb der etablierten Kirchen konkretisierbar wäre, hatte jedoch zugleich die ersten Grundzüge für eine neue Bewegung parat.

Es folgte der sehr viel ausführlichere ,Herbstkursus" in 29 Vorträgen in Dornach - nun schon mit 120 Teilnehmer - wobei sich jedoch herausstellte, daß sich bei weitem mehr diskussionsfreudige, als reformwillige Teilnehmer zusammengefunden hatten. Im Rahmen dieses Kursus führte Steiner aus, an welche drei Voraussetzungen er das Gelingen einer "religiösen Erneuerung" geknüpft sah: Verkündigung der Heilswahrheiten ohne Gebrauch der überkommenen Begriffe der etablierten Kirchen, Gründung freier Gemeinden außerhalb der hergebrachten Kir chenformen und Gemeinschaftsbildung durch Kultushandlungen, welche nicht auf der" rechten Lehre" insistieren. Das es in diesem Rahmen nicht zu weiteren Grundlegungen kam, lag an dem Umstand, daß Steiners bis dahin wichtigster Ansprechpartner bei der Planung für die Christengemeinschaft -Friedrich Rittelmeyer (1872-1938), damals evangelischer Pfarrer an der ,Neuen Kirche" in Berlin - aus Krankheitsgründen nicht anwesend war.
Rittelmeyer - als ,ältere" Schlüsselfigur neben den reformwilligen ,Jüngeren", die Konstellation von ,Älteren" und ,Jüngeren" wurde in der Christengemeinschaft bewußt aufrecht erhalten, konnte man aufgrund seiner ,Verkündigungskraft" bis dahin als Hoffnungsträger der evangelischen Kirche mit Aussicht auf ein leitendes Amt bezeichnen, bevor er sich zur ,religiösen Erneuerung" aufgerufen fühlte.
Beim dritten ,Theologenkurs" im Herbst 1922 - nun im Beisein Rittelmeyers - wurde das 1921 Dargestellte noch mal ergänzt und bis in die Gestaltung der sakramentalen Praxis, sowie zur Veranlagung der Gemeindebildung weitergeführt
Von den 120 Teilnehmern des Vorjahres nahm nun nur noch der .harte Kern" von 45 Reformern teil. Es wurde eine Stiftung unter dem Namen "Christengemeinschaft - Bewegung für religiöse Erneuerung" gegründet und das weitere Vorgehen zur Konstituierung von Gemeinden, etc. verabredet.
Den Namen ,Christengemeinschaft" hatte Rudolf Steiner schon 1902 in seinen Ausführungen über das Christentum verwendet, um zu unterstreichen, , daß für unser Bewußtsein die alten
Kirchen nicht mehr die wirkliche Gemeinschaft der Christen seien." - über Katholizismus und Protestantismus sollte die Christengemeinschaft die ,Dritte Kirche" darstellen....

2.2.2 Die ,irdische" Grundlegung

Unter der ,.irdischen" Grundlegung der Christengemeinschaft versteht man den Vorgang der Neugestaltung der Formen des Kultus. So wurde gemäß den Maßgaben Rudolf Steiners zur Neugründung (s.o.) z.B. der Gebrauch der Kultussprache vom Lateinischen in die Landessprachen geändert oder die, "Menschenweihehandlung" in Abgrenzung zum herkömmlichen Gottesdienst konzipiert. Betroffen waren u.a. die Namensgebung, die Kultussprache und der Messeablauf.
, Fast alles hat nun eine neue Gestalt und neue Lebendigkeit gewonnen, die den Kräften des heutigen Menschen, der ,Bewußtseinsseele" angemessen sind: daß heißt, sie tragen der Tatsache Rechnung, daß die Menschheit aus einem mehr kindlichgläubigen Verhältnis zum religiösen Leben herausgewachsen ist und heute ein erkennendes, selbständigeres Verhältnis dazu sucht; auch ist es heute notwendig, in der religiösen Übung mehr ein Mittätigsein als nur ein Hinnehmen der geistigen Tatsachen anzuregen. In dieser Hinsicht ist eine grundlegende Wandlung des Kultus eingetreten." (Schroeder, S.69)

3 Entwicklung

3.1 Ausformung von Strukturen und Hierarchien

Die Christengemeinschaft pflegt eine straff geführte, hierarchische Ordnung.Die verantwortliche Leitung liegt beim "Erzoberlenker", welchem zwei "Oberlenker" zur Seite stehen. Gemeinsam mit vier bestellten "Lenkern" aus der "Lenkerkonferenz" (s.u.) bilden diese den sogenannten "Siebenerkreis", welcher sich um die Belange der Gesamt - Christengemeinschaft, d.h. weltweit kümmert.Das nächste Glied in der Verantwortungskette ist die "Lenkerkonferenz", welche elf "Lenkerschaften" (überregional) betreut. Für Deutschland mit der wohl höchsten Gemeindedichte erfolgt eine Erweiterung der "Lenkerkonferenz" um 6 "Lenkerschaften". Die Grenzen der "Lenkerschaften" stimmen mit den politischen Grenzen meist nicht überein. "Lenker" betreuen in diesen, die in ihnen wirkenden Priester.
Alle "Lenker-" Positionen werden aus der Gesamt-Priestersynode bestellt, welcher wieder ein "Ältestenrat" als Laienvertretung zur Seite steht.
Auch wenn es auf den ersten Blick viele Parallelen zur hierarchischen Struktur der katholischen Kirche zu geben scheint, liegt derjenigen der Christengemeinschaft ein deutlich anderes Verständnis zugrunde. Grundlage dafür ist das Urbild des Gemeinschaftswirkens. In diesem Sinne werden die Aufgaben der Hierarchie aus der Verantwortung den Sakramenten und des Kultus gegenüber abgeleitet.

So ergeben sich als Verantwortlichkeiten der Hierarchie für das geistig - soziale Feld der Christengemeinschaft, daß der Kultus rein erhalten wird, daß die Lehre dem Kultus nicht widerspricht, daß der Zugang zum Priestertum, sowie Schwierigkeiten in der Ausübung im Sinne der (Gemeinschaft geregelt werden, usw.)Getragen wird sie von der gemeinschaftlichen Anerkennung jedes einzelnen Priesters, sich diesem Wirken "aus der Christuskraft" anzuschließen - auch bei Zurückstellung persönlicher Interessen und gleichzeitigem Einsatz aller eigenen Fähigkeiten. "Nur diese Gesinnung ermöglicht es der Hierarchie, ihre Aufgabe wahrzunehmen; d.h. die Möglichkeit des Wirkens erhält die Hierarchie allein aus dem Willen der Priesterschaft, welche die Notwendigkeit dieses Wirkens als geistig notwendig anerkennt und deshalb selbst will. In dieser Tatsache liegt ein Keim zukünftiger Sozialgestaltung: Wirken zu können aus der freienAnerkennung anderer, nicht aus Machtmitteln heraus; äußere ,Macht" steht der Hierarchie nicht zur Verfügung." (Schroeder, S.77 f )

Diese Geisteshaltung findet sich in vielen Zusammenhängen der Christengemeinschaft; neben der Anerkennung der Hierarchie z.B. auch in der Finanzierung, wo auf Spenden und Verantwortung der Mitglieder gebaut wird, obwohl das Recht als öffentliche Körperschaft zur Erhebung einer Kirchensteuer bestünde.Im Mittelpunkt des Gemeindewesens steht somit der einzelne Priester, welcher das Wesen der Christengemeinschaft voll repräsentiert. Dies kommt sowohl in seinen Aufgaben (Seelsorge, Finanzen, u.ff.), als auch in seinen Kompetenzen zum Ausdruck - jeder Priester verfügt über Weihevollmacht (Konfirmation, Priesterweihe, etc.) und Lehrfreiheit, soweit er nicht dem von ihm ausgeübten Kultus widerspricht.
"Die Autorität der Lenker und Oberlenker beruht somit nicht auf höherer geistiger Kompetenz durch höheren Weihegrad, weil es nur die eine Priesterweihe gibt an der jeder Priester der Christengemeinschaft voll Anteil hat und nichts was der katholischen Bischofsweihe entsprechen würde; die Feier beim Amtsantritt des Erzoberlenkers ist eine "Einsetzung" oder "Erhebung" und keine Weihe; sie vermittelt keinen höheren Weihegrad, sondern läßt die ganz andere soziale Kompetenz des Amtsträgers in Erscheinung treten, die mit dem Wort "Mittelpunkt der Priesterschaft" - im Gegensatz zu "Oberhaupt der Kirche" - zum Ausdruck gebracht werden kann." (Schroeder, S. 75)

Deutlich wird dabei, daß es sich bei der Christengemeinschaft um eine Bewegung handelt, die ihre Autoritätsstruktur aus dem Charisma ihrer Priester ableitet und nicht aus der Autorität, welche an ein Amt gekoppelt ist (vgl. Max Weber).
Damit folgt sie der Tradition der östlichen Kirchen (griechisch - orthodoxe Kirche), in Abgrenzung zu den traditionellen Großkirchen der westlichen Hemissphäre.


3.1.1 Das Priestertum

Wie schon in Punkt 3.1. angedeutet ist die Christengemeinschaft viel weniger in einer Organisation mit autoritären Strukturen eingebettet, als daß sie vom Wirken der Priesterschaft und des Priestertums getragen wird.

Die Mitte der Christengemeinschaft ist ihr sakramentales Leben. Dieses Leben wird gestaltet und verwirklicht durch den Priester.

Trotz Anleihen von den entsprechenden Ämtern in den beiden Großkirchen, bezüglich der Formen und des Aufgabengebietes unterscheidet sich das Priestertum der Christengemeinschaft deutlich. Ebenso wie die Christosophie Rudolf Steiners die religiösen Grundlagen der Christengemeinschaft stellt, führt sich dies im Amt des Priesters fort. Daraus erwächst - ganz im Sinne der anthroposophischen Geisteswissenschaft - ein enormer Anspruch an Person und Amt

,Auf die volle Bereitschaft zu solchem Lebenseinsatz ist dann die Priesterweibe die Antwort der geistigen Welt: sie begabt den Menschen mit der Vollmacht, beim Vollzug der Sakramente im Namen und in der Kraft Christi zu handeln. Diese Weihe wirkt jedoch nicht "automatisch" sie muß; in ständiger Übung - durch Gebet, Meditation, Zelebrieren - wirksam erhalten werden; dadurch steht jeder Priester in einem größeren Kräftestrom darinnen, aus dem heraus die sakramentale Kraft, die Kraft der Christengemeinschaft erfließt; diese Kraft zeigt sich als weit umfassend wirksamer, zukunftstragender als alles, was der Priester mit seinen persönlichen Kräften leisten und hervorbringen konnte; denn er handelt nun nicht als einzelner, sondern als Glied der Gemeinschaft, der Priesterschaft, die als Ganzes Organ und Träger der Kraft des Christus ist.

Mit dem christlichen Priestertum muß der Wille verbunden sein, die übertragene Weihevollmacht nicht als persönlichen Anspruch, zur Steigerung der eigenen Persönlichkeit zu mißbrauchen.
Der Priester soll sein ,Diener und Pfleger" - Diener des Wortes Christi, aber auch Diener an den Menschen; so heißt es im Lukas-Evangelium :" der Vornehmste (unter euch )soll er sein, wie ein Diener ... Ich bin unter euch wie ein Diener (22,26f)" In diesem Sinne ist Priestertum Dienst; die Weihevollmacht soll allein in den Dienst der größeren, göttlichen Sache gestellt werden.

Zu diesem Dienen-wollen kommt dann das Bewußtsein hinzu, daß der Vollzug der Sakramente immer auch eine Gemeinschafts- und Gemeindeangelegenheit ist. Denn nur im Gemeinde-Wirken können sich die Kräfte Christi recht entfalten. Sie suchen ja die ganze Menschheit, sind nie nur auf den einzelnen gerichtet. So ist die erste und vorzügliche Zielsetzung des Priesterwirkens die Gemeindegründung und Gemeindebildung, d. h. das Finden der Menschen, die sich mittragend, mitwirkend, mitvollziehend in das sakramentale Handeln hineinstellen wollen." (Schroeder,S.115)

Das Priestertum der Frau ist in der Christengemeinschaft selbstverständlich. Die äußeren und inneren Kämpfe innerhalb der evangelischen Kirche um Recht und Grenzen der Arbeit sind nicht geführt worden.

Nebenbei bleibt zu erwähnen, daß sich die notwendige Hingabe der Priesterschaft auch im finanziellen Bereich beweist, da es prinzipiell keine Gehaltsstufen gibt, die sich an "Dienstalter", Ansehen, Leistung, etc. orientieren. Hier wird versucht, die Einkünfte ausschließlich nach den Bedürfnissen für Lebensunterhalt, Weiterbildung, Erholung, etc. zu richten.

3.2 Entwicklung der Bewegung durch die sich wandelnden Zeiten


Die Entwicklung der Christengemeinschaft seit der ersten "Menschenweihehandlung" am 16. September 1922 ist in drei entscheidende Abschnitte zu unterteilen.

Während es seit 1922 eine rasche stete Ausbreitung der Bewegung sowohl in Deutschland, als auch in Europa und Nordamerika gegeben hat, kam es im Juni 1941 zum Verbot durch das NS-Regime.
Dieses hatte die Gefahr erkannt, welche in dem esoterisch - christlichem Anspruch der Christengemeinschaft lag, Kult und Sakramente zu neu etablieren und dadurch neue Lebens- / Glaubenskräfte zu wecken, welche man in den Großkirchen schon nicht mehr zu finden meinte.
Von diesen, sah man keine Kraft mehr ausgehen, den nationalsozialistischen Allein - Anspruch auf Kultushandlungen zu gefährden.
Ab 1943 erfolgten die ersten Internierungen in Konzentrationslagern, nachdem es im Vorfeld bei der Auflösung der Gemeinden, Versammlungsverbot und der Vernichtung der Schriftbestände geblieben war.

Die Zeit des Verbotes und der Verfolgung schweißte die Christengemeinschaft jedoch eher zusammen, so daß man vom ,Aufgang im Untergang" sprach. Der Vollzug der Sakramente auch noch in den Konzentrationslagern und in ,konspirativen" Gemeindeversammlungen, hielt in dieser Zeit die Gemeinschaft aufrecht. Da in diesem die Nationalitätenfrage keine Rolle spielt, kam es auch nach 1945 zu einem schnellen, nationalen und internationalen Zusammenschluß der durch den Krieg zersprengten Gemeindeglieder.

Seit 1945 vollzog sich eine erneute Ausbreitung und Konsolidierung in alle Richtungen, die v.a. bestimmt ist durch die Wiederbeschaffung und Neu-/ Wiedereinrichtung von Kultusräumen, der Konstituierung von Gemeinden und den Ansprüchen, welche die internationale Expansion stellt (z.B. Übersetzung der Kultus - in Landessprachen, strukturelle, organisatorische /finanzielle Regelung, etc.)

Das Zentrum der Christengemeinschaft ist in Stuttgart angesiedelt, dem Ort mit der größten Gemeinde. Hier befindet sich auch seit 1953 das Priesterseminar, sowie der bewegungseigene Verlag Urachhaus.

Weltweit umfaßt die Christengemeinschaft ca. 20000-30000 Mitglieder, davon 12000 in Deutschland (Stand 1994). Jedoch ist mit einem Mehrfachen an ,Zugehörigen'` zu rechnen, da eine Doppelmitgliedschaft in anderen Kirchen möglich und häufig ist.

4 Zielsetzung

4.1
,Religiöse Erneuerung" was ist das....


Vielerorts und gerade in der heutigen Zeit ist die Kritik zu vernehmen, das Christentum hätte abgewirtschaftet, was durch eine enorme Anzahl an Kirchenaustritten und zunehmenden Hinwendung zu östlichen Religionen, Sekten und Psychogruppen deutlich sichtbar wird.

Ganz im Sinne Rudolf Steiners, welcher mit seiner anthroposophischen Geisteswissenschaft gegen die ,abgewirtschaftete", einseitig materialistische Sichtweise des Lebens für eine Erneuerung, bzw. Erweiterung der Naturwissenschaften angetreten ist, strebt die Christengemeinschaft eine religiöse Erneuerung an. Dies vollzieht sich nach dem Motto: "Das Christentum hat nicht abgewirtschaftet, sondern seine eigentliche Mission noch gar nicht voll angetreten.'`

So will die Christengemeinde ,...nicht zu den hunderten von Sekten und Konfessionen als eine neue hinzukommen. Sie meint ein Anliegen des Christentums selber zu führen. das sich anschickt, eine neue, reinere Form seines Wesens vorzubereiten, um in die Entscheidungen des kommenden Jahrtausends besser gerüstet einzutreten." (Stählin, S.53)

Dabei weiß die Christengemeinschaft um ihren eschatologischen Auftrag. Sie sieht sich als ,Kirche der Zukunft", welche auf die schon bestehende oder sich entwickelnde Erkenntnisfähigkeit der Menschen zählt, Christus/das Christentum als geistig-mythische Tatsache zu erkennen - nicht mehr nur an Ihn zu glauben.

,Die historisch-notwendige Einseitigkeit und Zeitgebundenheit des Protestantismus zu durchschauen, bedeutet zugleich den Reichtum zu ahnen, zu dem die neue Reformation das Tor auftut... Es lag nicht im Wesen des Christentums begründet, sondern gehört zu der historischen Einseitigkeit des Protestantismus, daß durch das Abstreifen des Kultus eine natur - und kunstfremde Lehr- und Moralströmung auf christlichem Boden entstand. Durch die Wiedergeburt von Kultus und Sakrament in der neuen Reformation gewinnt das Christentum seinen (von den Großkirchen) vergessenen kosmischen Charakter zurück. Die Natur, wie sie durch den Pulsschlag der Jahreszeiten erlebt wird, rückt wieder in den Bereich des religiösen Lebens herein, und die Kunst darf als die erhellende Schwester der Religion wieder mitwirken an den neuen Altaren... Noch ehe die Katastrophen ihren Höhepunkt erreichten, wurde die Menschheit während des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts durch eine umfassende Kulturinspiration für ihre schweren Zukunftswege ausgerüstet. Rudolf Steiner schloß, indem er das Denken zur unmittelbaren Geisteswahrnehmung erkraftete, die Tore der übersinnlichen Welt auf. Helles Licht fiel dadurch auch auf die Mysterien des Christentums und auf den Schritt, der jetzt zu tun war, um über Katholizismus und Protestantismus hinaus dem Christentum für die neu anbrechende Zeit die gemäße Form zu geben. Die geistige Welt selbst schenkte die neue Reformation. Diejenigen welche die
Christengemeinschaft begründeten, brauchten nichts zu tun als sich mit all ihren Kräften zu rechten Herolden und Pflegern des Empfangenen zu machen."(Stählin, S.50)

Die Aufgaben der ,neuen Reformation`' durch die Christengemeinschaft stellte Emil Bock (2.Erzoberlenker l938- 1959) kurz nach dem 2. Weltkrieg in 7 Thesen zusammen:

1. Das Christentum stammt in seinen Formen aus Zeiten, in denen es die heutige Kulturproblematik noch nicht gab. Es muß darum erneuert, ,in seinen Einwirkungen auf das menschliche Denken und Wollen aufs Laufende gebracht und gegenwartsfähig gemacht werden.

2. Das Christentum muß ,einen Schritt über den Protestantismus hinaus" tun, indem sich die heilenden Kräfte ,als der überpersonlichen Ebene angehörig ausweisen... Das nur - persönliche, religiös- moralische Element.. kann nicht mehr ausreichen".

3. ,Daraus ergibt sich die Losung: Erneuerung des Christentums durch die Kräfte eines erneuerten Kultus und Sakramentalismus."

4. ,Der neue Sakramentalismus, durch den das Christentum seine heute zeitgemäße Form findet, muß dem modernsten Stande der Gedanken- und Bewußtseinsentwicklung nicht nur entsprechen, sondern auch für diese Entwicklung die vorwärtsführenden Inspirationsquellen erschließen."

5. ,Durch den erneuerten christlichen Sakramentalismus darf keine Umgehung und Dämpfung der Ichhaftigkeit mehr erfolgen. Es muß aus ihm vielmehr das Ich des Menschen die Hilfen erfahren, die es Instand setzen, seine Freiheit zu erhöhen und zu sichern. Das geschieht nur, indem der Kultus Mut und Inhalt zu einem grundsätzliche freien Gedanken- und Erkenntnisstreben verleiht. Alle Tendenzen, die Gemeinsamkeit der Christen auf ein gemeinsames Bekenntnis zu gründen, können nur in vergangene Zeiten zurückführen. Das Gemeinschaftsbildende kann heute nur noch der Kultus sein. Er aber ist, wenn er dem heute sprechenden Geist entstammt, die Basis auf welcher sich v olle Lehr- und Glaubensfreiheit entfalten kann. "

6. In unserer Zeit gibt es so viele Tote wie niemals zuvor. Gleichzeitig "macht sich die Welt des Übersinnlichen innerhalb des Sinnenbereiches" im gewaltigsten Ausmaß geltend. Andererseits aber ,ist die übrigbleibende Kulturmenschheit so unwissend und instinktlos hinsichtlich der Sphäre der Toten und des Zusammenlebens mit ihnen" wie niemals zuvor. Und ebenso sind ,in den heute lebenden Menschen die Spürfahigkeiten und Organe für das, was nicht mit Sinnen wahrzunehmen ist, restloser erstorben als jemals zuvor".

7. Das Christentum muß sich zu zwei ,Fortschrittsleistungen" steigern, um den ,Anschluß an eine höhere Kräftewelt" zu vermitteln :

,Als Erkenntnischristentum durchstößt es die Wände zu den Sphären, in denen sich die eigentlichen Geschehnisse unserer Zeit abspielen: Zu der Welt des Übersinnlichen, in der die vielen Toten sind und in der sich seit langem eine neue Christusoffenbarung vorbereitet";
,als moderner Sakramentalismus vermittelt und pflegt es die Verbindung mit der Sphäre der Verstorbenen und weit darüber hinaus die Kraftanschlüsse und den Umgang mit den gottgeliehen Mächten, von denen man heute wie in den Tagen Johannes des Täufers sagen muß: sie sind nahe herbeigekommen!" (Stählin, S.48 f)

Trotz aller Abgrenzungsbemühungen zur Anthroposophie Rudolf Steiners wird auch bei dem Anspruch der ,religiösen Erneuerung" durch die Christengemeinschaft die Untrennbarkeit von den anthroposophischen Erkenntniskräften deutlich. Gerade in diesem Zusammenhang tritt die Wichtigkeit des sakramentalen Lebens der Gemeinschaft und des Kultus in den Vordergrund.

4.2 Die religiöse Orientierung der Christengemeinschaft


Wie schon mehrfach erwähnt schließt sich das Weltbild der Christengemeinschaft, dank der Mitwirkung Rudolf Steiners bei der Gründung, frei an das anthroposophische Weltbild an, innerhalb dessen Raum für "übersinnliche Wirklichkeiten" ist.

Glaubensgrundlage ist zwar die Bibel, welche jedoch in der esoterisch - anthroposophischen Weise als "Einweihungsbuch" oder "Mysterientext" verstanden wird. An die Seite der Bibel treten die anthroposophischen "Gesetze'" der Reinkarnation - und Karmalehre, die versucht werden, in deren Aussagen wiederzufinden.
Das Hauptgewicht - ohne die anderen vernachlässigen zu wollen - wird dabei auf das Ervangelium des Johannes und die Apokalypse gelegt, welche noch am ehesten dem esoterischen Anspruch an die Bibel gerecht werden.
In diesem Sinne sieht sich die Christengemeinschaft im Gegensatz zum Katholizismus, der seine eigene Autorität als Institution auf Petrus zurückführt und dem Protestantismus, für dessen Wurzeln Luther - geprägt durch Rationalität - v.a. Anregungen aus den Paulusbriefen gezogen hat, als "Dritte Kirche" und Bereiter des "johanneischen Christentums".
4

,So erschöpft sich das Mitgliedsein nicht im Mitwirken bei den Zusammenkünften der Gemeinde; es wird in der täglichen Übung des einzelnen zu einem Strom, der durch die ganze Woche fließt und am Sonntag in die größere Gemeinsamkeitdes Sakraments und der Kommunion einmündet. In diesem Augenblick werden die Bemühungen, die der einzelne - so gut er konnte - die Woche über zu leisten vermochte, in ein höheres Ganzes und in das Wandlungs - Geschehen aufgenommen.

Das Erleben des Kultus kräftigt also die persönliche religiöse Übung und regt sie an; aber auch umgekehrt : Die Frucht dieser Bemühung des einzelnen kommt wiederum dem Ganzen zugute, steigert und bereichert das sakramentale Geschehen in der Gemeinde und verleiht ihm die notwendige Kraft.
Wir haben dieses Motiv schon berührt, daß jedes einzelne Mitglied etwas zu dem sakramentalen Geschehen ,bei-tragen" kann und es dadurch zu stärkerer Ausstrahlung bringt." (Schroeder, S. 119)

Im Mittelpunkt des religiösen Wirkens stehen der Vollzug der Sakramente und die Kultushandlungen, welche mehr gewichtet werden, als theologisches Fachwissen und seine historisch-philologische Methodik.Gefördert werden soll das intuitive Erkennen geistiger Zusammenhänge, anknüpfend an die geschichtliche Tradition der deutschen Mystik eines Paracelsus, Jakob Böhme oder Valentin Weigel - und eben der Anthroposophie Rudolf Steiners.

,Rudolf Frieling (3.Erzoberlenker) spricht von einem "absoluten Gehöhr der Seele". Menschen, die dieses absolute Gehöhr besitzen, unterscheiden unfehlbar die echten und die falschen Töne. Ein solches Gehöhr ist aktiviert beim Hören Christi, der "konkreten allerhöchsten Geistperson".
Die kirchliche Theologie wird dagegen als ausgeliefert an eine vom Materialismus bestimmte Weltanschauungslandschaft dargestellt.
In dem Vorwurf an den Katholizismus die ,Mystik des Christentums" absterben gelassen zu haben und an die protestantische Bewegung, die Bibel zerredet zu haben, zeigt sich abermals deutlich die Abgrenzung der Christengemeinschaft in der ,charismatischen" Tradition gegen die ,überkommenen" Traditionen von ,Institutionalismus" (Katholizismus) und ,Rationalismus" (Protestantismus).

Die Menschen gelten der Christengemeinschaft als zu vollem Bewußtsein veranlagt, fähig dem Gotteswort zu respondieren, worin der eschatologische Auftrag der Bewegung begründet liegt.

Dieser Umstand und die feste Verbundenheit im Kultus und dem Vollzug der Sakramente ist Gewähr, das christliche Leben im Sinne Harnacks "Kritik am Dogmatismus , dogmenfrei" zu erhalten und von entscheidender Bedeutung z.B. für die Lehrfreiheit /Weihebefugnis der einzelnen Priester oder das Gemeinschaftsleben.

4.3 Das sakramentale Leben der Christengemeinschaft


"Für die eigentliche Wirkung des Sakramentes ist das was der Mensch tut, nur eine Voraussetzung. Das Sakrament weist über alles hinaus, was Menschen aus eigener Kraft vollbringen." können. Die eigentliche Wirkung kommt von demjenigen, der immer anwesend ist, wenn Menschen sich ernsthaft in Seinem Namen versammeln." (Hill, S. 12)
Ziel und Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens der Christengemeinschaft liegt im Vollzug der Sakramente. In diesen, wie in den begleitenden Kultushandlungen nimmt die Bewegung teil an der ,Christuskraft" und wird zur sakramentalen Gemeinschaft auf Erden.
,So werden die Sakramente verstanden als religiöses Geschehen, das durch Hineinnahme des Materiellen (des Elements) in das Geistige auf den harmonischen Zustand zwischen diesen beiden Polen in der Vergangenheit erinnert und auf die zukünftige neue Einheit von Geist und Materie hinweist." (Gasper / Müller / Valentin, S.147)

Dieses Grundschema liegt allen 7 bekannten Sakramenten der Christengemeinschaft zugrunde: Taufe, Kommunion, Beichte, Konfirmation, Trauung, Priesterweihe, Letzte Ölung.
Es besteht zwar eine formale Anlehnung an die 7 Sakramente der römisch-katholischen Kirche (Taufe, Kommunion, Beichte, Firmung, Trauung, Priesterweihe, Letzte Ölung) , jedoch mit deutlichen Sinnesänderungen.
Diese finden sich v.a. bei der Taufe, bei der neben dem Wasser noch Asche und Salz als Elemente konstituiert sind.

Diese, und der Umstand, daß die liturgischen Texte nur den Priestern der Christengemeinschaft zugänglich sind, führen dazu, daß die sakramentalen Handlungen der Bewegung von der evangelischen und der römisch- katholischen Kirche nicht anerkannt werden.

4.4 Der soziale Bezug


Angesichts der Erkenntnis der Christengemeinschaft, daß Soziabilität trotz vieler Bemühungen und Einrichtungen nicht die Stärke unserer Zeit ist, sondern die zum Egoismus treibenden Kräfte derart wachsen, daß ihnen nicht durch moralische Forderungen beigekommen werden kann, richtet sie ihre Aufmerksamkeit auch auf diesen Bereich.
Religiöse Übung und ,Mit-Tätigsein", sowohl im Gemeindebereich, als auch in sogenannten "Sozialwerken" sind ihr Beitrag diesen Kräften beizukommen.
Letztere sind als ,Verband der Sozialwerke" (Geschäftsstelle Stuttgart) Mitglied im ,Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband" und engagieren sich in der Gründung und dem Betrieb von Alten- und Pflegeheimen, Kindergärten -/tagesstätten, Jugendheimen, uvm.


5
Kontroverse


5.1
,Hier scheiden sich die Geister...."

Grundlegende Kritik der Kirchen an der religiösen Orientierung der Christengemeinschaft liegt in der Abhängigkeit von Rudolf Steiners Lehren, speziell der Christosophie.(vgl. Punkte 7.3 und 7.4)
Für sie ist die Art des Erkenntnisgewinns über biblische Zusammenhänge, nämlich auf eine eher meditativ und ,hellseherische" Art, nicht als allgemeingültige Aussagen akzeptabel.
Es wird respektiert, mit welcher Hingabe Steiner versucht für andere an die großen Geheimnisse Lebens heranzugehen, doch bleiben sie Ergebnisse seines Suchens.
Sehr schwer fällt dabei auch die Anlaßgebundenheit der christosophischen Erkenntnisse ins Gewicht; die Art, wie Steiner auf Wendungen in seiner Umwelt in der Deutung der Bibeltexte reagiert. (vgl.Übergang der ,theosophischen in die anthroposophische Epoche" Steiners)



Weiterhin wirkt verhängnisvoll ,daß "Steiners naturwissenschaftlicher Wirklichkeitsbegriff nicht an die Glaubenswirklichkeit (des traditionellen Christentums) heranreicht. So wird in der Christosophie die neutestamentliche Botschaft und reformatorische Erkenntnis vom Glauben an die freie Gnade völliger Rechtfertigung umgeprägt zu einem Aufruf, zu einem Beginn, der nur die Möglichkeit einer Wirklichkeit bedeutet, die erst durch das menschliche Streben zu schaffen ist. Die Christosophie ist als Lebensgefühl ein Rückfall hinter die Erkenntnisse der Reformation. Die wirkliche Freiheit wird zur möglichen Freiheit die wirkliche Gotteskindschaft zur möglichen Gliedschaft der geistigen Welt. Christosophie bedeutet für den Menschen mögliche Entwicklung. Der "Entwicklungsgedanke" erweist sich als ihr Verhängnis. Steiner mußdiesem Gedanken verpflichtet, zu der Erkenntnis durchdringen, daß alles, was sich aus dem Menschen entwickeln kann, geringfügig ist gegenüber der Wirklichkeit die Gott für den Glaubenden, jetzt in Verborgenheit, einst aber in der Offenbarheit schafft." (v.Stieglitz, S. 240 f )
Als weiteren Rückschritt verstehen die christlichen Kirchen die Betonung der mannigfaltigen Kräfte/Mächte, welche im geistigen Bereich wirken sollen. Für sie hat Christus mit seinem Eintritt in die Welt, die Herrschaft über die ,alten Geister" angetreten.

In der Auseinandersetzung der evangelischen Kirche wird diese grundlegende Kritik nochmals differenziert. Zum einen wird an dem Taufsakrament Anstoß genommen, in welchem neben Wasser, auch Salz und Asche als Elemente konstituiert sind, zum anderen wird die Weigerung ihre liturgischen Texte zu veröffentlichen, moniert.
So hat der Rat der EKD am 31.4.1949 beschlossen, das Taufsakrament nicht anzuerkennen und blockiert seit Dezember 1950 die Aufnahme der Christengemeinschaft in den Weltrat der Kirchen.

6 Fazit


Nicht nur die Kirchen haben relativ früh erkannt, welch enormen Zulauf die Christengemeinschaft hatte und hat.

,Dabei imponiert nicht die zahlenmäßige Zusammensetzung der Kultgemeinden, sondern das "innere Gewicht" der Mitglieder. Wie auch in der Anthroposophischen Gesellschaft finden sich überwiegend Akademiker und Gebildete, Ärzte, Architekten, Naturwissenschaftler, r Lehrer und eben auch evangelische Theologen, aus welchen sich erst die Gründungsriege zusammensetzte. (Stählin, S.133)

Diese Aussage entstammt dem Jahre 1950 und hat wahrscheinlich noch nicht an Aktualität eingebüßt. Noch immer findet sich vornehmlich das ,Bildungsbürgertum" in den Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft, wie auch der Christengemeinschaft.

Dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Anteil derer seitdem steigt, die sich von Weltanschauungssystemen und Konfessionen angezogen fühlen, die sich einer "greifbareren Spiritualität" bedienen, als es die Kirchen, als historische Vertreter des Christentums gelungen ist, zu vermitteln. Es sollte zu denken geben, wenn der ,Reiz des Spirituellen" immer seltener in den kirchlichen Gemeinden ausgelebt wird und das Wort Mystik im katholischem Katechismus nicht mal mehr Erwähnung findet.

Sich das vielleicht naheliegende herauszugucken und sich verstärkt mit der sinkenden Zahlungsmoral von Kirchensteuern als Erklärung zu besänftigen, greift hier zu kurz.

Schon 1950 wurde selbstkritisch durch eine Kommission ,Kirche und Anthroposophie" in Kreisen der EKD nach Ursachen gefragt und man ist u.a. zu folgenden Schlüssen gekommen "Das Evangelium ist in der protestantischen Frömmigkeit in erschreckenden Ausmaß moralisiert und gesetzlich verengt" und "Die Verkündigung des Evangeliums beschränkt sich heute weithin auf eine erbauliche Anregung der Gemütskräfte des Menschen, statt daß er....in der Ganzheit seines Wesens begriffen ist ." (Stählin, S. 135)
Hier sind zwei Aspekte angesprochen, welche nicht nur die Anthroposophische Gesellschaft
und die Christengemeinschaft, sondern mittlerweile nach Aussagen des katholischen Kardinals
Ratzinger ,ein wahrer Supermarkt der Spiritualität" anzubieten weiß.

Gerade in einer Zeit der Beschleunigung des Informationsflusses und der Ausweitung der Grenzen durch die Globalisierung der Lebensbereiche wird hier eine Sehnsucht nach umfassender Sinngebung bedient.

"Wie es auch immer um die Autorität und Vertrauensbegründung der Schauungen und Enthüllungen von Dr. Rudolf Steiner bestellt sein mag, für die eine Tatsache sollte man ein Empfinden haben: das anthroposophische Weltgebäude ist von einer großartigen Einheitlichkeit und Geschlossenheit. Da fügen sich alle Teilbereiche der Welt aus Natur- und Geisteswissenschaften zu einem lückenlosen Ganzen zusammen. Ein Wissenschaftsgebiet beleuchtet und bereichert das andere. Man fühlt sich wie in einem großen Haus, wo alle Räume durch viele Türen miteinander verbunden sind. Keiner braucht sich mit seinem Denken isoliert zu fühlen, weil alles in diesem ,GIasperlenspiel" in sinnvollem Zusammenhang ineinandergreift und sich gegenseitig zum Erklingen bringt." (Stählin, S. 139)




7 Anhang

7.1
Glaubensbekenntnis der Christengemeinschaft

Steiners ,Neues Bekenntnis' oder ,Bekenntnisgebet" für die Christengemeinschaft

Ein allmächtiges, geistig-physisches Gotteswesen ist der Daseinsgrund der Himmel und der Erde, das väterlich seinen Geschöpfen vorangeht.

Christus, durch den die Menschen die Wiederbelebung des ersterbenden Erdendaseins erlangen, ist zu diesem Gotteswesen wie der in Ewigkeit geborene Sohn. In Jesus trat der Christus als Mensch in die Erdenwelt. Jesu Geburt auf Erden ist eine Wirkung des Heiligen Geistes, der, um die Sündenkrankheit an dem Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen, den Sohn der Maria zur Hülle des Christus bereitete. Der Christus Jesus hat unter Pontius Pilatus den Kreuzestod erlitten und ist in das Grab der Erde versenkt worden. Im Tode wurde er der Beistand der verstorbenen Seelen, die ihr göttliches Sein verloren hatten. Dann überwand er den Tod nach drei Tagen. Er ist seit dieser Zeit der Herr der Himmelskräfte auf Erden und lebt als der Vollführer der väterlichen Taten des Weltengrundes. Er wird sich einst vereinen zum Weltenfortgang mit denen, die er durch ihr Verhalten dem Tod der Materie entreißen kann.

Durch ihn kann der heilende Geist wirken. Gemeinschaften, deren Glieder den Christus in sich führen, dürfen sich vereinigt fühlen in einer Kirche, der alle angehören, welche die heilbringende Macht des Christus empfinden. Sie dürfen hoffen auf die Überwindung der Sündenkrankheit auf das Fortbestehen des Menschenwesens und auf ein Erhalten ihres für die Ewigkeit bestimmten Lebens.
Ja, so ist es.

(v.Stieglitz, S.324)


7.2
Das Verhältnis der christlichen Kirche zur Christengemeinschaft


AUS DEM SCHLUSSBERICHT DER STUDIENKOMMISSION ,KIRCHE UND ANTHROPOSOPHIE" IN DER STUDIENGEMEINSCHAFT DER EVANGELISCHEN AKADEMIE
5

1. In dem Gespräch mit den Vertretern der Christengemeinschaft begegnete uns das Selbstverständnis einer Gemeinschaft, die sich der ,ecclesla invisibilis" zugehörig empfindet. Sie sieht sich als den Anfang einer dritten Periode der christlichen Entwicklung, die durch die Wandlung des menschheitlichen Bewußtseins im Laufe der Geistesgeschichte bestimmt sei. Sowohl der Katholizismus, repräsentiert durch die römisch-katholische Kirche, wie der Protestantismus repräsentiert durch die evangelischen Kirchen, gehörten vergangenen Bewußtseinsepochen zu. Die erste dieser Epochen wird gekennzeichnet durch die magische Einbeziehung des Menschen in kosmische Geschehnisse, die zweite durch das Erwachen und die Entfaltung des individuellen Ichbewußtseins, das zu einem übersteigerten Individualismus und Intellektualismus geführt hat. Die Überwindung der dadurch eingetretenen Krisis der Weltlage und auch des Christentums sei durch das Lebenswerk Rudolf Steiners eingeleitet, der eine selbständige, von der Bibel letztlich unabhängige Christusschau erfahren habe. Im Zusammenhang dieser Christusschau habe Rudolf Steiner in einem Akt übersinnlicher Erkenntnis die Grundlagen eines neuen sakramentalen Lebens empfangen und geschaffen. Dieser Kultus ist die Mitte der Christengemeinschaft.

Demgegenüber vermögen wir bei Anerkennung der durch Rudolf Steiner auch für die christliche Theologie gegebenen Anregungen nicht zu sehen, daß die Anthroposophie ein offenbarungsgeschichtliches Faktum ist, wie die Christengemeinschaft behauptet, und daß mit der Anthroposophie Rudolf Steiners die Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeit eines entscheidenden Neuanfanges innerhalb der christlichen Kirche gegeben sei. Die Überzeugung der Christengemeinschaft von der übersinnlichen Herkunft ihres Kultus entzieht diesen Kultus jedem kritischen Gespräch.
2. Diese zentrale Bedeutung eines neuen sakramentalen Lebens hat zur Folge, daß die Christengemeinschaft nicht primär an lehrhaften Formulierungen interessiert ist. Ihre Aussagen wollen daher nur eine von immer neuen Seiten erfolgende Beschreibung der in den Sakramenten erfahrenen Wirklichkeiten sein, nicht die Entfaltung einer ,pura doctrina". Dieser Tatbestand kann positiv so verstanden werden, daß die Christengemeinschaft die Not einer intellektuellen, aus dem kultischen Raume herausgefallenen theologischen Sprache besonders empfindet. Er erweist sich andrerseits als bedeutente Schwierigkeit für jedes theologische Gespräch, da er es unmöglich macht, die Christengemeinschaft bei den zahlreich vorliegenden literarischen Äußerungen als theologisch verbindlichen Aussagen zu behaften.

Demgegenüber müssen wir feststellen daß keine Berufung auf geistliches Leben und geistliche Erfahrungen die Kirche von der Verpflichtung entbindet, ihr eigenes Sein ständig an ihrem Haupt Jesus Christus zu prüfen. Diese Prüfung bedeutet konkret die Beugung der Kirche unter die Norm der heiligen Schrift und das Gespräch mit den Vätern und den Brüdern. Diese Kontinuität scheint uns bei der Christengemeinschaft zugunsten eines bewußten Neuansatzes unterbrochen zu sein.
3. Aus der im Kultus gewonnenen und srändig erweiterten geistlichen Erfahrung erwächst die Schriftauslegung der Christengemeinschaft. Durch diese Beziehung der Schriftauslegung auf das sakramentale Leben, die auch vielen neueren evangelischen Exegeten wichtig geworden ist, will die Christengemeinschaft Einsichten in die in der Heiligen Schrift vorliegenden Denkformen gewinnen und die lange Zeit herrschende individualistische und die einseitig personalistische Schriftauslegung überwinden.

Aber durch die mangelnde Bindung des Kultus selbst an die Schrift und durch das Herausfallen aus dem Zusammenhang der Kirche wird die Gefahr exegetischer Willkür heraufgeführt, der die uns vorliegenden Schriftauslegungen vielfach auf Kosten der Substanz und der Einheit des biblischen Kerygmas erlegen zu sein scheinen .
6
4. Das sakramentale Leben der Christengemeinschaft will in das Werden des Menschen und des Kosmos, das sich von vorgeburtlicher zu nachgeburtlicher Existenz, von Inkarnation zu Inkarnation, von Äon zu Äon fortsetzt, ständig Wandlungskräfte hineinleiten. Neben den für die Lebensstufen des Menschen wichtigen Sakramenten (Taufe, Konfirmation, Trauung, letzte Ölung) stehen die anderen, die das sakramentale Leben ermöglichen (Priesterweihe) und das geistliche Leben speisen (Beichte und Menschenweihehandlung). Es erscheint uns kennzeichnend für die Gesamtauflassung des sakramentalen Lebens, daß die Taufe ausschließlich auf das Wesen des Kindes bezogen und als Hilfe für die Eingliederung in das Erdenleben verstanden und gestaltet wird. Dem entspricht es, daß eine Erwachsenentaufe im heutigen Weltzeitalter nicht mehr im eigentlichen Sinne vollziehbar ist.

Es drängt sich die Frage auf, ob nicht in diesem gesamten ,Sakramentalismus" der Christengemeinschaft der Sinn der christlichen Sakramente verfehlt wird. Weder in der Taufe noch in der Menschenweihehandlung wird das Todeserleiden im Gericht und die Wandlung der Welt durch den Anbruch des Reiches Gottes hörbar bezeugt. Dadurch wird die Hoffnung auf das Kommen eines neuen Himmels und einer neuen Erde in die Vorstellung eines ständig sich erneuernden Weltprozesses aufgelöst. (Rusche,S.77f)

7.3 Kritische Stellungnahme/Fragen der christlichen Kirche an die Christengemeinschaft

Die Anthroposophie bietet Sinnorientierung auf dem Hintergrund eines geschlossenen Weltbildes mit starker Betonung des individuellen Menschen und seiner geistigen Fähigkeiten an. An die Anthroposophie müssen in entscheidenden Punkten Anfragen gestellt werden, die sowohl philosophische als auch theologische Aspekte betreffen:

1. Trägt die Lehre von den Wesensgliedern des Menschen, vor allem von den drei Leibstufen, die von der Anthroposophie zweifellos gesuchte Einheit und Ganzheit des Menschen? Steiner lehrt zum Beispiel, im Schlaf verließen Ich und Astralleib die übrigen Teile des Menschen, so daß diese von anderen geistigen Wesenheiten besetzt werden können. Dieser gemäß Steiner jedem Okkultisten bekannte Vorgang, daß ein Ich das andere in der Hülle der äußeren Leiblichkeit ablöst, spielt auch in seiner Christologie eine Rolle.

2. Nach Steiner ist die physische Welt durch Umwandlung eines Teiles der geistigen Welt entstanden, also nicht durch die Schöpfung aus dem Nichts.

3. Die Frage nach der seinsmäßigen Einheit oder Verschiedenheit von Gott und menschlichem Ich ist bei Steiner problematisch. Zwar kann das Einzel-lch nicht einfach mit Gott gleichgesetzt werden, ist aber doch von der gleichen Substanz.

4. Trotz des überragenden Ranges, den das ,Mysterium von Golgatha" für Steiner besitzt, ist Christus für ihn nicht der einzige Sohn des einen Gottes, sondern eine der großen gottheitlichen Wesenheiten. Für Steiner verbinden sich sechs Elohim zum Logos, während ein siebter Elohim (Jehova) vom Mond aus wirkt.

5. In der Lehre vom Durchgang des Menschen durch viele Wiedergeburten auf der einen und der Glaubensüberzeugung von der Auferstehung der Toten zur endgültigen Vollendung ihrer einmaligen Geschichte auf der anderen Seite stehen einander grundlegend verschiedene Konzeptionen vom Ziel der menschlichen Existenz gegenüber.

(Gasper/Müller/Valentin,S.65f)


7.4 Literaturliste


Gasper,Hans / Müller, Joachim Lexikon der Sekten, Sondergruppen und
Valentin, Friederike Weltanschauungen
Verlag Herder, Freiburg i.B. 1990

Hill, Lothar Die Christengemeinschaft - Impulse und
Ideen, eine Einführung
Eigenverlag, Mannheim 1992

Rusche, Helga in: Kirche und Anthroposophie
Chr.Kaiser Verlag, München 1950

Schroeder,Hans-Werner Die Christengemeinschaft - Entstehung ,
Entwicklung, Zielsetzung
Verlag Urachhaus Stuttgart 1990

Stählin, Wilhelm D. Evangelium und Christengemeinschaft
Johannes Studa Verlag, Kassel 1953

von Stieglitz, Klaus Die Christosophie Rudolf Steiners
Luther Verlag, Witten-Ruhr 1955

Wehr, Gerhard Rudolf Steiner - zur Einführung
Junius Verlag, Hamburg 1994

 

Autor: Roland Schulte



1 siehe Wehr, S.74-78
2 siehe ,Glaubensbekenntnis der Christengemeinschaft" (Pkt. 7.2.) im Anhang
3 siehe ,Hierachie der Christengemeinschaft" (Pkt. 7.1)
4 Dabei bezieht man sich auf Schelling, der im Anschluß an Joachim von Fiore (italienischer Abt, gest. 1210) von einem "petrinischen", einem "paulinischen" und einem ,johanneischen" Christentum gesprochen hat.
5 Die Studienkommission tagte am 13.-15.2.1948 und vom 22.-25-10.1949 in Eschzell, lud dann zu einer Zusammenkunft Vertreter der Christengemeinschaft, v.a. Lic. Emil Bock, nach Assenheim (5.-6-3-1949) und arbeitete auf Grund gemeinsamer Gespräche und nach sorgfältiger Lektüre schriftlicher Aussagen der Christengemeinschaft diesen Schlußbericht aus. Der Vorsitzende der Studienkommission war Bischof D. Dr. Wilhelm Stählin.
6 In der Art, wie von Seiten der Christengemeinschaft die Schrift ausgelegt wird, kommt vor allem mangelnde Demut vor dem wirklichen Text zum Ausdruck. Die römisch-katholische Kirche, die sich ohne Zweifel mit größerem Recht als die Christengemeinschaft rühmen kann, vom Sakrament her zu denken, ruft in unserer Zeit zur Ehrfurcht vor dem biblischen Text auf, indem sie zur ,gewissenhaften Beobachtung aller kritischen Regeln" ermahnt. ,Das ist eine gebieterische Forderung der Dankbarkeit"...dafür, daß ,diese Bücher vom Thron Seiner Herrlichkeit" gesandt sind (Papst Pius XII. Enzyklika über die Zeitgemäße Förderung der biblischen Studien, 30. September 1943, Ausg. Herder, Freiburg i.B., S.29)

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