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Deutsche müssen Bewußtseins-Seele durch Selbsterziehung erst entwickeln
Ihre Beziehung zum Zweifel

GA 196, Mitgliedervortrag in Dornach 8. Dezember 1918

S. 147-150

„Während also im Britentum die instinktive Anlage zur Entwicklung der Bewußtseinsseele vorhanden ist, muß der deutsche Mitteleuropäer, wenn er irgendwie die Bewußtseinsseele in sich rege machen will, dazu erzogen werden. Er kann sich das nur erwerben durch die Erziehung. Weil das Zeitalter der Bewußtseinsseele eben zugleich das Zeitalter der Intellektualität ist, muß daher der Deutsche, wenn er irgendwie die Bewußtseinsseele in sich rege machen will, ein intellektueller Mensch werden. Daher hat auch der Deutsche seine Beziehung zur Bewußtseinsseele vorzugsweise auf dem Wege der Intellektualität, nicht auf dem Wege des Instinktlebens gesucht.
Daher haben gewissermaßen die Aufgaben der Deutschen nur diejenigen erreicht, welche in einer gewissen Weise ihre Selbsterziehung in die Hand genommen haben. Die bloßen Instinktmenschen bleiben unberührt von diesem Sich-Regen der Bewußtseinsseele, bleiben in einer gewissen Weise zurück. ...

Im Deutschen handelt es sich um etwas, was nicht erdfest ist, sondern was dialektisch ausgebildet wird. Verfolgen Sie einmal die Intellektualität der Deutschen ... Es gibt nichts Schöneres als dasjenige, was ausgestaltet ist durch den Goetheanismus, durch Novalis, durch Schelling, durch alle diese Geister, die eigentlich Künstler sind in Gedanken. Das macht die Deutschen zu einem unpolitischen Volk. Sie sind, wenn sie politisch sein sollen, einem instinktiv politisch denkenden Menschen nicht gewachsen. ... Will er nun doch eingreifen in die Politik, da steht er vor der Gefahr, daß er dasjenige, was schön ist innerhalb der Gedankengestaltung, in die Wirklichkeit hieninbringt: das ist das Phänomen zum Beispiel von Treitschke. ... Denn die große Gefahr, die selbstverständlich zu überwinden ist, aber nicht immer überwunden wird, besteht darin, daß der Deutsche nicht nur, wenn er höflich ist, lügt, sondern daß er auch lügen kann, wenn er gerade seine besten Talente in ein Gebiet hineintragen kann, für das er nicht angeborene Anlagen hat, sondern für das ihm die Anlagen nur anerzogen werden können, für das er sich anstrengen muß. ... Daher ist es so schwierig mit der deutschen Kultur, daher ragen in der deutschen und in der österreichisch-deutschen Kultur immer nur einzelne Individualitäten heraus, die sich in die Hand genommen haben, während die breite Masse beherrscht sein will, sich gar nicht mit den Gedanken befassen will, die bei der britisch sprechenden Bevölkerung in die Instinkte gelegt sind.
Dabei verfiel auch die mitteleuropäische Bevölkerung solchen Herrschaftsgelüsten, wie die der Habsburger und Hohenzollern es waren, eben wegen der apolitischen Natur, weil ganz andere Notwendigkeiten vorliegen, wenn der Deutsche zu seiner Aufgabe kommen will. Er muß zu dieser Aufgabe erzogen werden. ...

Das zeigt sich wiederum beim Hüter der Schwelle. Wenn jemand im Volkstum der Deutschen drinnen stehenbleibt, und er kommt an den Hüter der Schwelle, dann bemerkt er ... vor allen Dingen, wie ahrimanische und luziferische Mächte ... miteinander im Kampfe liegen, und wie dieser Kampf angeschaut werden muß, weil er eigentlich ein fortwährend fortlebender Kampf ist ...
Mit demjenigen macht man sich beim Hüter der Schwelle bekannt, was die eigentliche Grundlage des Zweifels ist, mit dem, was in der Welt lebt als fortwährend sich anfachender, unentschieden bleibender Kampf, was einen geradezu ins Schwanken bringt, was aber zu gleicher Zeit dazu erzieht, die Welt von den verschiedensten Seiten anzuschauen. Und das wird die besondere Mission, trotz allem und alledem, des Deutschtums sein, daß von dieser Seite aus es in die Weltenkultur eingreift, auch als Deutschtum.

12.12.1918, Dornach

S. 182

»Man ist ein Philister, wenn man in den Mittelländern überhaupt einer geraden, einseitigen Behauptung sich hingibt.«


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