| Das Atlantidische Weltbild Franz Wegener, Das Atlantidische Weltbild, Gladbeck 2001, 158 S., Libri Books on Demand. Der Autor geht mit seinen Quellen, was Steiner anbetrifft, so unglaublich unqualifiziert um, daß dieser Umgang ein trübes Licht auf die "wissenschaftliche Qualität seiner Studie wirft. Er zitiert vollkommen ungenau und verweist auf Publikationen, die gar nicht existieren. So zitiert er eine angebliche Publikation Steiners mit dem Titel "Unsere Ahnen und Atlantis, die in Wahrheit von Albert Herrmann stammt. Oder er zitiert eine Publikation Steiners über "Unsere atlantischen Vorfahren aus dem Jahr 1918 (!), bei der es sich in Wahrheit um das erste Kapitel des Buches "Aus der Akasha-Chronik handelt, das zuerst im Juni 1904 in der Zeitschrift "Luzifer-Gnosis erschien. Das Buch "Aus der Akasha-Chronik wurde im übrigen gar nicht von Steiner, sondern von Marie Steiner im Jahr 1939 (!), vierzehn Jahre nach Steiners Tod, "auf vielfachen Wunsch veröffentlicht. Daneben zitiert aber Wegener auch das Buch "Aus der Akasha-Chronik, ohne zu kennzeichnen, daß der Aufsatz "Unsere atlantischen Vorfahren seit 1939 im Buch "Aus der Akasha-Chronik enthalten ist. Das sind nur Bemerkungen zu der wissenschaftlichen Arbeitsweise des Historikers, M.A., Franz Wegener. Vollends irreal wird es jedoch, wenn man die Texte liest, die Wegener über Steiner zusammenschreibt. Seine hermeneutischen Fähigkeiten zeugen von vollkommener Unkenntnis des Steinerwerkes. Steiners Satz aus der "Akasha-Chronik: "Die größte Maße der atlantischen Bevölkerung kam in Verfall, und von einem kleinen Teil stammen die sogenannten Arier ab, zu denen unsere gegenwärtige Kulturmenschheit gehört, fügt er folgenden Kommentar hinzu: "Zum Entstehungszeitpunkt seiner Aufsätze war Steiner noch Mitglied der Theosophischen Gesellschaft und dürfte somit die Meinung von Blavatsky vertreten haben, die die Herkunft der Arier aus dem Norden postulierte. Wegener stellt eine Hypothese auf, die gar nicht erforderlich ist, denn die darin enthaltene Tatsachenbehauptung hätte leicht am dokumentarischen Material überprüft werden können. So absurd die Begründung seiner Hypothese ist, so absurd ist auch die darin enthaltene Annahme: Steiner vertrat nicht, weil er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft war, die Meinung Blavatskys, sondern er vertrat seine eigene Meinung, selbst gegen Blavatsky oder die spätere Präsidentin der TG, Annie Besant, und zwar unmißverständlich, was schließlich zu seinem Ausschluß aus der Theosophischen Gesellschaft führte. Er vertrat die Ansicht, die nach-atlantische (post-diluviale) Weltbevölkerung sei aus den Nachfahren der atlantischen (pleistozänen) Weltbevölkerung hervorgegangen. Die westliche Erdbevölkerung stellte für Steiner wie für die gesamte Zeitgenossenschaft unabhängig von einer möglichen Wertung die gegenwärtige Spitze der kulturellen und technologischen Entwicklung dar. Die Vorfahren dieser sog. "gegenwärtigen Kulturmenschheit, die nach allgemeiner wissenschaftlicher Überzeugung der damaligen Zeit (Poliakov) von den "sogenannten Ariern abstammte, bezeichnete Steiner mit einem zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufigen Ausdruck. Für Steiner kam es jedoch nicht auf eine leibliche Abstammung an, sondern auf die Geschichte der geistigen Entwicklung der Menschheit. Die sog. "arische Wurzelrasse ist für Steiner ein Epochenbegriff und kein anthropologischer Begriff. Er deutet auf den zentralen Inhalt der nacheiszeitlichen Kulturentwicklung: die Ausbildung des logischen Denkens und die Konstitution der freien Persönlichkeit. Steiner führt die asiatischen und afrikanischen Hochkulturen der Inder, Perser, Chaldäer, Babylonier, Ägypter und Semiten ebenso wie die geistigen Ursprungsimpulse der griechischen und römischen Kultur auf die Schüler des Manu zurück. Von den Schülern des Manu leitet er geistig her, was "die wahren Fortschrittskeime der Weltkultur bis heute bilde. Diese "wahren Fortschrittskeime sieht Steiner in der Bereitschaft, nicht aus "Eigennutz oder "persönlichen Interessen zu handeln, sondern im Dienste des "Göttlichen, das nach der Befreiung der menschlichen Individualität aus kollektivistischen Lebens- und Denkformen strebt ("Aus der Akasha-Chronik, tb 1995, S. 53). Nebenbei sei bemerkt, daß Steiner den Ausdruck "Arier nur zwischen 1904 und 1906 verwendete und daß er in seinem Aufsatz "Unsere atlantischen Vorfahren die post-diluviale Kulturentwicklung aus den "Ursemiten herleitete, denen er das Verdienst zuschrieb, jenen für alle Hochreligionen wesentlichen, bildlosen Gottesbegriff entwickelt zu haben, der im Mittelpunkt der mosaischen Religion steht. Entscheidend war für Steiners Geschichtsbild nicht die leibliche Abstammung von Ethnien, sondern deren jeweilige Bewußtseinsverfassung. Diese Bewußtseinsverfassung maß er nach dem Verhältnis, das die jeweiligen Völker zum Begriff und zur Wirklichkeit der individuellen Freiheit gewonnen hatten. Dieser Maßstab galt Steiner sowohl diachron als auch synchron. Aus den unterschiedlichen Verhältnissen von Ethnien oder besser: Kulturen zum Begriff der individuellen Freiheit ergab sich für Steiner eine entwicklungsgeschichtliche Anordnung der einzelnen Völker, Völkergruppen oder Kulturen. Für die nacheiszeitliche Entwicklung der Menschheit waren aus Steiners Sicht ohnehin nicht mehr Ethnien, sondern Kulturen maßgeblich. Daneben unterschied Steiner eine gegenläufige Entwicklungsbewegung der Menschheitsgeschichte von einem spirituellen Gottesbewußtsein zum individuellen Bewußtsein der sinnlichen Welt. Gemessen an der Gottnähe standen für ihn sog. primitive oder wilde Völkerschaften auf dem höchsten Rang, denn äußere Primitivität war Steiner ein Indiz für eine innige geistige Beziehung zum Göttlichen. Die alten, voreuropäischen Hochkulturen waren für ihn Kulturen, die sich in äußerlicher Primitivität und Zivilisationslosigkeit bewegten, nach zeitgenössischen Begriffen also "wilde Völkerschaften, die aber gleichzeitig ein spirituelles Niveau besaßen, das verglichen mit der Gottferne der Gegenwart , ihm als unendlich hoch erschien. Von dieser geistigen Höhe war die Menschheit herabgestiegen und in den neuzeitlichen Materialismus verfallen, als dessen letzte und äußerste Konsequenz Steiner den Nationalismus und Rassismus betrachtete, die den Menschen nur noch als physisches Wesen bzw. als Kollektivwesen ohne individuellen geistigen Wesensinhalt auffaßten. Für ihn kam es allein auf diesen individuellen geistigen Wesensinhalt des einzelnen Menschen an, denn er sah die Moderne als Epoche der Individualisierung der Freiheitsidee. In seinem Konzept des Ariertums, das er zwischen 1904 und 1906 vortrug, erzählte Steiner nicht die Geschichte einer rassischen, sondern einer geistigen Abstammung der Moderne: die Geschichte der Hochkulturen war für Steiner eine Geschichte der Entwicklung des Bewußtseins der Freiheit, oder mit anderen Worten, die Geschichte des Einzugs des Göttlichen in die individuelle Menschenseele, in der es Selbstbestimmung, Aufhebung aller Diskriminierung der Individualität und solidarisches Bewußtsein mit der gesamten Menschheit zeugt. In der nationalsozialistischen Interpretation war der Ariermythos ein totalitärer, rassistischer Mythos, in der Interpretation Steiners war er eine Geschichte der Überwindung des Kollektivismus der Abstammung, des Standes und der Ideologie. Während die Nationalsozialisten in vollkommener Gegensätzlichkeit des Standpunktes den Höhepunkt des Fortschritts in der Identifikation des Menschen mit Blut und Boden sahen, gab es für Steiner nur eine mögliche Rettung vor der allgemeinen Dekadenz der Menschheit: die Entfaltung der individuellen Schöpferkräfte des Menschen und die Wiedereinholung des Transzendenten: den Sieg des Geistes über den Leib. An anderer Stelle kommentiert Wegener Steiners Ausführungen über die kulturstiftende Wirksamkeit des Manu oder Noah mit den Sätzen: "In den Darstellungen von ... Steiner nimmt die Führerfiguir eine deutlich zentralere Stelle ein ... Für Rudolf Steiner obliegt dem Führer die Aufgabe der Veredelung einer rassischen Elite. Während Steiner in Manu einen Bewahrer der spirituellen Kontinuität der Menschheitsentwicklung sieht, verzerrt ihn Wegener zu einem Eugenetiker, der eine edle Rasse hochzüchten soll. Manu, den Steiner mit Noah identifizierte, ist für diesen der Vorverkünder des Aufgangs der Freiheitssonne, der Prophet der Christuswesenheit, der den nacheiszeitlichen Gang der Menschheit durch die Hochkulturen inaugurierte. Daß Steiner die Auffassung vertrat, das Wesen der Neuzeit sei der Einzug der auctoritas in das individuelle Bewußtsein, und deshalb aus prinzipiellen Gründen jegliche geistige Bevormundung der Individualität durch äußere oder innere Autoritäten ablehnte, scheint Wegener nicht zu wissen. Das ist bei seiner skandalösen Quellenbasis und Interpretationskunst auch nicht weiter verwunderlich. Geradezu bösartig ist die Unterstellung, Steiner habe die Rasse vergöttlicht, wie Liebenfels und andere. Das Zitat, das Wegener anführt, besagt das genaue Gegenteil: Steiner schreibe, die erste Unterrasse der Atlantier habe "weniger sich selbst, als vielmehr der in ihnen wirkenden göttlichen Natur ihre Macht zugeschrieben. Offenbar haben diese Atlantier nach Steiner nicht sich, sondern dem Göttlichen, das in ihnen wirkte, ihre Macht zugeschrieben: Steiner vergöttlicht also die Atlantier gerade nicht, sondern schreibt deren "Macht einem nicht-menschlichen, übermenschlichen Prinzip, dem sog. Göttlichen, zu. Auch an dieser Stelle wieder zeigt sich, daß für Steiner die Geschichte der Menschheit eine Geschichte ihrer Beziehung zum Göttlichen ist, und nicht eine Geschichte von Rassenbeziehungen oder Rassenkämpfen. Es müßte den Autoren, die Steiner Rassismus unterstellen, das gänzliche Fehlen dieser zentralen These des Rassismus eigentlich längst aufgefallen sein, doch denken diese Autoren gar nicht so weit, weil sie sich lediglich an Worten festhalten und meinen, dort wo von Rassen die Rede sei, müsse auch Rassismus vorliegen. Dem Axiom Disraelis: "alles ist Rasse, hielt Steiner entgegen, daß die Rasse nichts, der Geist aber alles sei. Steiner trug seine Philosophie der symbolischen Formen, die Anthroposophie, als eine spirituelle Gegenerzählung zu den wissenschaftlichen, insbesondere naturwissenschaftlichen Erzählungen seiner Zeit vor und nahm deswegen auf sie Bezug. Genauso wie er aber den darwinistischen Mythos vom Kampf ums Überleben spirituell in eine Erzählung von der Vereinigung der Menschheit im Geist der Brüderlichkeit umdeutete, deutete er den rassistischen Mythos in eine Geschichte der Rassenüberwindung um. Wegener bewegt sich auf demselben geistigen Niveau wie die Gebrüder Grandt, Petrus van der Let und Peter Bierl. Sie haben in ihm offenbar einen weiteren Anhänger ihrer abstrusen Verschwörungstheorie über die geistige Miturheberschaft Steiners am Nationalsozialismus gefunden. Lorenzo Ravagli
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