| > themen > rudolf steiner und die deutschen Die Ehe zwischen dem Industrialismus und dem Territorialfürstentum, der Nibelungenwildheit deutscher Territorialfürsten, hat Mitteleuropa in einen welthistorischen, tragischen Niedergang geführt GA 190, Mitgliedervortrag in Dornach 12. April 1919 S. 174-177 Die Wahrheit fordert noch etwas ganz anderes als irgendeinen blinden Autoritätsglauben oder dergleichen. Daher ist die Wahrheit eine so gemiedene Individualität in der Entwickelung der Menschheit, eine so gemiedene Wesenheit. Daher ist die Unwahrheit das, was so viel Tragik hervorruft in der menschlichen Entwickelung. Würde man wahrheitsgemäß, unbefangen das schildern, was liegt in der Entwickelung von jenem Zeitalter an, da Walther von der Vogelweide seine Lieder gesungen hat, bis zu dem noch ungehobenen Schatze von Geistesleben, von dem Goethe der ihn nicht verstehenden Mit- und Nachwelt sprach, man würde von einer ganz besonderen Offenbarung der neueren Zeit sprechen müssen und können. Aber man würde gedrängt sein, aufmerksam zu machen, daß gewissermaßen für die allgemeine Menschheit der Erde anonym sich da etwas entwickelte, da etwas geschah. Und das, was nicht anonym war, das, was man als Weltgeschichte betrachtete, das war die luziferische Ausgestaltung der alten Nibelungenwildheit. So stand vom Jahre 1200 bis in das 20. Jahrhundert hinein das, was sich als die naturgemäße Entwickelung Mitteleuropas ergab, einem Luzifertum gegenüber, das die zurückgebliebene Nibelungenwildheit war, als Seelenleben entfaltet in der neueren Zeit. Betrachten wir das, dessen Ausgangspunkt wir suchen dürfen ungefähr um das Jahr 1200 herum, und stellen wir ihm gegenüber das luziferische Element der Fürstentümer, der Territorialfürsten, dann werden wir begreifen, was es für ein besonderes Zusammenwirken ergab, als das ahrimanische Element des modernen Industrialismus mit der Technik und dem Kapitalismus heraufkam und in der letzten Phase des nun seinem Verröcheln entgegengehenden Mitteleuropa der furchtbar ahrimanisch-luziferische Zusammenhang zustande kam; namentlich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jenes Zusammenwirken zustande kam zwischen dem Industrialismus und dem alten Territorialfürstentum, dem alten Junkertum und den alten Anhängern der in den Verfall geratenen Nibelungenwildheit. Das ist es, was Mitteleuropa seinen Untergang gebracht hat: die Ehe zwischen dem Industrialismus und dem Territorialfürstentum, den politischen Verwaltern Mitteleuropas. Das ist es, was die in meinem «Aufrufe» geforderte Entfaltung einer wirklichen mitteleuropäischen und deutschen Mission nicht zustande kommen ließ: Die ahrimanisch-luziferische Ehe zwischen dem heraufkommenden Industrialismus, der andere Gegenden der Welt anders ergriffen hat als die Gegend, in der die alte Nibelungenwildheit im Territorialfürstentum in Mitteleuropa herrschend war. Und wenn einmal frank und frei wird geschildert werden sollen, welche furchtbaren Symptome eines welthistorischen, tragischen Niederganges vorhanden waren vom Jahre 1914 bis 1919, weiter hinaus vorhanden sein werden gerade in Mitteleuropa, dann wird man zu schildern haben das für dieses Mitteleuropa grausam-fürchterliche Zusammenwirken des alten verkommenen Nibelungenadels mit dem heraufkommenden, seine welthistorische Stellung durch keine inneren seelischen Ansprüche rechtfertigenden industriellen Menschentum Mitteleuropas. Die Typen, welche sich in Mitteleuropa in diesen Jahren gezeigt haben aus diesen beiderlei Kreisen heraus, das waren die Menschen, die in unendlichem Hochmut aus einer eingebildeten Praxis heraus durch Jahre hindurch alles niedergetreten haben, was irgendwie hat hinwirken wollen auf ein Wiederbemerken dessen, was mit Walther von der Vogelweide zu singen begonnen hat, und was mit dem Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hat. Daß die äußere Welt sich das Schlagwort des «Militarismus» erfunden hat, um diese viel tiefere Erscheinung unzutreffend-zutreffend, zutreffend-unzutreffend zu bezeichnen, das ist ja nicht weiter zu verwundern, denn furchtbar viel tiefsinniger als die mitteleuropäische Welt ist die außermitteleuropäische Welt auch nicht, wahrhaftig nicht. Ein Verständnis für mitteleuropäisches Wesen hat sich nirgends gefunden woanders, wenn auch gesagt werden muß, daß es mit Riesenschritten zurückgegangen ist, was in diesem Mitteleuropa sich entwickelt hat bis zum Goetheanismus hin, nach dem Zeitalter Goethes. Wenn man spricht von dem Überschreiten der Schwelle zum Übersinnlichen hin, dann muß man sich immer erinnern an das, was in alten Zeiten, wo man aus atavistischem Hellsehen heraus viel gewußt hat über das, was mit der Menschenseele vorgeht, wenn sie die Schwelle zum Übersinnlichen überschreitet, nämlich: Durchgang durch die Pforte des Todes. Mancherlei geht in der ganzen Menschheit vor, was seelisch-geistig heute sich schon ankündigt als ein Durchgehen durch die Pforte des Todes. Und mancherlei darf, wie ich noch einmal sagen will, nicht so betrachtet werden, daß man gleich die einzelne Erscheinung unmittelbar identifiziert mit den großen, umschlagenden revolutionierenden Impulsen der weltgeschichtlichen Entwickelung. Aber man muß das, was im einzelnen einen umgebend geschieht, in das Licht rücken können, was uns geisteswissenschaftlich als Beleuchtung werden kann für die großen umschlagenden Impulse der Zeit. Es ist ja in der Tat gerade in Mitteleuropa Merkwürdiges vorgegangen. Charakteristische Erscheinungen! Was ich Ihnen jetzt öfters charakterisiert habe als ausdrückend die Realität des Seelenlebens durch die Sprache, das läßt sich auch verfolgen gerade um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in diesem mitteleuropäischen Geistesleben. Die industriell-technisch-kapitalistische Färbung, die allmählich die tonangebende Kultur Mitteleuropas angenommen hatte, die überall eingriff, bewirkte, daß man eigentlich die Vorzeit bis ins 12. Jahrhundert vollständig vergaß. Eigentlich wußten die Deutschen des endenden 19., beginnenden 20. Jahrhunderts nicht in Wirklichkeit, wie und wodurch sie Deutsche sind. Das wußten sie nicht, hatten eigentlich im Grunde keine Ahnung davon. In wirklichem Seelenschlafe wurden die Ereignisse der Vorzeit aufgenommen. Denn es war nichts eingedrungen in das Bewußtsein der sogenannten gebildeten Klassen, die allmählich brachen mit dem, was im Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hatte, von der wirklichen Geistessubstanz, die da heraufgezogen war. Und so konnte es geschehen und solche Erscheinungen ließen sich verhundert-, vertausendfachen daß elementare Menschen zum Beispiel eine Neigung hatten, die Glorifizierung deutscher Heldenvorzeit durch einen Wortplärrer wie Ernst von Wildenbruch wie ernsthafte Dramatik oder ernsthafte Dichtung entgegenzunehmen. Man weiß gar nicht, was alles Ernst von Wildenbruch in Dramen gebracht hat von irgendwelchen Kaisern, Königen und so weiter, Fürsten der Vorzeit. Stets die allerunbedeutendsten Familienereignisse, niemals die weltgeschichtlichen Impulse! Dabei hat man bei seinen Dramen das Gefühl: Da tönen Worte wie Blech, lauter geschlagenes Blech. Aber wir sind schon so weit gekommen im Zeitalter des Industrialismus, der gerade auf ein so zur Geistigkeit ursprünglich veranlagtes Volk wie das deutsche verheerend wirken mußte, daß man den Schellenklang des Ernst von Wildenbruch wie wahrhafte Dichtung empfand. Ja mehr! Wir sind so weit gekommen, daß Menschen, die aus der klassischen Empfindung heraus, aus der Empfindung, die sie sich geholt haben in der klassischen Zeit, die durchgegangen sind durch eine wirklich feine geistige Erfassung der neueren Kunstempfindung, die es gebracht haben zu einem feinen geistigen Erfassen seiner Entwickelungsphase der Menschheitsentwickelung wie Herman Grimm Sie wissen, eine Persönlichkeit, die ich von den neueren Persönlichkeiten am meisten verehre daß eine solche Persönlichkeit, wie Herman Grimm, bewundernd, tief bewundernd dasteht vor dem seelenlosen Wortgeplärr Ernst von Wildenbruchs, und es vergleicht mit den Leistungen der größten Dichter der Weltgeschichte. So weit hat sich die neuere Menschheit entfernt von dem, was innerliches Erfassen der wahren Wirklichkeit ist. Das muß verzeichnet werden, wenn man charakterisieren soll, in welchem Zeitalter wir leben, das muß nicht ohne Betonung und ohne Charakteristik bleiben, wenn man verstehen will, was es heißen soll, daß unsere Zeit in gewisser Weise durch einen geistigen Tod durchgeht, um zu einer höheren Stufe der Menschheitsentwickelung zu kommen. |
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