Paris, 19. Oktober 2001 © Le Point - N°1518 - Seite 42

Sekten – Die Ankläger liegen im Streit

Krise: Das Verhalten von Alain Vivien an der Spitze der »Interministeriellen Mission zum Kampf gegen die Sekten« (MILS) ist umstritten. – Eine für Lionel Jospin unwillkommene Polemik

Von CHRISTOPHE DELOIRE - Le Point. 19. Oktober 2001

Die Front der militanten Sektengegner entzweit sich zusehends. Bis vor kurzem arbeiteten die offiziellen Stellen und die Vereinigungen im Sinn des Gesetzes 1901 gemeinsam zugunsten ihres edlen Ziels. Aber nun durchlaufen die Antisekten-Zirkel eine schwere Krise. Amtsniederlegungen, Umsturzversuche, interne Kämpfe und Auseinandersetzungen enden so, daß sie sogar das Kabinett von Lionel Jospin in Unruhe versetzen. Denn die schmutzige Wäsche, die in der kleinen Welt der Guru-Ankläger – innerhalb der Familie – gewaschen wird, beginnt nach und nach auf die verehrungswürdige »Interministerielle Mission zum Kampf gegen die Sekten« (MILS), eine »Dienststelle des Premierministers«, abzufärben, die in zwei Etappen vom Hôtel Matignon ins Leben gerufen wurde.

Bis jetzt wurde das Geheimnis in den nicht wenig verfilzten Kulissen gut bewahrt, wo alle Angriffe erlaubt scheinen, um Rechnungen zwischen verfeindeten Freunden ein und desselben Feldzugs zu begleichen. Anfang 2001 haben die ersten Anzeichen von Agitation die Ruhe des »Zentrums gegen die mentale Manipulation« (CCMM) gestört, einer Vereinigung, die einen Leuchtturm des Anti-Sekten-Kampfes darstellt und der Theorie nach unabhängig von allen staatlichen Instanzen ist.

Sein Präsident, Jean-Pierre Bousquet, beklagte sich darüber, die Rolle eines Präsidenten zu spielen, der für die Galerie gewählt worden sei. Und wirklich, er verfügte nicht einmal über die Hausschlüssel der Organisation. »Wegen Sicherheitsgründen sollte man nicht zu viele Doppelschlüssel haben«, erklärt heute die Verwaltungschefin des CCMM, Patricia Vivien, die niemand anders als die Ehefrau von Alain Vivien ist, des Präsidenten der äußerst offiziellen MILS. Mitglieder des CCMM sind seither überzeugt, daß Patricia, die von der Vereinigung bezahlt wird, und Alain Vivien, die offizielle Inkarnation der staatlichen Politik gegen die Sektenbewegungen, Bousquet die Rolle eines Marionettenpräsidenten zuweisen wollten.

Fast eine Liebesgeschichte
Alain Vivier, der frühere sozialistische Abgeordnete der Region Seine-et Marne, Staatssekretär des Äußeren unter dem Ministerium von Roland Dumas, war der Autor eines ersten parlamentarischen Berichts, der die Sekten behandelte und dem Premierminister Pierre Mauroy 1983 vorgelegt wurde. Gestärkt durch diese Legitimitätserklärung Mauroys, sitzt Vivien der MILS seit dem Zeitpunkt vor, als die Regierung Jospin diese Institution mit großem Pomp 1998 aus der Taufe hob.

Für Alain Vivien ist das CCMM eine Familienangelegenheit, fast eine Liebesaffäre. Ein ehemaliger Geschichtslehrer, hat er die Schicksale des CCMM zwei Jahre, 1997 und 1998, bestimmt. Durch einen Kreis in Auflösung gelegentlich betrogen, d.h. von einer Sekte in die Falle gelockt, hat der frühere Minister eine Organisation aufgebaut, deren Archive für Forscher und Journalisten von Nutzen sind. Als Präsident der MILS ist Vivien immer noch Verwalter des CCMM, während seine Ehefrau, die Verwaltungsdirektorin, sich dort als Gouvernante aufführt.

Haben ihre ehelichen Bande einen Einfluß auf ihre jeweiligen Tätigkeiten? Alain Vivien ergriff die Partei seiner Frau, die sich über eine als hart empfundene Haltung von Präsident Bousquet beklagte. Zusammen mit ihr haben drei Angestellte den Präsidenten in die Zange genommen. Der in Ungnade Gefallene wurde im Mai durch ein Büro, das rechtlich gar nicht dazu befugt war, seines Amtes entkleidet: und das alles in Gegenwart von Alain Vivien. Jean Pierre Bousquet hat sich dagegen gewehrt und den Streitfall vor die Justiz gebracht. Am 6. Juni 2001 hat der Vizepräsident der großen Instanz in Paris, François Dior, zur allgemeinen Überraschung das CCMM bis zum 6. Oktober unter gerichtliche Verwaltung gestellt, dem Zeitpunkt, zu dem ein neuer Präsident gewählt werden soll.

Haben die Viviens aus der Rollenvermischung Profit gezogen? Die Nähe des Ehepaars begünstigt in jedem Fall das gute Einverständnis zwischen dem CCMM und der MILS. Ein vertraulicher Zwischenbericht der Nationalen Erziehungsaufsicht, der nur zwei Ministern und dem Präsidenten der MILS ausgehändigt wurde, fand plötzlich Verbreitung durch das CCMM. Ein anderes Beispiel der Synergie, wenn nicht des abgekarteten Spiels: eine Reise nach Peking im Jahr 2000 zu einem Symposion über das Sekten-Phänomen, wo Frau Vivien auf Kosten des CCMM weilte und Herr Vivien als Präsident der MILS.

Der Kabinettschef von Lionel Jospin, Henry Pradeaux, wurde im Juni dazu aufgefordert, eine Situation zu beenden, die zu einem Interessenkonflikt führe. Vergeblich. Anfang des Jahres bemühte sich die Gattin nach Matignon, in das Büro des Kabinettschefs von Jospin, um dort für den Kauf des neuen Sitzes der Antisekten-Organisation eine Subvention von 4,5 Millionen Francs zu erbitten. Die Summe wurde ihr im Februar 2001 aus dem Haushaltstitel »Verteidigung der Menschenrechte«, der zum Budget des Premierministers gehört, zugestanden. Nach guter Logik war Alain Vivien konsultiert worden, wie jemand feststellt, der dem Dossier nahesteht. Nun, Vivien ist Präsident der MILS, aber auch – seit 1996 – Präsident der Kommission DOM-TOM der »Liga der Menschenrechte«. Momentan auf einer Reise in Tokio, konnte Vivien noch nicht befragt werden. Das Kabinett in Matignon hat keinen Kommentar abgegeben.

Die Zielscheibe der Kritik
Marie Genève, neben dem Schriftsteller Roger Ikor – Goncourt-Preisträger 1995 mit dem Titel »Les eaux mêlées« – Mitbegründerin des CCMM, Ehrenpräsidentin des Zentrums, gesteht ihre Irritation darüber, daß der Name Roger Ikors mit etwas in Verbindung gebracht werden könnte, was sie als Abirrung bezeichnet. Nach dem Vorbild mehrerer Verwalter hat sie die Absicht, in den nächsten Tagen ihr Amt niederzulegen. »Bis heute haben wir die Undurchsichtigkeit des finanziellen Gebarens nicht öffentlich gemacht, um zu verhindern, daß die Sekten von dem unverhofften Glücksfall profitieren, um eine Gegenoffensive zu starten«, bekennt einer der Demissionäre, Max Bouderlique. »Aber eine Schwelle wurde überschritten.«

Gut vor den Sekten geschützt, da er ständigen Personenschutz genießt und manchmal sogar im abgedunkelten Wagen fährt, ist Alain Vivien seit einiger Zeit überall Zielscheibe der Kritik. Die letzten Vorwürfe, verschleiert und vorsichtig, kommen von Janine Tavernier, einer Militanten der ersten Stunde in Sachen Antisektenbewegung, seit sie 1982 entdeckte, daß sich ihr Ehemann, ein ehemaliger Marineoffizier, von einem Guru hatte verführen lassen. Seit 1993 Präsidentin der »Nationalen Vereinigung zur Verteidigung der Familie und des Individuums (Unadfi)«, hat Janine Tavernier wie niemand anders gegen die Grüppchen gelärmt, die die Geister mißbrauchen, indoktrinieren, manipulieren und korrumpieren. Ermüdet durch die innere Opposition hat diese medienwirksame Person am 21. September ihr Amt niedergelegt. »Alain Vivier hat die Tendenz, alles regieren zu wollen. Jede Aktion mußte von ihm genehmigt werden.«

Der Konflikt zwischen den beiden Heroen des Anti-Sektenkampfes, – dem Politiker Alain Vivien und der Leidensmutter Janine Tavernier –, überschreitet die Rivalität von Personen. Die Polemik hat sich über dem Fall der Steinerschulen kristallisiert, deren Pädagogik auf den Theorien Rudolf Steiners, eines umstrittenen Denkers gründet, der empfiehlt, auf die Schüler keinen Zwang auszuüben. Janine Tavernier, deren Kinder eine solche Schule besucht haben, bemerkt »bis heute sind keine Opfer eines sektiererischen Verhaltens bekannt geworden«. In Antwort darauf widmet Vivien einen Teil seines jährlichen Berichts über die Sekten 2000 der Anthroposophie, die durch eben jenen Steiner begründet wurde, dessen Schulen er kritisiert.

Noch ein Rücktritt ...
Ein Schreiben des Erziehungsministers Jack Lang an den Präsidenten der Steinerschulen vom 24. Juli 2001 zeigt jedoch, daß die durch den Generalinspektor
Daniel Groscolas geleiteten Kontrollen keine Praktiken aufgedeckt haben, die einen sektiererischen Charakter tragen. Das Schreiben hätte die Polemik beenden können. Es gibt hier nichts zu finden.

Die MILS hat diese letzten Episoden nicht abgewartet, um Phasen der Spannung zu durchleben. Seit ihren Anfängen war der Beirat der Mission ein Ort der mehr als lebendigen Debatten, die Alain Vivier zu einem Gegner des Psychiaters Jean-Marie Abgrall, eines Experten in der Sonnentempel-Affäre und des Generalinspektors der Nationalen Erziehungsaufsicht, Daniel Groscolas, machten. Nach letzterem, dem Vorsitzenden der Arbeitsgruppe zur Vorbeugung gegen das Sektenphänomen im Erziehungsministerium, »ermächtigt die Konstitution nicht dazu, Angestellte, die keinen anderen Fehler begangen haben, nur deswegen zu bestrafen, weil sie mit Sekten in Verbindung stehen; nun, die MILS wünschte eine systematische Bestrafung.«

Im letzten Februar sind Groscolas und Abgral nicht mehr in den Beirat der MILS gebeten worden, der neu zusammengesetzt wurde. Im Juli der Theatercoup: nun war die Reihe am Generalsekretär der Mission, dem Richter Denis Barthélemy, sein Rücktrittsgesuch abzugeben. Jüngst hat der ehemalige Verantwortliche für Soziales des Kabinetts Martine Aubry fluchtartig seine Büros verlassen. Im Streit mit Vivien ist er in das Berufungsgericht in Versailles zurückgekehrt.
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