| Chronologie der Kampagne gegen die Anthroposophie in Frankreich Am 21. Dezember 2000 erschien in Frankreich der jährliche Sektenbericht der MILS (Mission Interministerielle de Lutte contre les Sectes). Ein Viertel des MILS-Berichtes von Alain Vivien beschäftigt sich mit einer Einzelfallstudie: »La >galaxie< anthroposophique«. Der Inhalt, der über Steiner Schulen, anthroposophische Medizin und die »Nef« (die anthroposophische Kreditgesellschaft »Nouvelle économie fraternelle«) aufklären sollte, stellt abenteuerliche Behauptungen auf. Eine Kostprobe: »Die Weltanschauung Steiners ist auf einer Neo-Interpretation orientalistischer Reinkarnationszyklen gegründet und, wie bei den Theosophen, auf einem ihm im Traum offenbarten Buch, die Akasha-Chronik. Nach ihm erfährt die Menschheit vier Stufen: mineralisch, pflanzlich, kosmisch und die Stufe des Ich, die den vier Körpern (oder Karma) entsprechen: dem physischen, ätherischen, astralischen und Leib des Ich. Das Anfangsziel der Lehrer ist es, zu erkennen, in welchem Stadium der Evolution die ihnen anvertrauten Kinder sich befinden, so dass ihnen ein Höchstmaß von Entwicklung ermöglicht wird . . . « (Der gesamte Bericht kann von der Webseite des französischen Premierministers heruntergeladen werden.) Ende Januar hat u.a. auch der Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland die französische Regierung auf die Absurdität dieser Behauptungen aufmerksam gemacht: »Weder wurde Rudolf Steiner ein Buch im Traum offenbart, noch hat er je von vier Stufen gesprochen, auf denen sich die Menschheit befindet. Tatsächlich sprach Steiner von vier Stufen der Weltevolution, auf der sich zunächst Physisches, dann Pflanzen und Tiere und letztlich das Individuell-Menschliche mit seinem Ich-Bewußtsein entwickelt haben. Schon allein deswegen ist die Be-hauptung, Lehrer sollten über das Stadium der Evolution der ihnen anvertrauten Kinder ein Urteil fällen, völliger Unsinn. Sollten etwa Kinder auf dem Pflanzenstadium täglich begossen werden?!« Alain Vivien ging es offensichtlich um eine Stigmatisierung genau derjenigen Bewegungen, die den Präsidenten der parlamentarischen Untersuchungskommission »Sekten und Geld«, Jacques Guyard, wegen Diffamierung erfolgreich verklagt hatten: die Steiner Schulen, die anthroposophische medizinische Bewegung und die Nef. Vivien und Guyard scheinen in einem Boot zu sitzen. Schon am 14. März 1997 hatten beide zum Thema »La Franc-Maçonnerie face aux Sectes« in der Pariser Loge Merlin de Douai (Le Grand Orient de France) vorgetragen. Aus Deutschland holte sich Vivien Unterstützung von dem Leiter der Evangelischen Akademie Karlsruhe, Jan Badewien. Badewien führt seit vielen Jahren einen theologischen Weltanschauungskrieg gegen die Anthroposophie und die Waldorfschulen. Ablauf der Ereignisse 1995: Der erste Sektenbericht attestiert der anthroposophischen Bewegung objektive Harmlosigkeit (innocuité objective). 14. März 1997 Zum Thema La Franc-Maçonnerie face aux Sectes sprechen in der Pariser Loge Merlin de Douai (Le Grand Orient de France) u.a. Jacques Guyard und Alain Vivien. 10. Juni 1999 Veröffentlichung einer parlamentarischen Untersuchungskommission (Präsident: Jacques Guyard, Parti Socialiste) zum Thema Sekten und Geld. Anthroposophie und die von ihr inspirierten Aktivitäten sind diesmal auf der Liste sektiererischen Bewegungen aufgeführt. 17. Juni 1999 Der Präsident der Untersuchungskommission, Jacques Guyard, wirft den Steiner- Schulen, der anthroposophischen Medizin und der anthroposophischen Kreditgesellschaft Nef (Nouvelle économie fraternelle) das Verhalten einer Sekte vor. Nachdem die Verantwortlichen der oben genannten Organisationen ergebnislos den Kontakt zu Guyard gesucht hatten, wird eine Diffamierungs- und Schadensersatzklage eingereicht. Im Mittagsjournal bei France2 war er gefragt worden: »Aufgrund welcher Kriterien wurde diese Bewegung als Sekte klassifiziert?« Antwort: »Sie ist typisch. Alle diese Bewegungen sind anfangs verlockend, erst danach erweist es sich, dass ihr Hauptziel doch darin besteht, entweder Geld umzuleiten oder absolute Macht über Personen auszuüben (...). Hier handelt es sich eindeutig um Indoktrination.« 14. Dezember 1999 Die Steiner Schulen in Frankreich werden zeitgleich und unangekündigt von Inspektionsmannschaften auf Pädagogik, Hygiene und Sicherheit inspiziert - auf eine manchmal aggressive und oft argwöhnische Art, wie später ein Inspektor zugibt. Sie waren beauftragt, die Pädagogik, die Hygiene und die Sicherheit zu kontrollieren. Eine Widerspruchsverfahren wird den Schulen vorgeschlagen, die eingegangenen Widerlegungen werden aber nirgends berücksichtigt. 21. März 2000 Die 17ten Strafkammer in Paris verurteilt Jacques Guyard zu einer Geldstrafe von 20.000 Francs und zu einer Schadenersatzzahlung von 90.000 Francs, weil er drei anthroposophische Bewegungen diffamierte, die sich auf Rudolf Steiner berufen (die Steiner Schulen, der Vereinigung der anthroposophischen medizinischen Vereine Frankreichs "Mercure fédéral" und die anthroposophische Kreditgesellschaft "Nef"). In seinem Urteil schreibt das Gericht: »Es ist erwiesen, dass Herr Guyard im Fernsehen Anklagen gegen eine Bewegung ausgesprochen hat, ohne in der Lage zu sein, diese aus einer ernsthaften Untersuchung zu rechtfertigen. Aus seinen Erklärungen ergibt sich, daß er seine Kenntnisse nur aufgrund schriftlicher Angaben von Personen hat [»renseignements généraux«], die sich als Opfer der Anthroposophie bezeichnen, daß aber weder die Autoren dieser Angaben noch die vermutlich Verantwortlichen der anthroposophischen Bewegung zu Aussagen von der Kommission gehört wurden; daß sich die Ausgewogenheit der durchgeführten Untersuchung ausschließlich auf den Versand eines Fragebogens an ungefähr 60 als sektierisch vermutete Bewegungen beschränkte.« Guyard legt Berufung ein. (Die Berufung soll am 7. Juni 2001 verhandelt werden - der zunächst angesetzte Termin am 30. November 2000 platzte wegen eines Stenographen-Streiks). 15. Juni 2000 D. Groscolas, Generalinspektor der Éducation Nationale und A. Seksig, Referent von Minister Lang, bestätigen gegenüber J. Dallé (Präsident der Fédération des Écoles Steiner en France), daß das Ministerium bei den auf Ministerebene angeordneten Inspektionen keinerlei Hinweise auf sektenhaftes Verhalten in den Steiner Schulen gefunden hat. Er verspricht zukünftig eine transparente Kontrolle der Schulen. Das Ministerium beteuert, daß es den Dialog fördern möchte. Die Inspekteure hatten teilweise kritische Bemerkungen über das Unterrichtsniveau gemacht, allerdings i.d.R. ohne Kenntnis des andersartigen pädagogischen Ansatzes der Steiner Schulen, das sich weder auf die Direktiven noch auf die Lehrpläne einer Éducation nationale beschränkt. Weiterhin wurde bemängelt, daß nicht genügend Schüler entsprechend eines französischen Gesetzes geimpft sind bzw. die Unterlagen der Schule unvollständig waren. Einige Sicherheitsmängel französischer Waldorfschulen sind unbestritten. Diese hängen auch mit der finanziell sehr schwierigen Lage der meisten Schulen zusammen. Nach den Hinweisen seitens der Behörden sind internationale Hilfsaktionen zu Gunsten der französischen Steiner Schulen angelaufen. 2. August 2000 Zeitungsredaktionen bekommen einen Bericht der Inspektion vom 14. Dezember 1999 zugespielt, der der Fédération des Écoles Steiner nie zur Kenntnis gegeben wurde. D. Groscolas hatte zugesichert, keine Berichte über den Unterrichtsbesuch zu veröffentlichen. Das Ministerium der Éducation Nationale bestreitet, dieses Dokument an die Presse herausgeben zu haben. Am 2. August und in den folgenden Tagen werden von verschiedenen Zeitungen die Steiner-Schulen negativ charakterisiert, insbesondere die Schwäche ihrer Pädagogik, unzureichende Sicherheitsvorkehrungen in den Schulgebäuden und fehlende Impfungen, in Berufung auf einen Ihnen zugespielten Bericht. 11. September 2000 Das Zentrum gegen mentale Manipulation (CCMM) verhehlt nicht, diese Kampagne angeregt zu haben, schreibt die Libération in dem Artikel Les Écoles Steiner victimes de sectarisme. Dort erklärt auch Janine Tavernier, Vorsitzende der Unadfi (Union Nationale des Association de défense des familles et des individus contre les sectes): Die Steiner-Schulen bilden Kinder aus, die für alles offen sind: Fremdsprachen, Musik, Reisen. Das ist das Gegenteil einer Sekte. 19 Oktober 2000 Anhörung der Fédération des Écoles Steiner en France bei der von Alain Vivien geleiteten MILS (Mission interministerielle de lutte contre les sectes). Man verständigt sich auf ein Widerspruchsverfahren. Die MILS stellt ein zusammenfassendes Protokoll über die Gespräche her, welches die Fédération kommentiert und revidiert. Diese Stellungnahmen und überhaupt der Inhalt der Anhörung mit den Betroffenen wird dann im abschließenden MILS Bericht, der nur auf sekundären und tertiären Quellen beruht, vollkommen ignoriert. 6. Dezember 2000 D. Groscolas teilt J. Dallé mit, daß nach einer erneuten Kontrolle im Oktober/November aller Schulimpfunterlagen weitere Verbesserungen nötig sind. Er nennt keine Zahlen und setzt eine Frist bis Ende März 2001. Die französischen Steiner Schulen arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, diese Situation zu verbessern. Entgegen andersartigen Verlautbarungen war weder Steiner noch sind Steiner Schulen gegen Impfungen. In den folgenden Tagen nennt die Presse einen Impfungsgrad von 30%, weit unter den von der Fédération des Écoles Steiner ermittelten Zahlen. 21. Dezember 2000 Veröffentlichung des Jahresberichts 2000 der MILS. Ein Viertel des Berichtes beschäftigt sich in dem Schlußkapitel mit einer Einzelfallstudie der «galaxie» anthroposophique, womit tatsächlich die Steiner Schulen, die anthropsophische Medizin und die Nef ins Visier genommen werden - genau diejenigen anthroposophischen Bewegungen, die den Prozeß gegen Guyard angestrengt hatten, nicht aber die anthroposophische Gesellschaft oder die bio-dynamische Landwirtschaft. Am selben Tag stigmatisiert Vivien die Pädagogik Steiners im Fernsehen auf France3 und im Radio auf Europe1 und warnt Eltern vor ihr. Dagegen schrieb Le Monde am 22 Dezember 2000: indem er Mißkredit auf die Anthroposophie zu werfen versucht, geht Alain Vivien Risiken ein. Erstens das der Inkohärenz: in dem parlamentarischen Bericht von 1996 wurde dieser Bewegung »objektive Harmlosigkeit« bestätigt. Wenn es auch nur ein Dutzend Steiner Schulen in Frankreich geben mag (davon drei unter Vertrag mit dem Staat), gibt es derer Hunderte in der Welt, unterstützt von der Regierungen in Deutschland, den Niederlanden, in den skandinavischen Ländern. Und schließlich wurde Jacques Guyard, Präsident der parlamentarischen Untersuchungskommission über Sekten, am 21. März 1999 von einem Pariser Gericht deswegen verurteilt, weil er im Fernsehen die anthroposophische Bewegung eine »Sekte« genannt hatte. Ein Berufungsverfahren läuft. 22. Dezember 2000 In einer Agenturmeldung der AFP wird eine Regierungsquelle (une source proche du dossier) wie folgt zitiert: Wenn die Steiner Schulen den Gedanken Steiners treu sind, müssen sie geschlossen werden... (Si les écoles Steiner sont fidèles à la pensée de Steiner, elles doivent être fermées...) (Aufschlußreich sind insbesondere die Artikel vom 23.2.2000 in Le Monde (Jacques Guyard condamné pour avoir qualifié le mouvement anthroposophe de secte) und vom 11.9.2000 in Libération (Les écoles Steiner victimes de sectarisme). Diese Artikel liegen auch in deutscher Übersetzung vor.)
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