| Wahnsinn ohne Methode Sybille-Christin Jacob, Detlef Drewes: Aus der Waldorfschule geplaudert. Warum die Steiner-Pädagogik keine Alternative ist. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2001, 263 S. Der Alibri-Verlag in Aschaffenburg, der der Assoziation Linker Verlage (ALiVe) angehört, scheint sich auf die Publikation von Pamphleten verwirrter Grenzgänger spezialisiert zu haben. Alle sind sie mittlerweile versammelt: die gerichtsnotorischen Verleumder Grandt, der spezielle Freund des Dalai Lama und selbsternannte Sektenexperte Colin Goldner, der Gruselfilmer Petrus van der Let und sein Freund Schüller fehlt nur Peter Bierl. Es gibt Argumente, die sind "so unverblümter Nonsens, daß es eine Selbsterniedrigung bedeutet, sie auch nur bekämpfend zu diskutieren,” schrieb Sebastian Haffner in seiner »Geschichte eines Deutschen« über die Rechtfertigungen, die die Nazis für ihre Judenverfolgungen ins Feld führten. Aber, so fuhr er fort, das Interessante an ihren Absichten seien auch nicht ihre argumentativen Begründungen, sondern eben diese Absichten selbst. Die Programmschrift »Mein Kampf« hat auch niemand ernst genommen, als sie erschien. Aber der Geist, der diese Vision inspirierte, hat ein Jahrzehnt später "die Macht ergriffen”. Das Wort von Haffner gilt auch für die vorliegende Hetzschrift. Nicht, was die Autoren sagen, ist von Bedeutung, weil es so offenkundig unverblümter Nonsens ist, daß eigentlich nur hoffnungslos Verirrte glauben können, es habe etwas mit der Realität zu tun. Aber die Absichten, die die Autoren damit verfolgen, sind das "Interessante”. Das Buch, behaupten sie, sei "keine Kampfansage”, sondern eine "scharfe Abrechnung” (S. 252). Mit wem, so fragen wir, muß man "abrechnen”? Wer maßt es sich an, mit Tausenden von Menschen abzurechnen? Was ist das für eine Sprache, die hier geführt wird, um die eigenen Intentionen zu umschreiben? Wo denn so ist zu fragen wird denn normalerweise mit anderen abgerechnet? In der Welt der Gauner und des organisierten Verbrechens. Wenn dort abgerechnet wird, dann läßt sich in der Regel ein Blutvergießen nicht vermeiden. Das ist auch die wahre Intention der Autoren. Nüchtern betrachtet ist das Pamphlet eine Kriegserklärung, verfaßt von geistigen Brandstiftern, die darauf abzielt, Unfrieden zu schüren und zu Handlungen aufzurufen, die von Haß genährt sind. Man stelle sich vor: Tausende von Waldorflehrern und -lehrerinnen werden als fünfte Kolonne einer neofaschistischen Weltverschwörung verleumdet, Hunderttausende von Eltern und Schülern werden für unmündig erklärt und als verdummte Sektenanhänger verunglimpft, denen dringend die Augen über den angeblich totalitären Geist der Waldorfpädagogik geöffnet werden muß. Schulbehörden und Bildungsministerien, die seit Jahrzehnten mit Waldorfschulen zusammenarbeiten, werden in den Verdacht der Mitwisserschaft oder Mittäterschaft mit einer militanten Sekte gerückt, die darauf abzielt, die demokratische Grundordnung zu unterwandern. Es ist empörend! Eine Jauchegrube voller Irrwitz wird über die Waldorfschulen ausgeschüttet. Völlig enthemmt wird drauflos phantasiert, schwadroniert, pauschal-verdächtigt und denunziert. Am ekelerregendsten ist das Denunziantentum, das sich in das Gewand der moralischen Entrüstung, der Anwaltschaft für die gute Sache der Demokratie und der Emanzipation kleidet. Das Machwerk strotzt nicht nur von Unwahrheiten, sondern auch von Selbstwidersprüchen. Wie könnte es auch anders sein, denn, es kommt ja nicht auf argumentative Kohärenz, sondern nur darauf an, den Gegner "fertig zu machen”, mit ihm "abzurechnen”. Das Anliegen der Anthroposophen, so die Autoren, sei es, "sich von der aktiven, selbstgewählten, verstandesmäßigen Umgestaltung der Verhältnisse zu verabschieden”, und "ihr Heil in der Vergeistigung” zu suchen. "Das ist jene Haltung, die den Faschisten auszeichnet. Bedingungslose Unterordnung unter die gegebenen Verhältnisse ...” (S. 74) Sieben Seiten weiter wird der "Waldorf-Konzern” porträtiert: die anthroposophische Bewegung sei "zu einem Konzern herangewachsen”, der "nichts ausläßt”, "um die Lebensführung” "gegen Bares umsetzen zu können.” Abgesehen davon, daß diese Sätze an sich schon sinnlos sind, frägt sich der Leser, wie es denn möglich ist, daß eine Geistesrichtung, die sich von der "aktiven Umgestaltung der Verhältnisse verabschiedet” wie die Faschisten, die nach Ansicht der Autoren in Europa die Verhältnisse offenbar auch "durch Vergeistigung” umgestaltet haben , einen gigantischen Konzern zu schaffen vermochte, der alle Lebensverhältnisse berührt und durchaus "eine Macht am Markt” darstellt (S. 81). Na ja, immerhin fällt dieser Widerspruch selbst den Autoren auf und sie sagen: "Das wundert den Beobachter nicht zuletzt deshalb, weil so viel irdischer Erfolg eigentlich dem Ziel höherer Geisteserkenntnis nicht ganz zu entsprechen scheint.” (S. 81) Aber dieser Widerspruch, der in Wahrheit die Inkonsistenz der ideologischen Wahnwelt manifest werden läßt, in der die Autoren leben, wird nicht weiter diskutiert. Das ist auch schon die einzige Stelle im Pamphlet, an der aus dem Schwall abstruser Verdächtigungen so etwas wie Nachdenklichkeit aufblitzt. "Man findet diese Mischung von Überlegenheitsdünkel und Unduldsamkeit gleichermaßen bei überzeugten Marxisten und überzeugten Hitleristen”, schrieb Haffner in seinen »Anmerkungen zu Hitler«. Und in der Tat: was unterscheidet die linken Sektierer oder die IzAK-Schmierer (die Koautorin ist Mitarbeiterin der von Reinhard Wiechoczek 1996 begründeten Initiative zur Anthroposophie-Kritik) von einem Autor wie Dietrich Eckart, der 1919 in seiner Monatsschrift »Auf gut deutsch« über den "Juden” Steiner schrieb: "Über 15 Jahre habe ich den Instinkt gegen Steiner in mir getragen heute weiß ich, warum. ... Ob Preuß oder Hirsch oder Steiner der Geist ist der selbe, auch wenn er sich nicht theosophisch gebärdet.” Der "Instinkt”, der damals die Nationalsozialisten die Unvereinbarkeit der Anthroposophie mit der von ihnen vertretenen rassistischen Ideologie "erriechen” ließ, leitet heute die Feder linker Sektierer. Was unterscheidet diese wirren Pamphletisten von Eckart, Streicher und Stauff? Sagen wir es deutlich: nichts, rein gar nichts. Sie sind deren geistige Widergänger. A propos Stauff: skandalös ist es, daß ausgerechnet Philipp Stauff, der Präsident der Guido-von-List-Gesellschaft, der Anfang der zwanziger Jahren zu den Hauptgegnern der Anthroposophie gehörte und im südbayrischen Germanenorden Attentatspläne gegen Steiner schmiedete, als Autor vorgeführt wird, dessen "Märchendeutungen von Anthroposophen und Waldorfianern so gerne benutzt werden.” (S. 73) Mir wenigstens sind keine anthroposophischen Autoren bekannt, die Stauffs von Guido List inspirierte Märchendeutungen positiv rezipiert hätten. Völlig irrational ist der Haß der Autoren gegen das angeblich faschistische Märchengut, das in der Waldorfpädagogik eine so große Rolle bei der Indoktrination der Kinder spiele. Die Verfasser zitieren in ihrem Kapitel über "faschistisches Märchengut” eine obskure "Internetdokumentation” der Antifa-Gruppe Gütersloh, "die nichts von dem vielleicht zu unterstellenden Dogmatismus oder blinder Unwissenschaftlichkeit an sich hat” (S. 63): da kann man ja nur lachen Ewiggestrige frei von Dogmatismus und Unwissenschaftlichkeit! Doch betrachten wir, wie die Autoren die Logik mit Füßen treten. Auf Seite 31 des Anti-Waldorf-Machwerks findet sich die Behauptung: "Moderne Technologie ist für Waldorf ein Fremdwort.” Blättern wir 44 Seiten weiter. Hier hauen die Verfasser auf den armen Jakob Streit ein, der wunderschöne Erzählungen und Märchen verfaßt hat. Mit Streits Einstellung zum "Nutzen der Märchen”, gehe, so behaupten sie, "eine strikte Abkehr von jedem Intellektualismus einher. Allein die technische Intelligenz, die instrumentelle Vernunft wird als legitim anerkannt.” Was nun? Ist die "moderne Technologie” ein Fremdwort für die Waldorfschulen oder huldigen sie der "technischen Intelligenz”? Nebenbei erfahren wir, daß auch C.G. Jungs Archetypenlehre faschistisch sei. Die Autoren zitieren Streit, der über das Kind kurz nach dem Zahnwechsel sagt, es möchte zu Persönlichkeiten aufschauen und daß nichts "in diesem Alter unheilvoller” sei, "als die Ausbildung des in unserer Zeit so gern gesehenen »kritischen« Denkens.” Sie kommentieren: "Deutlicher kann man die anthroposophische Bevormundung und Erziehung zur hörigen Abhängigkeit von einem Führer-Ideal eigentlich kaum noch formulieren ... Das kommt dabei heraus, wenn man die Vernunft in den rein instrumentellen Bereich verbannen will und sich stattdessen aufs »instinktive, meist blutgebunden [kein Tippfehler, so stehts im Buch] Bilderhellsehen verlegt«, wie Streit dies fordert.” (S. 75) Man muß gar nicht bei Streit nachlesen, um zu wissen, daß die Behauptung vollkommener Unsinn ist, Streit fordere, daß man sich aufs "instinktive Bilderhellsehen” "verlege”, ganz abgesehen davon, daß man auch nicht erfährt, von wem Streit dies fordere oder was diese Forderung bedeuten soll! Übrigens könnte man das Zitat gar nicht nachprüfen, selbst wenn man wollte, weil die Autoren kein einziges Zitat nachweisen! Sie weisen tatsächlich keine Fundstellen nach, das Buch besitzt keinerlei Anmerkungen, nur eine Bibliographie. Soll man jetzt alle Bücher, auf die die Bibliographie verweist, durchblättern, bis man ein angebliches Zitat findet? Aber die Autoren zielen ja gar nicht auf die ernsthafte Auseinandersetzung, sondern auf die Verfemung, Vernichtung der ihnen so verhaßten, angeblich "faschistischen Esoterik”. Der andere Topos vom angeblichen Antirationalismus der Waldorfpädagogik, der hier zum hundertsten Male wiedergekäut wird, gewinnt durch die gebetsmühlenhafte Wiederholung auch nichts an Überzeugungskraft. Es ist ermüdend, immer wieder dasselbe erklären zu müssen. Die Waldorfpädagogik wendet sich bekanntlich nicht gegen die Ausbildung der Urteilskraft und des kritischen Denkens, sie versucht nur im Interesse des Kindes die verfrühte Ausbildung dieser Fähigkeiten zu vermeiden. Man befrage doch einmal die Vertreter des Landesschülerrates der Waldorfschulen in Baden-Württemberg, ob sie der Auffassung sind, sie seien "zur hörigen Abhängigkeit von einem Führer-Ideal” erzogen worden! Im übrigen: wie läßt sich der Vorwurf der "Abkehr vom Intellektualismus” mit dem anderen von der alleinigen Anerkennung der "technischen Intelligenz, der instrumentellen Vernunft” vereinbaren, die gleichzeitig konstatiert wird? Durch den Antisemitismus sei die Logik entthront worden, schrieb einst Steiner. Durch den Antifaschismus, wie ihn diese Autoren zelebrieren, wird sie mit Füßen getreten, muß man heute ergänzen. Zu einem totalitären Wahnsystem gehört es, sich gegen Kritik zu immunisieren. Dieser Vorwurf wird immer wieder von angeblich kritischen Autoren gegen die Anthroposophie vorgebracht, die außerstande sind, zu begreifen, was die Forderung der Anthroposophie nach radikaler Selbsterkenntnis eigentlich bedeutet. Doch sehen wir zu, wie die Fabrikanten des vorliegenden Pamphlets sich gegen Kritik immunisieren. Einen ganzen Katalog möglicher Reaktionen auf ihr Machwerk zählen sie (S. 251) auf: man könnte ihnen "Manipulation, Kampagnen-Journalismus, Unterstellungen, unbewiesene Spekulationen, Verdrehung historischer Tatsachen” unterstellen. Man werde behaupten, "Zitate” seien "aus dem Zusammenhang gerissen.” Man werde notfalls, wie im Fall der Gebrüder Grandt, vor Gericht ziehen. Man werde versuchen, die "persönliche Glaubwürdigkeit der Autoren durch Diffamierung und Beschuldigung zu unterminieren.” Man werde "Veranstaltungen der Kritiker boykottieren” oder die "Verbreitung des Buches behindern”. Es sei aber auch denkbar, daß man "die Arbeit schlicht durch Nichtbeachtung” strafe. All diese Reaktionen seien "von Sekten und faschistisch strukturierten Vereinigungen bekannt.” Wie auch immer man als zu Unrecht Angegriffener also reagieren wird, die Autoren haben schon vorgebaut: ob man sie ignoriert oder ob man ihrer Kritik mit Kritik entgegnet, man ist immer schon als "Faschist” und "Sektenangehöriger” abgestempelt. Daß man als unbescholtener Bürger von seinen verfassungsmäßigen Rechten gegen Verleumder ihrer Sorte Gebrauch machen könnte, fällt ihnen nicht bei. An etwas haben die selbsternannten Apostel der Aufklärung allerdings nicht gedacht: daß der Leser sie einfach für dumm halten könnte. "Kritiker sind schwer zu ertragen”, meinen sie. Nein, meinen wir, Kritiker sind keineswegs schwer zu ertragen. Aber was schwer zu ertragen ist, das ist der Wahnsinn, der sich als Vernunft ausgibt. Die beiden behaupten, es gehe ihnen nicht darum, "Menschen zu diskriminieren oder abzustempeln, sondern ein System.” Aha! Wenn Drewes (1) also schreibt: "Steiner predigt einen ungeschminkten Rassismus, die Herrschaft der einen über die andere Rasse ... seine Nachfolger haben sich bis heute von derart irrwitzigen Theorien ... nicht gelöst. Sie gelten nach wie vor. So wie Steiners Pädagogik mit ungeschminkter Ursprünglichkeit praktiziert wird. Und dazu gehört eben auch jene rassistische Auslese, die man aus diesem diffusen Gedankenwirrwarr herauslesen muß” (S. 183), dann ist das keine Diskriminierung von Menschen, sondern nur die "Diskriminierung eines Systems”? Werden dadurch etwa die heutigen Vertreter der Anthroposophie, werden etwa die Waldorfpädagogen nicht zu Rassisten abgestempelt? Einem Satz in ihrem Epilog können wir uns allerdings anschließen: "Wir vertrauen darauf, daß ein Urteil auch Urteil über den Urteilenden ist und daß solche Reaktionen den Absender selbst entlarven.” Allerdings. Auch wir vertrauen darauf, daß das Urteil der Autoren ein Urteil über sie selbst ist und daß sie sich durch ihr Machwerk selbst entlarven. Wenn der Leser seine unbefangene Vernunft anwendet, dann haben wir nichts zu befürchten. Mögen doch all diese Exoten sich gegenseitig bestärken, indem der eine vom anderen abschreibt und sie sich alle gegenseitig zitieren: wir stehen daneben und sehen ihrem Hexentanz zu. Solange sie keine Molotow-Cocktails auf Waldorfschulen werfen, haben auch sie das Recht, ihre abstrusen Meinungen in die Welt zu posaunen. Anmerkungen: 1) Detlef Drewes hat vor einigen Jahren für sein gewiss ehrenwertes Engagement gegen Kinderpornographie im Internet den Wächterpreis der Tagespresse erhalten. Er ist Chefkorrespondent der »Ausgburger Allgemeinen Zeitung«. Offenbar hat sich bei ihm der Vorstellungskomplex der sexuellen Ausbeutung zur fixen Idee entwickelt. Warum könnte er sonst ständig davon sprechen, die Waldorfpädagogik erziehe die ihr anvertrauten Kinder zur "Hörigkeit”? Zwar meint er damit die Hörigkeit gegenüber einem "Führer”, aber die sexuelle Bedeutung dieses Begriffs schwingt unterschwellig immer mit. So wie er jetzt allem journalistischen Ethos ins Gesicht schlägt, müßte man ihm den Wächterpreis eigentlich wieder aberkennen. Lorenzo Ravagli (Veröffentlicht im September 2001)
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