Isis entschleiert:
Die Entstrickung der Esoterik
aus dem Rassendiskurs

Lorenzo Ravagli
erschienen in: »Das Goetheanum«, Nr. 36 und 37, 1.9. und 9.9.2001



Die weitaus tiefgründigste mir bekannte Darstellung über die Geschichte des Rassedenkens im 19. und seine Weiterentwicklung im 20. Jahrhundert, enthält das Buch von Hannah Arendt: »Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft.«1) Es zeigt die Ursprünge des Rassismus und Nationalismus in der europäischen Geistes- und Politikgeschichte des 19. Jahrhunderts auf, die aber wiederum in die mittelalterliche Religionsgeschichte zurück reichen. Es schildert auch die jüdischen Beiträge zu dieser Genese und zeugt von einer bewundernswerten philosophischen Klarsicht.

Im neunzehnten Jahrhundert herrschte quer durch die europäischen Staaten ein reger Diskurs über die Rolle des Judentums bzw. der semitischen und arischen "Rasse” in der Wirtschaft, Kultur und Politik. Nach den napoleonischen Kriegen begann, so Poliakov, ganz Europa in Rassenbegriffen zu denken.2) Wenn der Rassebegriff des 19. Jahrhunderts ein Mythos war, dann war er ein wissenschaftlicher Mythos. Mit der Heraufkunft des wissenschaftlichen Naturalismus im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts traten auch der Darwinismus und die Ideologie vom Kampf ums Dasein ihren Siegeszug an. Das klassifizierende Denken der Naturwissenschaften, das sich der sozialen Beziehungen bemächtigte, verband sich mit dem Volksrassismus, der wiederum die verschiedenen nationalen Imperialismen förderte.

Geschichte als Kampf der Volksrassen: Schattenmythos des 19. Jahrhunderts
Der Rassendiskurs des 19. Jahrhunderts schloß die denkbar größten Gegensätze ein. Der englische Premierminister Benjamin Disraeli, ein Jude, vertrat die Auffassung, die jüdische "Rasse” sei die hervorragendste und beste aller "Rassen”, die von Natur und letztlich auch von Gott zur Vorherrschaft über alle anderen bestimmt sei. Er verkörperte diese Ansicht in der angelsächsischen "Rasse”, die sich für die wahre semitische "Rasse” hielt. Er war der erste Ideologe, der es wagte, "für das Wort Gottes das Wort Blut einzuführen”.3) Auf der anderen Seite standen Karl Eugen Dühring und Karl Marx – letzterer der jüdische Antipode Disraelis –, die die jüdische "Rasse” als verlogen und machtbesessen, heuchlerisch und geldgierig betrachteten und – wie Dühring – gewaltsame Maßnahmen zu ihrer Ausrottung vorschlugen oder – wie Marx – behaupteten, die Emanzipation des Judentums sei die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum. Der Nationalsozialismus setzte beide Denklinien fort und synthetisierte sie, indem er die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum durch die gewaltsame Ausrottung der jüdischen "Rasse” erreichen wollte.

Die angelsächsische "Rasse” hielt sich für den legitimen Erben des Auserwähltheitsanspruchs und hing diesem Anspruch in der Form nach, wie ihn die Puritaner für die englische Staatskirche und die Traktarianisten des 19. Jahrhunderts in kirchenpolitischen bzw. die Biologen in anthropologischen Begriffen für das naturwissenschaftliche Zeitalter erneut formuliert hatten: als eine Vorstellung der Einheit sakraler und politischer Macht bzw. politischer und rassischer Auserwähltheit. Schon Oliver Cromwell und Milton hatten das englische Volk als das Volk Mose betrachtet und ihm eine ebenso besondere wie universelle Mission zugeschrieben. Die »British Israelites«, deren Anhänger in der Kirche von Enlgnad Ende des 19. Jahrhunderts angeblich in die Millionen gingen, glaubten, die Engländer stammten von den Juden ab, bzw. seien die Nachfahren der verlorenen zehn Stämme. Der britische Königsthron ging nach ihrer Ansicht aus dem Thron Davids hervor, der im sechsten Jahrhundert nach Irland gebracht wurde. Zu ihren Schirmherren gehörten Königin Viktoria und Eduard VII. Noch heute verteidigen die British Israelites das angelsächsische Common Law gegen die Harmonisierungsbestrebungen der EU mit dem Argument, das englische Recht stamme direkt von den Zehn Geboten Mose ab und müsse gegen das byzantinisch-römische Recht verteidigt werden. Die British Israelites erwarteten übrigens die nahe bevorstehende Wiederkunft Christi ("the second coming of Christ”). Aus der Vereinnahmung des Gedankens einer gottgegebenen Mission des Volkes ist das globale Ausgreifen des britischen Empire zu verstehen, das Benjamin Disraeli in die glückliche Lage versetzte, Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien zu erheben: denn die angelsächsische Weltherrschaft war zugleich eine religiöse Sendung.

Daraus ist auch zu verstehen, daß Angehörige der »Hermetischen Bruderschaft von Luxor« oder Vertreter der Esoterik der englischen Hochkirche wie Harrison, die fünfte nachatlantische Kulturepoche schlicht als die »angelsächsische« definierten.4) Inzwischen wissen wir, daß Blavatsky den Standpunkt der indischen Sikh-Arier gegen die Esoterik des englischen Imperialismus geltend machte, auch spirituell, indem sie die indischen Geheimlehren, insbesondere den Reinkarnationsgedanken, im Westen vertrat. Sie begründete zusammen mit Olcott Anfang der 80er Jahre in Indien einen »Arischen Bund der Ehre«, der Verschwörungen im Punjab und anderen Teilen Indiens gegen die englische Kolonialherrschaft unterstützte und betrachtete ihre Theosophische Gesellschaft, die sie mit dem schmückenden Beinamen »Arya Samaj« versah, als Plattform für eine antiimperialistische Propaganda. Möglicherweise ist das einseitige Bild, das ihre »Geheimlehre« von Jahwe zeichnet, – die sie, wie Harrison und Steiner betonten, unter dem Einfluß indischer Okkultisten verfaßte –, letztlich aus der Opposition gegen die British Israelites zu verstehen, deren Jahwismus sich selbst des Königshauses bemächtigt hatte. Durch ihre Opposition gegen das Empire war Blavatsky aber auch für die russischen Panslawisten und die französische Geheimdiplomatie interessant, weil sie den Einfluss Englands in Indien und in Asien einzudämmen versprach bzw. auf Umwegen das Deutsche Reich und Habsburg schwächten. Der Geheimdienst ihrer Majestät machte jedoch all diesen Plänen ein vorzeitiges Ende.

Man darf aber auch den späteren Zionisten Max Nordau nicht vergessen, der den Begriff der Dekadenz in die deutsche Diskussion einführte und diesen Begriff im deutschen Sprachraum salonfähig machte. Man darf auch den Diskurs der österreichischen Deutschen mit den Slawen, Magyaren und Romanen nicht vergessen, der, um nur einige zu erwähnen, zwischen den Positionen der Deutschnationalen und der Panslawisten bzw. den rassestolzen, extrem nationalistischen Ungarn oder gar der russischen Bedrohung auf der einen und den italienischen Irredentisten auf der anderen Seite einherging.

Die französische Elite beteiligte sich auf ihre Weise an diesem Diskurs. Das Spektrum war weit: in die Reihen der Kontribuenten gehört der Aufklärer Voltaire, der Antisemit und Rassist war, Abbé Sieyès, der 1789 in seinem Traktat über den dritten Stand räsonierte, dieser bestehe aus Abkömmlingen der gallischen Ureinwohner, die gegen die germanische Erobererrasse, aus der die gesellschaftliche Elite hervorgegangen sei, revoltierten, aber auch die Agenten des katholischen Universalismus, die Jesuiten, die die Intrigen gegen die Beteiligung der Juden an der Armee anzettelten, weil sie sich gegen Rekruten und Offiziere wehren wollten, die dem Einfluss des Beichtstuhls entzogen waren, Intrigen, die schließlich auf verschlungenen Wegen zur Verurteilung Dreyfusens führten. Daneben machten einzelne Juden durch ihre Verwicklung in die schwerwiegende Korrumpierung der Republik, wie sie im Panama-Skandal zutage trat, der schon im 19. Jahrhundert das Thema »die Sekten und das Geld« in Frankreich aktuell werden ließ, einen wirtschaftlichen Antisemitismus populär. Auch Graf Gobineau, der Adlige, der – trotz seiner Arierverehrung kein Antisemit –5) seine Untergangsneurose auslebte, indem er in der Dekadenz des Blutes, die durch die "Rassen”vermischung zustande komme, die Ursache aller Leiden des Abendlandes sah, gehörte der französischen Nation, der romanischen oder gallischen "Rasse” an, ganz abgesehen davon, daß ein Drumont im Frankreich der neunziger Jahre in Nichts einem Georg Ritter von Schönerer im Habsburgerreich oder einem Stoecker oder Boeckel in Preussen nachstand. Frankreich war nicht nur das Ursprungsland des Ariermythos6), hier nahm auch der Rassendeterminismus seinen Ausgang.7)

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts gehörte der Ariermythos, der die europäischen Völker aus zentralasiatischen Ursprüngen herleitete und die Arier den Semiten gegenüberstellte, bereits zum "geistigen Rüstzeug aller gebildeten Europäer”.8) Er wurde schließlich "von der wissenschaftlichen Internationale gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Axiom erhoben”.9) Die Ideologien des 19. Jahrhundert, die von einem omnipräsenten Einfluss des jüdischen Denkens und der jüdischen "Rasse” auf die europäische Kultur ausgingen, der – nebenbei gesagt, in Form einer Beteiligung des Judentums am gesellschaftlichen Leben auch tatsächlich vorhanden war –, identifizierten sich entweder mit dem Judentum als dem Besten der rassischen Auslese der Menschheit oder sahen darin das größte Ausmaß denkbarer rassischer Dekadenz. Die Antisemiten sahen im Eindringen des aufgeklärten Judentums in die Gesellschaft durch die Emanzipation und Assimilation einen schädlichen Einfluss, der diese Gesellschaften zur Zersetzung, zur Auflösung brachte und verurteilten diesen Prozeß als die Dekadenz der jeweiligen "Wirtsrassen”. Die sich emanzipierenden Juden, die sich auch von der eigenen Religion emanzipierten, sahen in ihrer Zuwendung zur europäischen Gesamtgesellschaft den Inbegriff des Fortschritts und der wissenschaftlichen Aufklärung oder beanspruchten die Führung des gesellschaftlichen Geschäfts durch die jüdische "Rasse” (Disraeli). Liberale befürworteten dagegen die Akkulturation, weil sie sich dem Ideal der Gleichheit aller Menschen vor Gott und ihresgleichen verpflichtet fühlten.

Steiners Stellungnahme zum Rassendiskurs seiner Zeit
Zu diesem gesamteuropäischen oder besser globalen Diskurs – waren doch auch die "Kolonialvölker” in ihn verwickelt – nahm Steiner Stellung, indem er auf den Kern des Menschen verwies, die geistige Individualität, die frei ist von den Einflüssen der "Rasse”, weil sie sich über die Gattung und ihre Zwänge erhebt. Dies konnte er nur, weil er mit einem von den "Rasse”- und Volkseigentümlichkeiten freien Blick auf den Rassismus seiner Zeit herabsah, einen Rassismus, der – seiner Auffassung nach – gerade durch die Abhängigkeit seiner Träger von "Rassen”eigentümlichkeiten konstituiert wurde. Schon indem Steiner den Metamorphosegedanken Goethes gegen Linnés systematische Hierarchisierung der Lebenswelt und den mechanistischen Darwinismus Haeckels ins Feld führte, verwies er auf die geistig-moralische Verwandtschaft aller Lebewesen und sprach sich für eine Erweiterung der Ethik auf die nichtmenschlichen Lebensformen aus, weil diese aus dem Menschen hervorgegangen waren. Seine aus Goethes Metamorphoseidee entwickelte – "von Irrtümern gereinigte” – Reinkarnationslehre hob den Geist vollends aus dem Vererbungsstrom und unterstrich dessen alle somatischen und ethnischen Differenzierungen übersteigende Existenzform, die unter anderem eine Bewegung des Geistes durch alle somatischen Differenzierungen einschloß und zwar in keiner ausschließlichen Richtung. Während die Virulenz des Ariermythos daraus resultierte, daß er sich mit der Ideologie der Volksrassen und den naturalistischen Vorstellungen des Kampfes ums Dasein und der Eugenik verband und diese oder jene Nation zur einzig legitimen Erbin der Besten aller Rassen erklärte, versuchte H.P. Blavatsky den Mythos des Ariertums in eine Erzählung von Kultur- und Religionsstiftung und moralischer Vervollkommnung umzudeuten. An diese Intentionen konnte Steiner anschließen, für den die Arier – d.h. die Avantgarde der Freiheitsidee – schlichtweg die Aufgabe hatten, den Rassismus zu überwinden. Klarer kann man dem Blutmythos solcher Ariosophen wie Jörg Lanz von Liebenfels keine Absage erteilen, für die menschliche Vervollkommnung nur durch rassenhygienische Maßnahmen erreichbar war. Steiner verwendete einen Kernbegriff der zeitgenössischen Diskussion, gab ihm aber einen Inhalt, der alle völkischen und rassischen Ansprüche zunichte machte. Steiner griff in die zeitgenössische Mythenbildung ein und korrigierte sie ohne polemisches Getöse, darum aber nicht weniger entschieden. Er schuf einen Gegenmythos, der die von nationalen und rassischen Egoismen zerfressenen sozialen Beziehungen der Menschheit zu heilen versprach. Er hielt es 1897 in einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus für dumm, wenn man ausdrücklich betonen müsse, daß zwischen einem Juden und einem Deutschen keinerlei Unterschied bestehe, er hielt es aber für unvorstellbar dumm, wenn man das Gegenteil behaupte. Er hielt es für fatal, daß über solche "Rassen”eigenschaften überhaupt gesprochen wurde, weil es doch bei den persönlichen Begegnungen der Menschen, die für ihn das Fundament aller gesellschaftlichen Ereignisse waren, allein auf die zarten Fäden ankomme, die von Individualität zu Individualität gesponnen würden.10)

Freiheit als höchstes sittliches Ideal
Die zentrale Idee Steiners war die Idee der Freiheit des Geistes. Diese Idee vertrat er gegenüber Ideologien oder individuellen Weltsichten. Die Idee der Freiheit des individuellen Menschengeistes war für Steiner der absolute Maßstab der kulturellen, gesellschaftlichen und persönlichen Entwicklung. Aus dem Gesichtspunkt dieser Idee versuchte er sich von allen zeitgenössischen geistigen Strömungen abzugrenzen, mit denen er sich verband. Er predigte überall, wo er mitsprach, das Evangelium des freien Menschengeistes. Schon seine Goethearbeiten führten ihn zur bitteren Einsicht, daß Goethe das höchste menschliche Erlebnis abgegangen sei: das Erlebnis der Freiheit, das auf der Selbstanschauung des denkenden Geistes beruht (Siehe »Goethes Weltanschauung« von 1897). Die verschiedenen Richtungen der Philosophie, mit denen er sich verband, der Neukantianismus, den er wegen seines Dogmatismus kritisierte, die Hartmannsche Philosophie des Unbewußten, der er Wirklichkeitsverlust vorwarf, oder der Atomismus in der Physik, die Newtonsche Lichtlehre, der Haeckelsche Monismus und Darwinismus, der freigeistige Monismus des Giordano-Bruno-Bundes, der österreichische Deutschnationalismus, der Sozialismus an der Berliner Arbeiterbildungsschule, der Liberalismus und Anarchismus, der Traditionalismus und Monarchismus, die theosophischen Traditionen, die verschiedenen Formen des Christentums und der Freimaurerei, der Nationalismus und Rassismus, ebenso wie der Zionismus usw.: sie alle beurteilte er vom Standpunkt der Freiheit des individuellen Menschengeistes.

Wenn man seine Beteiligung und seine Kritik an all diesen geistigen Zeitströmungen überblickt, dann wird man erkennen, daß man diese Kritik nur reformulieren kann, wenn man sie als Ergebnis seines Verständnisses der Freiheit auffaßt. Ob er die Grenzen des Denkens, die Kant oder die katholische Kirche oder das Rabbinat oder die Dogmen der Aufklärungsphilosophie setzten, zurückwies, oder ob er sich gegen den geistverneinenden Materialismus wehrte, den die Wissenschaften des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf ihr Panier gehoben hatten: stets wandte er sich gegen Ideologien, die seiner Auffassung nach die individuelle Freiheit einschränkten, oder noch gar nicht als die wirkende Idee der Zeitgeschichte erkannt hatten. Ob er die Mechanisierung der abendländischen Gesellschaften, ihr inhumanes Gewinnstreben und ihre Ideologie des Kampfes Aller gegen Alle kritisierte, oder ob er sich gegen die Vergötterung des Volkes oder der Nation wandte, er hatte stets die Idee der Freiheit im Auge, die sich ihm nach der Jahrhundertwende in der Imagination des Christus zu verdichten begann. Der Christus erschien ihm als das Urbild des Menschen: als der universelle Geist, der menschliches Fleisch angenommen hatte, der sterblich geworden war, sich in der Vielheit zerstückelt hatte, um als Individualität aufzuerstehen. Von der Auferstehung des universellen Menschen im Einzelnen sprach er imaginativ als der Wiederkunft Christi im Ätherischen, im Reich des Geistes.

Das Ziel der theosophischen Bewegung
Für Steiner erschien zwar der Übergang vom Familienegoismus der Monarchien, der Königs- und Fürstentümer zum Egoismus der bürgerlichen Nationalstaaten, deren Ideal die französischen Revolutionäre von 1789 ausgesprochen hatten, die das Volk als den Souverän der Republik der Bürger verstanden, als Fortschritt, er hielt es aber für notwendig, daß diese politischen und gesellschaftlichen Leitbilder durch ein höheres ersetzt würden: nämlich durch das Ideal der Freiheit der einzelnen Menschenindividualität, die seiner Ansicht nach der höchste moralische und politische Zweck war. In der Befreiung der Individualität aus den Gattungseigenschaften, in der Erinnerung an das Potential einer geistigen Vereinigung der Menschheit, das die Idee der individuellen (nicht kollektiven) Befreiung in sich barg, in der Verbreitung des Bewußtseins, daß allein die Verwirklichung der Brüderlichkeit die Menschheit vor dem Kampf aller gegen Alle bewahren könne: darin sah er Aufgaben der theosophischen oder anthroposophischen Bewegung.

Mit diesen Überzeugungen stand er ganz in der von H.P. Blavatsky begründeten Tradition. Die Theosophie war die erste und einzige geistige Strömung im 19. Jahrhundert, die dezidiert für die Interessen der Kolonialvölker gegenüber den imperialistischen Mächten des Westens eintrat. Sie tat dies, indem sie der östlichen Spiritualität im Westen eine Stimme verlieh: indem sie die Quintessenz der damaligen historischen Forschung über die Menschheitsgeschichte und die Quintessenz der damaligen naturwissenschaftlichen Evolutionslehre sowie die Ergebnisse der gesamten religiösen, geistigen Entwicklung der Menschheit zu synthetisieren versuchte. Die Hinduspiritualität, die Blavatsky in ihrem zweiten großen Werk, der »Secret Doctrine«, zum Kern alles Wissens vom Göttlichen und von der Natur, ebenso wie der Menschheitsgeschichte erklärte, sollte der Grund sein, der einer Beherrschung der indischen Arier durch die europäischen Brüdervölker den Boden entzog. Hans-Jürgen Ruppert, Mitarbeiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen schrieb über diese Intentionen Blavatskys in einem Radioessay für den SWR, der am 3.7. 2000 ausgestrahlt wurde: "Die von ... Helena [Petrowna] Blavatsky im 19. Jahrhundert begründete »Theosophie« versteht sich vor allem als eine Art »interkultureller« und »interreligiöser« Bewegung mit dem Ziel der Vereinheitlichung der Menschheit auf der Basis des Studiums der östlichen Religionen und des Okkultismus, wie man damals sagte. Heute würde man von Esoterik sprechen. Durch ihre interkulturellen Begegnungen mit der Welt der alten magischen Kulturen und Religionen im Zeitalter des Kolonialismus und der christlichen Weltmission war Helena [Petrowna] Blavatsky bereits Mitte des 19. Jahrhundert zu einer Neubewertung und Achtung der sog. »Primitiven« oder »Wilden« in ihrer Eigenart und ihrem Eigenwert, jenseits von rücksichtsloser Missionierung und kolonialistischer Ausbeutung gelangt.”

Das Geheimnis der Anthroposophie: Überwindung des Rassismus
In genau diesem Sinn verstand Steiner auch die Aufgabe der theosophischen bzw. anthroposophischen Bewegung, wie z.B. aus einem Vortrag hervorgeht, den er 1905 in Berlin für die Angehörigen der ersten Abteilung der von ihm geführten »Esoterischen Schule« hielt. (GA 264, S. 356 f.) Hier stellte er die geschichtliche Entwicklung der Menschheit als Fortgang vom ethnischen und weltanschaulichen Partikularismus zum Universalismus einer Weltkultur dar. Frühere Kulturen seien stets örtlich begrenzt gewesen. Jede Kultur habe nur auf einem kleinen Gebiet ihre Wirksamkeit entfalten können: so die Kultur der alten indischen Rishis, die Zarathustrakultur, die ägyptische Hermeskultur, die orphische Urkultur Griechenlands und Italiens und schließlich die vom Christentum gestiftete Kultur des Mittelalters. In der Neuzeit aber sei die ganze Erde zum Schauplatz einer globalen Kultur geworden. Die Technik, die die bedeutendste Errungenschaft der gegenwärtigen Menschheit ausmache, umspanne die ganze Erde. Die Entwicklung des Transport- und Kommunikationswesens habe die früheren Trennungen aufgehoben. Was Steiner hier schildert, wird heute unter dem Begriff der Globalisierung diskutiert. Damals implizierten Steiners Bemerkungen eine radikale Kulturkritik, denn der Hinweis auf die weltweiten Verflechtungen sollte daran erinnern, daß die einzelnen Teile der Menschheit alle aufeinander angewiesen waren und daß sie nur in Frieden zusammenleben konnten, wenn sie diese Abhängigkeit nicht mißbrauchten, wie dies der Imperialismus tat. Das weltumspannende Netz des Handels habe das Bewußtsein erweckt, daß die Erde ein gemeinschaftlicher Wohnplatz aller Menschen sei. "Die Menschen”, so Steiner, "können nicht mehr unterschieden werden nach einzelnen Farben, Rassen, Klimaten; sie tauschen jetzt nicht nur Waren, sondern auch Meinungen aus. Nichts kann mehr nur für ein kleines Häuflein bestehen. Heute haben wir eine Aufgabe, durch die wir alle in eine neue Zukunft hineinwachsen können. Diese zu erfassen, obliegt der theosophischen Bewegung.” (S. 362)

Steiner erklärt es hier ausdrücklich zur Aufgabe der theosophischen Bewegung, ein kosmopolitisches Bewußtsein zu pflegen und die Menschen nicht mehr nach äußerlichen Merkmalen wie Rassen- oder Klassenzugehörigkeit zu unterscheiden. Die einzelnen Teile der Menschheit, so fährt Steiner fort, seien heute dazu berufen, Austausch zu pflegen und zwar nicht nur ökonomischen Austausch, sondern auch Austausch dessen, was sie als Wahrheit betrachteten. Nicht unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Ausbeutung oder der Profiterzielung blickt also Steiner auf die globalen Beziehungen zwischen den Angehörigen der einen Menschheit, sondern unter dem Aspekt des geistigen Austausches und der geistigen Befruchtung. Die Menschheit nehme die Weisheit der alten Rishis zur Kenntnis – und, so können wir ergänzen, entdeckt die alten schamanischen Heilstraditionen sibirischer oder indianischer Eingeborener, oder das ökoholistische Weltbild der Aborigines. Sie nehme zur Kenntnis, was die Begründer des Zarathustrismus, der hermetischen Religion der Ägypter, der orphischen und keltischen Mysterien zu ihr gesprochen hätten, und sie lebe unter den Nachwirkungen des Jesus von Nazareth, der der Gottheit Christi seinen Leib zur Verfügung gestellt habe. Steiner hebt die Botschaft des Jesus von Nazareth positiv hervor und stellt diesen im Kreis der »Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Menschheitsempfindungen« an einen herausragenden Platz, weil er der Gottheit Christi seinen Leib zur Verfügung gestellt habe, einen Platz, den er ihm unmöglich hätte zuweisen können, wenn er Antisemit gewesen wäre. Es ist auffallend, daß Steiner hier nicht die ariogermanischen Rita-Geheimnisse der Armanen erwähnt, was er gewiß nicht hätte versäumen dürfen, wenn er ein Vertreter der von Guido von List in Wien begründeten, völkisch-rassistischen Pseudo-Theosophie gewesen wäre.

Synthese der spirituellen Traditionen
All diese Religionsstifter und all diese geistigen Traditionen – so Steiner – sprächen gegenwärtig wieder zur Menschheit, und zwar in einer Sprache, die von dieser Menschheit verstanden werde, einer modernen Sprache, einer Sprache, die die geeinte Menschheit verstehen könne. Also nicht in einer nationalistischen Sprache, die die numinosen Traditionen der Menschheit als politisches Vorrecht für ein einzelnes Volk oder als Sanctuarium einer bestimmten Rasse reklamierte. Die Verwirklichung einer Synthese der spirituellen Traditionen der gesamten Menschheit: das war das Programm, das Steiner mit seiner Theosophie, bzw. seiner Anthroposophie anstrebte. Man sollte sich fragen, was dieses Projekt heute, nach dem Ablauf des 20. Jahrhunderts – nach all den Schrecken und all den wunderbaren Erträgnissen die dieses Jahrhundert aufweist, nach all den Kenntnissen über die Vielfalt der menschlichen Existenz auf diesem Planeten, die es zutage förderte –, für eine Bedeutung haben könnte. Dann käme man vielleicht zu einer Antwort auf die Frage, was das Wort Anthroposophie möglicherweise bedeutet. All jene Wesenheiten, fährt Steiner fort, die die Gesamtheit der religiösen Menschheitstraditionen inspiriert hätten, sprächen heute wieder zu der Menschheit, in einer Sprache, die nicht nach Rassen, auch nicht nach Geschlecht oder Stand unterscheide, in einer Sprache, die von allen Menschen verstanden werden könne. Die Zeit der "Sonderbündnisse” sei vorüber, die Menschheit bedürfe eines gemeinsamen geistigen Lebensinhaltes, – fern von allem Nationalismus oder Rassismus, fern von allen Zweckbündnissen im Kampf um die Weltherrschaft, so können wir ergänzen. Und eben dieses Gemeinschaftliche sei die theosophische Lehre. Durch sie erhebe sich die Menschheit in einen neuen Entwicklungszustand, in einen Entwicklungszustand, den Steiner mit dem Ausdruck "Rasse” bezeichnet: er meint aber eine neue geistige Entwicklungsstufe. Dies und nichts anderes sei der Sinn der modernen theosophischen Bewegung.

Wenn man Steiners Bemühungen betrachtet, diese Zielsetzung zu verwirklichen, dann muß man konstatieren, daß er alles getan hat, um ihr gerecht zu werden. Er suchte mit großem Eifer nach einer Synthese der spirituellen Traditionen der Menschheit mit dem modernen naturwissenschaftlichen Bewußtsein, indem er sich darum bemühte, die unterschiedlichen Sprachen dieser Wissensformen ineinander zu übersetzen: einem Eifer, der schließlich zu seinem vorzeitigen Tod führte. Er glaubte, die Menschheit habe eine spirituelle Zukunft, weil sie imstande sei, sich ihrer spirituellen Vergangenheit zu entsinnen. Und er versuchte seinem Publikum die Einsicht zu vermitteln, daß die physische Existenz zwar notwendig sei für die Selbstbewußtwerdung des Geistes, daß aber diese Existenz nur ein jeweils begrenztes Beispiel für die unausschöpfbare Universalität dieses Geistes sei. Insofern sah Steiner in der theosophischen Bewegung eine Heilsbewegung, also eine Bewegung zur Heilung und Heiligung, der er die Vorarbeit für das Heil "einer neuen Menschheit” zuwies. Nur der verstehe die Theosophie richtig, der davon überzeugt sei, daß sie die Aufgabe habe, alle drängenden Fragen, vor die die gegenwärtige Menschheit gestellt sei, zu beantworten.

Bruderliebe statt Kampf ums Dasein
Gegenwärtig strebe man auf allen möglichen Gebieten nach Erneuerung: auf sozialem, spirituellem, moralischem oder diätetischem. All diese Erneuerungsbewegungen seien bedeutsam und nützlich. Es fällt auch hier wieder auf, daß Steiner unter den Erneuerungsbewegungen nicht die germanisch-völkischen erwähnt, die nach einer Reinigung der Gesellschaft von den unarischen Einflüssen des Semitentums verlangten, und die glaubten, diese sei durch die Erneuerung der völkisch-rassischen Esoterik des Wuotan zu erreichen. Die angestrebte Erneuerung der Menschheit sei aber nicht durch Reformen auf Teilgebieten des Lebens zu erreichen. Nicht durch Verbesserung der Nahrungsmittel, der Industrie, oder der Arbeitsbedingungen könne wahrer Fortschritt erzielt werden, sondern nur dadurch, daß "die Seelen der Menschen vorangebracht” würden. Vorangebracht würden die Seelen der Menschen aber dadurch, daß die Vertreter der Theosophie von ihren Mitmenschen forderten, sie sollten im Kampf ums Dasein den anderen gegenüber "nicht so furchtbar” sein: das allein könne die Menschheit voranbringen. Daß diese Bemerkungen Steiners eine radikale Absage an den Sozialdarwinismus, an den Imperialismus und Kommunismus, aber auch an völkischen Nationalismus und Rassismus bedeuten, muß nur in einer Zeit betont werden, die sich Irrtümern über das Wesen der Anthroposophie hingibt. Sie ist auch eine Absage an jene Form des Kapitalismus, die die von ihr angestrebten Gewinne nicht ethisch und ökologisch verträglich, d.h. nachhaltig erzielt. Wenn man bedenkt, in welchen sozialen, ethnisch-rassischen, politischen, rechtlichen und kriegerischen Auseinandersetzungen sich die gegenwärtigen Gesellschaften dieser Erde befinden, dann wird man Steiner zustimmen, daß ein Bestreben, unsere Lebenssituation zu verbessern, zum Scheitern verurteilt ist, das nicht unsere moralische Höherentwicklung auf ihr Panier schreibt. Die Theosophen sollten darauf hinwirken, das Prinzip der Nächstenliebe in der Gesellschaft zu verwirklichen, das Prinzip, das vom Einzelnen fordere, daß er sich andern gegenüber so verhalte, wie er selbst behandelt zu werden wünsche. Allein die Verwirklichung dieses Ideals lasse das Leben der Menschheit erträglich werden. Diese Äußerung wiederum impliziert, daß Steiner ein soziales Leben der Menschheit, das auf rücksichtsloser Ausbeutung, auf Unterdrückung, auf Macht und Gewalt beruhte, für unerträglich hielt: in solchen sozialen Formen lebten aber alle europäischen Gesellschaften. Gleichzeitig warnte er seine Zuhörer eindringlich davor, den "Kampf” auf ihre Fahnen zu schreiben, denn durch Kampf würden sie gar nichts erreichen. Dies wiederum ist eine Absage Steiners an den rassistischen Darwinismus, der – wie Guido von List es formulierte – das Leben als Kampf betrachtete und den Preis des Kampfes im Überleben sah.11)

Im Gegensatz zu dieser Ausschließungs- und Entwürdigungsideologie, dieser Ideologie der Entmenschlichung, sah Steiner das Heil der "neuen Menschheit” darin, daß sich diese durch "Liebe” zusammenschließe, daß sie sich im Zusammenklang aller Seelen vereinige. Das künftige Heil der Menschheit besteht also für Steiner nicht darin, sich als Angehörigen einer reinen Rasse unter Ausschluss aller übrigen zu begreifen, es besteht vielmehr darin, daß sich jeder Einzelne seiner geistig-seelischen Abkunft entsinnt. Denn dieses Bewußtsein sei mit der Erkenntnis verbunden, daß eines jeden Seele und Geist "Funke aus einem Urfeuer” sei, und daß die Menschen berufen seien, sich in diesem Urfeuer des Geistes zu vereinigen. Es ist offensichtlich, daß Steiner hier bereits im Jahr 1905 auf die Erscheinung des Christus im Ätherischen hinweist, der als das Urfeuer im Herzen der Menschheit zu brennen begonnen hatte. Daß dieser Christus kein konfessioneller Christus war, versteht sich von selbst. Daß es sich aber auch nicht um den völkischen Sonnengott handelte, der allein der germanischen Volksrasse das Heil verhieß, kann ebensowenig behauptet werden. War doch Steiner davon überzeugt, daß die Menschheit in ein Zeitalter eingetreten sei, das nicht mehr nach Farbe und Rasse, nach Geschlecht und Klasse unterschied.

Der spirituelle Gehalt des liberalen Prinzips
In dieser Entdeckung der fundamentalen Gleichheit aller Menschen sah Steiner die zentrale Entdeckung der Moderne, die er vor der Jahrhundertwende als das "liberale Prinzip” bezeichnete, als er in einem Aufsatz über Pius IX 12) diesem vorwarf, er habe der modernen Menschheit die Glaubensformen des finstersten Mittelalters mit all ihrer Intoleranz und all ihrem Fanatismus aufzwingen wollen. Dieses Prinzip sah er (1887!) schon im Wirken Christi vorgebildet, der verkündet habe, "es sei nicht Jude, noch Grieche noch Barbar, noch Skythe, sondern alle seien Brüder in Christo.« Damals sei die Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott und ihresgleichen verkündet worden, und aus derselben Quelle sei der Ruf des 19. Jahrhunderts nach Autonomie, nach Freiheit des Geistes und des sozialen Lebens hervorgegangen. Dieses Prinzip sah er durch die Gründung des Deutschen Reiches verraten, die er im Anschluß an Nietzsche als Exstirpation des deutschen Geistes betrachtete. Diese Verurteilung der Bismarckschen Reichsgründung schloß Bewunderung für den großen Staatsmann, etwa wegen seiner Sozialgesetzgebung, nicht aus, sie schloß aber die Verurteilung der Nibelungentreue und des völkischen Imperialimus eines Ludendorff oder Tirpitz ein.

Steiner rief seine Zuhörer 1905 nicht etwa zu einem missionarischen Eintreten für diese Ideen auf, er lehnte es ab, sie durch fanatischen Kampf zu ideologisieren, er setzte auch hier der Ideologie des Kampfes ums Dasein eine Botschaft der Selbstüberwindung, der aktiven Friedensstiftung entgegen: nicht die Anderen könne man verbessern, aber sich selbst. Dann könne man nicht fehlgehen, wenn man sein eigenes Innere reformiere. Bei diesem Streben nach Veredelung des Selbstes könne es keinen Unterschied der Klassen, der Rassen, des Standes oder Geschlechtes geben, denn das liberale Prinzip, so kann man ergänzen, sieht von all diesen Unterschieden ab, es betrachtet die Menschen als "Funken aus dem Urfeuer”, dem sie alle entsprungen sind und das sie alle vereinigen kann. In diesem kosmopolitischen Streben für die Vereinigung der Menschheit, die bei der Veredelung der eigenen Seele einsetze, liege der Sinn der theosophischen Bewegung und zugleich ihre zukünftige Bedeutung. Der Sinn der theosophischen Bewegung liegt für Steiner demnach in einem kosmopolitischen Humanismus, der Aufklärung und Spiritualität miteinander aussöhnt. Man kann sich von diesen Ausführungen her vorstellen, was für ein unendlich tragischer Rückschlag für Steiner die Zunahme des Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus und der schließliche Ausbruch des I. Weltkrieges sein mußte, der dem entfesselten Wahnsinn gegenüber einzig die Hoffnung hegte, er werde die Menschheit vielleicht von jenen Illusionen befreien, die ihn ausgelöst hatten. Für die praktische Verwirklichung seiner Schau einer freien Gesellschaft setzte er sich im Rahmen der Dreigliederungsbewegung ab 1917 ein.

Diversität um der Einheit willen
So radikal dachte Steiner den Vermassungstendenzen der modernen Industriegesellschaft entgegen, jenen Tendenzen, die dem Versinken der Individualität in der Gesichtslosigkeit ihrer Gattungseigenschaften Vorschub leisteten. In der abendländischen Gesellschaft sah er übrigens eine Gesellschaft, die sich dank des jüdischen Einflusses – der Emanzipation der Juden von ihrem Gesetz und ihrer "Rasse” – am ehesten dazu eigneten, der Individualität des Menschen zum Durchbruch zu verhelfen. Im fernen Osten sah Steiner hingegen Populationen oder Völker, die vom Glanz ihrer spirituellen Vergangenheit überleuchtet wurden, die sinnliche Welt, die Welt des Körpers, das Diesseits verachteten, aber gleichzeitig in unmenschlichen, despotischen Lebensformen gefangen und daher »dekadent«, in der Entwicklung zurückgeblieben waren. Im Süden, in Afrika sah er südlich des Saharagürtels Menschen, die – anthropologisch gesprochen – über eine Fülle von Jugendkräften verfügten, bzw. die – soziologisch gesprochen – sich auf den Weg machten, den Tribalismus zu überwinden. Im Westen, in Amerika sah er die Tendenz des Ersterbens aller anthropologischen und kulturellen Gestaltungskräfte. Das galt auch für die Menschen, die Amerika vom Osten her besiedelt hatten. In Amerika besteht für Steiner das Schicksal des Absterbens, die Notwendigkeit, sich individuell und in der Gemeinschaft mit Todeskräften auseinander zu setzen, deswegen auch hier die zu erwartende Inkorporation Ahrimans, der die Verbindung der Menschheit mit mechanisierenden und mineralisierenden Kräften auf die Spitze treibt, die sich sowohl in Kultur als auch Natur auswirken. Die Notwendigkeit dieser Auseinandersetzung mit den aus der geistigen Geologie des Kontinents hervorströmenden Todeskräften besteht, gleichgültig, ob es sich um Indianer oder eingewanderte Europäer oder Mestizen oder Afroamerikaner handelt. Das liegt in den geologischen und äthergeographischen Gegebenheiten begründet. Dem durch Erkenntnis entgegenzuwirken ist die Aufgabe der Seelen, die sich in jenen Gebieten der Erde inkarnieren oder auf ihnen leben. Steiners Reden über Rassen ist von der Fragestellung geleitet, welche Fähigkeiten die Seelen jeweils ausbilden müssen, um sich von den differenzierten Einseitigkeiten zu befreien, die durch die Beschaffenheit der jeweiligen Leiblichkeit bedingt sind.

Steiner hielt es übrigens für ausgeschlossen, daß etwas anderes als Katastrophen zustande kommen könnten, wenn sich die europäische Menschheit imperialistisch den nicht-europäischen Kulturen aufdrängte, statt sich ein Verständnis der Eigenart ihrer Träger anzueignen und dieser ihrer Eigenart mit der eigenen Eigenart verständnisvoll zu begegnen.


Anmerkungen
1) Die folgenden Darstellungen stützen sich auf folgende Arbeiten sowie Quellenstudien.– Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, München 1998. Léon Poliakov, Der arische Mythos, Wien 1977. Walter Laqueur, Der Weg zum Staat Israel, Wien 1975. George L. Mosse, Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a.M. 1990; ders. Die völkische Revolution, Frankfurt a.M. 1991. Nicholas Goodrick-Clarke, The occult roots of Nazism, New York 1992. Rudolf Steiner, Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur, Dornach 1986. C. G. Harrison, The transcendental universe. Edited with an Introduction by Christopher Bramford, London, 1993. K. Paul Johnson, The Masters Revealed, New York 1995.
2) Poliakov (1977), S. 73.
3) Hannah Arendt (1998), S. 182.
4) Christopher Bramford in: C.G. Harrison (1993), S. 53.
5) Poliakov (1977), S. 268 f.
6) Der Keltomane Henri Martin 1837 in seiner »Histoire de France ...«, siehe Poliakov (1977), S. 54
7) Poliakov (1977), S. 257.
8) Poliakov (1977), S. 296.
9) Ebenda.
10) Näheres zur Kritik Steiners am Antisemitismus siehe: Bader/Leist/Ravagli, Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit, Stuttgart 2001, beziehbar über den Bund der Freien Waldorfschulen, Heidehofstr. 32, 70184 Stuttgart oder über die Website des Bundes: http://www.waldorfschule.de.
11) Johannes Balzli, Guido von List, Wien 1917, S. 137, Artikel von List über die »Möglichkeit eines ewigen Weltfriedens«, der zuerst in der dänischen Zeitschrift »Verden og Vi« 1917 erschien und danach in der von Hugo Vollrath und Johannes Balzli herausgegebenen völkisch-"theosophischen” Zeitschrift »Prana«. Hugo Vollrath war bereits 1908 aus der von Steiner geleiteten Deutschen Sektion der TG wegen wirtschaftlicher Unterschlagungen und moralischer Unredlichkeit ausgeschlossen worden und Johannes Balzli, der Biograph von Lists, unterstützte die ariogermanischen Deutschtümler, Antisemiten und Ariosophen, die seit 1917 in ihren diversen Zeitschriften gegen Steiner als Juden und Volksverräter agitierten.
12) Papsttum und Liberalismus, 1887, erschienen in der vom liberalen Politiker Heinrich Friedjung begründeten »Deutschen Wochenschrift«, GA 31, S. 134 f. Eine kurze Bemerkung zu Heinrich Friedjung. Der Historiker Friedjung war, ebenso wie Victor Adler, getaufter Jude, also Assimilant und gehörte vor 1885 neben Adler, Engelbert Pernerstorfer und Karl Lueger, dem späteren christlich-sozialen Bürgermeister Wiens, zu den wichtigsten Mitarbeitern Georg Ritter von Schönerers, die sein Linzer Programm schrieben. Sie wurden kurze Zeit später zu Häuptern der drei politischen Hauptrichtungen in Österreich. Georg von Schönerer wurde zum Führer der radikal-nationalen Bewegung in den deutschen Gebieten Österreichs, Robert Pattai zu einem verhältnismäßig radikalen Führer der Christlichsozialen, Victor Adler zum späteren Gründer und aktiven Führer der österreichischen sozialdemokratischen Partei und Adlers politischer Freund Engelbert Pernerstorfer zum Hauptvertreter der deutschnationalen Richtung innerhalb der Sozialdemokratie. Der bekannte Historiker Heinrich Friedjung war der einzige von ihnen, der der deutsch-liberalen Fahne treu blieb. Steiner schreibt in seinem Lebensgang über seine Redaktionstätigkeit: "Für mich war diese kurze Redaktionstätigkeit ... von großer Bedeutung. Sie lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Stil, mit dem man damals in Österreich die öffentlichen Angelegenheiten behandelte. Mir war dieser Stil tief unsympathisch. Ich wollte auch in die Besprechungen über diese Angelegenheiten etwas hineinbringen, das einen die großen geistigen und menschheitlichen Ziele in sich schließenden Zug hatte. Diesen vermißte ich in der damaligen Tagesschriftstellerei.« Mein Lebensgang, S. 144 f. Zu Steiners Tätigkeit für die Deutsche Wochenschrift und seine Entwicklung als politischer Denker siehe: Lorenzo Ravagli, »Wimmern aus der Gruft. Anmerkungen zu Peter Bierls abseitigem Steinerbild«, Jahrbuch für anthroposophische Kritik 2001, S. 54 f.

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