| Zur Kampagne der Anti-Esoterik-Front gegen die Anthroposophie Peter Bierls Pamphlet Peter Bierl hat sich mit seinem Pamphlet Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister an die Spitze der Anti-Esoterik-Front geschrieben, die seit einigen Jahren versucht, die Arbeit im Namen der Anthroposophie und Rudolf Steiners durch haltlose Vorwürfe zu verunmöglichen. Er ficht eine Diffamierungskampagne, die historisch aus der von Jutta v. Ditfurth bei den Grünen erlittenen politischen Niederlage erklärbar ist. Bekämpft wird jene Weltsicht, die ihm für diese Niederlage verantwortlich scheint. Bierl setzt die politisch-ideologische Strategie solcher Autoren wie Ditfurth, Geden und van der Let fort. Inzwischen hat er sich mit letzterem verbündet und tritt auf Veranstaltungen auf, die die aus früheren Auseinandersetzungen bereits bekannte Aktion Kinder des Holocaust organisiert. Bierl ist Anhänger einer atheistischen, geistverneinenden Ideologie, deren historische Stunde seit 1989 endgültig vorüber ist. Bierls Buch ist eine schockierende Ansammlung von polemischen Entgleisungen und kompromittierenden Beschuldigungen, die von einer merkwürdig verblendeten Scharfsicht zeugt. Bierl hat viel Fleiß und Lebenszeit darauf verwendet, eine absurde These zu untermauern, die so vollkommen abwegig ist, daß allein schon die Möglichkeit, sie für denkbar zu halten, von katastrophaler Unkenntnis des Wesens der Anthroposophie zeugt. Aber keine Meinung ist absurd genug, daß sie nicht doch ihren Verfechter fände. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden. Meinungsäusserungen, so subjektiv oder verworren sie auch sein mögen, werden vom Gesetz geschützt, das ihnen lediglich dort eine Grenze setzt, wo sie die Persönlichkeitsrechte anderer beeinträchtigen. Nur Verstorbene können ihre Rechte nicht mehr wahrnehmen. Rudolf Steiner wird zum wehrlosen Opfer von Verleumdungen und Beschimpfungen. Allein die Tatsache, daß er bis heute, obwohl seit über 75 Jahren tot, die Gemüter erregt und dazu herausfordert, sich für oder gegen ihn zu erklären, zeugt von der Aktualität und Modernität seines Grundanliegens, das letztlich in all seinen Sachbekundungen, so zeitbedingt sie im übrigen sein mögen, zum Ausdruck kommt. Gleichgültig wo und in welchem Zusammenhang man auf Steiner stößt immer begegnet man der Grundgesinnung einer geistoffenen Individualität, deren vordringlichstes Bestreben es war, ein ganzheitliches Bild des Menschen und der Welt aus dem geistigen Quellgrund der menschlichen Kreativität zu entwickeln. Dieser zutiefst emanzipatorische, individualistische und phantasiefördernde Geist, aus dem die Anthroposophie als unabgeschlossenes Lebenswerk entsprungen ist, ruft heute genauso wie vor hundert Jahren zur Stellungnahme auf und zwingt jene, die diesen Individualismus ablehnen dazu, sich zu ihrer Ablehnung zu bekennen. Daß diese Ablehnung auf irrationalen Bedingungen fußt und ihrem Inhalt nach irrational ist, versteht sich aus der rationalen Natur des Steinerschen Individualismus. Gerade weil Steiner seine Anthroposophie, seine Anschauung des Menschen und der Welt auf die kreative Leistung der einzelnen, geistverbundenen Individualität gründete, muß sich jegliche Form des Kollektivismus und Anti-Individualismus, sei sie nun spiritualistischer oder materialistischer Provenienz, durch die Existenz der Anthroposophie provoziert fühlen. Steiner ist bis heute eine Gestalt der Geschichte, an der die Geister sich scheiden und an deren Werk sie offenbaren, wes Geistes Kind sie sind. Wenn man sich in der Geschichte der polemischen Literatur gegen Steiner und die Anthroposophie auskennt, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, seit das Projekt Anthroposophie in Erscheinung trat, zu einem beachtlichen Berg von Unsinn, Lügen und Entstellungen angewachsen ist, wird man mit Bedauern feststellen, daß Bierls Machwerk einen Rückfall in eine Form der Auseinandersetzung darstellt, die man endgültig überwunden glaubte. Seit den von völkisch-nationalistischer Seite erhobenen Vorwürfen, Steiner sei durch seinen Einfluß auf Generaloberst von Moltke für die Niederlage der Deutschen im I. Weltkrieg mitverantwortlich oder dem von gleicher Seite erhobenen Vorwurf, er habe seine erste Frau astralisch stranguliert und seit dem von katholischer Seite noch zu seinen Lebzeiten erhobenen Vorwurf, er habe sich selbst mit Christus gleichgesetzt, ist keine abstrusere und groteskere Verleumdung mehr geäußert worden, als die von Bierl im Anschluss an Ditfurth, Geden und andere gegen die Anthropophie erhobenen Vorwürfe. Anthroposophie als faschistisch oder rassistisch zu verleumden, zeugt von einem Willen zur Unwahrheit, der nicht unwidersprochen bleiben darf. Es ist kaum vorstellbar, daß die in Bierls Buch versammelten Vorwürfe auf einem ehrlichen Bemühen um sachliche Auseinandersetzung beruhen, so abseitig und verwegen sind sie. Nicht die Vertreter der anthroposophischen Sache sind es, die diese durch die linke Anti-Esoterik-Connection erzwungene Auseinandersetzung suchen, aber sie müssen sich verteidigen, wenn sie mit Unrat beworfen werden. Wie bei allen Schmutzkampagnen ist es auch bei dieser so, daß der Angegriffene in den Verdacht gerät, seinen Verleumdern Recht zu geben, wenn er sich nicht gegen die erhobenen Vorwürfe äußert, mögen diese noch so grotesk und offenkundig verlogen sein. So beruft sich Bierl in der Öffentlichkeit, in der er mit seinen Verleumdungen hausieren geht, darauf, daß noch niemand auf anthroposophischer Seite sich darum bemüht habe, seine Anschuldigungen zurück zu weisen. Ganz abgesehen davon, daß Zurückweisungen in der Regel von solchen Leuten wie Bierl, selbst wenn sie erfolgt sind, nicht zur Kenntnis genommen werden, dürften sich Bierl und die übrigen Kombattanten der linken Anti-Esoterik-Connection durch die besten Argumente nicht von der Absurdität ihrer Sicht der Dinge überzeugen lassen, weil sie dies gar nicht wollen. Denn, daß sie an einem Dialog nicht interessiert sind, hat Bierl selbst verschiedentlich zum Ausdruck gebracht. (Mit Anthroposophen kann man nicht reden, nur über sie.) Zu offensichtlich ist die politische Intention, die hinter den Publikationen Ditfurths, Gedens, van der Lets und Bierls steckt: man will die Anthroposophen mit all ihren sozialen, medizinischen, pädagogischen und wirtschaftlichen Initiativen in jene prämoderne und antimodernistische Schmuddelecke drängen, in denen sich all jene tummeln, die von den selbsterklärten Wortführern der political correctness für nicht gesellschaftsfähig erklärt worden sind. Dabei geht es nicht in erster Linie um Erkenntnisfragen, sondern um die Frage der politischen bzw. wirtschaftlichen Macht. Die Linke verdankte ihre Existenz stets ihren Gegnern. Nachdem sich ihre gesellschaftlichen Utopien als realhistorisches Fiasko erwiesen haben, befindet sie sich in einer fundamentalen Existenzkrise, aus der sie sich nur befreien kann, wenn sie neue Gegner findet, gegen die sie ihre Ressentiments, ihre Haß- und Neidkomplexe ausleben kann. In der Anthroposophie scheinen jene linken Sektierer, die sich um Jutta v. Ditfurth scharen und andere Angehörige obskurer Splittergruppen ein neues Objekt für ihre Haßkampagnen gefunden zu haben. Ein Blick auf die Einleitung von Bierls Pamphlet Bierl führt die Anthroposophie in der Einleitung seines Buches wie eine weltweit in Projekten präsente Sekte ein, deren Zentrale in Dornach die ideologischen Grundlagen pflege, die in einzelnen Staaten durch anthroposophische Landesgesellschaften Sektionen, wie er sie nennt, vertreten sei, mit weltweit 60.000, in Deutschland 20.000 Mitgliedern. Bierls Darstellung stellt eine reine Projektion oder Mystifikation dar. Es gibt keine Zentrale der Anthroposophie, die ideologische Grundlagen einer weltweiten Sektenbewegung pflegen und Direktiven für das Handeln der 60.000 Mitglieder erlassen würde: ein solcher Anspruch würde von der zutiefst individualistischen Mitgliedschaft zurückgewiesen. Die Anthroposophische Gesellschaft ist ein weltoffener Zusammenschluss von freien, selbständigen Individuen, die in der von Bierl vertretenen, geistfeindlichen, totalitären Ideologie das komplementäre Gegenstück zum NS-Faschismus erkennen würden, wenn sie seine Publikation ernst nehmen könnten. Diese Ideologie Bierls ist genauso wenig mit der Anthroposophie vereinbar, wie die NS-Ideologie, weil sie, wie diese, die Wirklichkeit des Geistes, auf der die gesamte Anthroposophie beruht, leugnet. Man kann zwar auch ohne die Anerkennung der Wirklichkeit des Geistes zu einer Beurteilung der Anthroposophie kommen, aber diese Beurteilung muß aufgrund der mangelnden Urteilsvoraussetzungen der Anthroposophie inadäquat sein. Die von Bierl praktizierte politologische Aussenansicht vermag das Wesen der Anthroposophie nicht zu verstehen, weil sie sich nicht auf deren denkbar anspruchslose Grundvoraussetzung einläßt. Fanatisch wie Bierl verfährt, läßt er sich nirgends auf den inneren Gehalt der von ihm diffamierten Sache ein, deswegen ist auch kein einziges seiner Urteile ein Urteil über den Sachgehalt der Anthroposophie. Vielmehr handelt es sich um auf Unverständnis beruhende Verurteilungen. Vergleichbar ist die Hilflosigkeit Bierls gegenüber der Anthroposophie derjenigen eines Menschen, der Gedanken eines anderen beurteilen möchte, die Sprache aber nicht versteht, in der diese Gedanken vorgetragen werden. Er kann wohl das Erscheinungsbild des Sprechenden, den Klang seiner Sprache und ähnliches beschreiben, wird aber nie zu einem Urteil über den Inhalt dessen gelangen können, was der Andere sagt, wenn er sich nicht dazu entschließt, dessen Sprache zu lernen. Diese Bereitschaft kann aber auf seiten Bierls nicht erwartet werden, da er oft genug zum Ausdruck bringt, wie sehr er alles haßt und verachtet, was mit Geist zu tun hat und von der Wirklichkeit des Geistes ausgeht. Daß Bierl damit auch die Wirklichkeit seines eigenen Geistes leugnet und seinen Menschenrechtsdeklamationen jeglichen Boden entzieht, bemerkt er nicht. Worauf, wenn nicht auf der Anerkennung der Selbstbestimmunsgfähigkeit des Menschen sollen schließlich seine Würde und seine bürgerlichen Freiheiten gründen? Gesteht man dem Menschen aber kein individuelles geistiges Wesen zu, das fähig ist zu selbständiger Erkenntnis und moralischer Autonomie, bleibt an ihm nichts als eine Summe biologisch oder gesellschaftlich determinierter Eigenschaften. Biologisch oder gesellschaftlich determinierte Wesen können aber die von Bierl angerufenen Freiheitsrechte gar nicht wahrnehmen, weil sie ja durch ihre Natur determiniert sind. So wenig sich aus Bierls Ideologie ein Verständnis für die menschliche Freiheit und Würde gewinnen läßt, so wenig vermag Bierl ein Verständnis der Anthroposophie zu gewinnen, deren Fundament eben diese auf der Realität des Geistes gründende individuelle Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen ist. Es wäre ein Leichtes, ein Bild von der Zielsetzung und Aufgabenstellung der Anthroposophischen Gesellschaft zu gewinnen, die Bierl als weltweit konspirativ operierende Sekte zu diffamieren versucht, wenn man deren Satzung, über die sie als Verein verfügt, zur Kenntnis nehmen würde. Die gegenwärtige Anthroposophische Gesellschaft sieht sich bis heute ihrer Gründungssatzung verpflichtet, die 1923 anlässlich der Neugründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft von der Mitgliederversammlung verabschiedet wurde. In dieser heisst es, daß Mitglied der Gesellschaft jeder werden könne, ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung, der in der Existenz einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, wie sie das Goetheanum in Dornach [beispielhaft für andere mögliche] sei, etwas Berechtigtes sehe. Ziel dieser Hochschule sei die Forschung auf geistigem Felde, Ziel der Gesellschaft die Ermöglichung einer solchen Forschung sowie die Pflege des seelischen Lebens im einzelnen Menschen und in der Gemeinschaft aufgrund dieser Forschung. Ihre Aufgabe versucht die Gesellschaft aufgrund ihrer Satzung dadurch zu lösen, daß sie die ... anthroposophische Geisteswissenschaft mit ihren Ergebnissen für die Brüderlichkeit im menschlichen Zusammenleben, für das moralische und religiöse sowie für das künstlerische und allgemein geistige Leben im Menschenwesen zum Mittelpunkt ihrer Bemühungen macht. Von ihrer Satzung her also eine dem allgemeinen Menschenwohl verpflichtete, humanistisch ausgerichtete, mit den christlichen Grundwerten der abendländischen Gesellschaft übereinstimmende Vereinigung von Menschen. Bierl sieht in der Anthroposophie ein esoterisches Glaubenssystem. Ihrem Selbstverständnis nach sei sie zwar eine Geisteswissenschaft, er hält aber nicht nur den Geist, wie ihn die Anthroposophie versteht für Hokuspokus (B. S. 218), sondern auch das Projekt einer Wissenschaft des Geistes für Scharlatanerie. Wie inkonsequent und selbstwidersprüchlich Bierl ist, zeigt sich bereits auf der zweiten Seite seiner Einleitung (B, S. 8), wenn er unter Berufung auf den Sektenbeauftragten der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen die Anthroposophie als esoterische Pseudoreligion denunziert. Wie kann sich Bierl als überzeugter atheistischer Materialist auf das Urteil und Zeugnis des Sektenbeauftragten einer christlichen Großkirche berufen, wo doch auch die Großkirchen nach seiner Auffassung nur Hokuspokus präsentieren und die Urteile ihrer Vertreter nur verwirrt sein können? Bierls mangelnde Distanz gegenüber dem Urteil eines kirchlichen Sektenbeauftragten, wenn ihm dieses Urteil in seiner Tendenz zupaß kommt, beweist, daß es ihm nicht um die Frage nach der Wahrheit geht, sondern lediglich darum, Munition gegen eine verhaßte soziale und kulturelle Bewegung zu sammeln. Bierl beruft sich zwar auf den Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche, bemängelt aber an diesem, er habe in einer Diskussion mit Otto Schily, der Anthroposophie einen Persilschein ausgestellt und deren braune Elemente nicht erwähnt. Die Anthroposophen wehrten sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus oder Rassismus und bezeichneten Georg Werner Haverbeck oder Bernhard Schaub als Einzelfälle. Allerdings, so Bierl häuften sich solche Einzelfälle in den vergangenen Jahren. Was für einen mathematischen Begriff der Häufung Bierl hier wohl zugrundelegt, wenn er bei 60.000 Mitgliedern der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft nur zwei Fälle anzuführen vermag, während es sich bei dem dritten um die Neuauflage des Buches eines jüdischen Anthroposophen aus dem Jahr 1931 handelt? Auch hier beobachtet Bierl seine Methode der Selektion, nur das zu erwähnen, was seine haltlosen Hypothesen stützt, alles aber, was sie entkräften könnte unter den Teppich zu kehren. Ebenso polemisch und unwissenschaftlich wie die Technik des Verschweigens und Vertuschens, die Bierl meisterhaft anwendet, ist die Technik der Verallgemeinerung: wenn einzelne Autoren, die in irgendeiner Beziehung zur Anthroposophischen Gesellschaft stehen oder sich auf das Werk Steiners berufen, ihre persönlichen Ansichten äussern, werden diese sofort als repräsentativ für die Anthroposophie erklärt oder ihre Ansichten zur Lehrmeinung der anthroposophischen Gesellschaft erhoben, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Es existiert in der Anthroposophischen Gesellschaft oder Bewegung nicht einmal eine verbindliche Interpretation des Werkes Rudolf Steiners, weil eine solche Dogmatisierung dem Wesen dieses Werkes widersprechen würde. Doch selektiv, wie Bierl vorgehen muß, führt er alles, was die Anthroposophen von dem gegen sie erhobenen Vorwurf entlasten könnte, nicht an oder, wenn er es anführt, wertet er es ab. Dies zeigt sich auch in der Behandlung der drei Fälle Haverbeck, Schaub und Thieben. So erwähnt Bierl in seiner Einleitung nicht, daß Haverbecks Buch Rudolf Steiner ein Anwalt für Deutschland in der anthroposophischen Zeitschrift Die Drei von Christoph Lindenberg als kryptofaschistisch und sein Autor als Pseudohistoriker entlarvt wurde , lange bevor irgendwelche selbsternannten Hüter der political correctness Haverbeck als Mittel für ihren Kampf gegen die Anthroposophie entdeckt haben. Ebensowenig erwähnt Bierl, daß Schaub nach Bekanntwerden seiner revisionistischen Positionen von der Rudolf-Steiner-Schule, an der er unterrichtete, fristlos entlassen wurde. Auch Schaub hat von anthroposophischer Seite deutliche Zurechtweisungen erfahren, so durch Jonathan Stauffer in der Zeitschrift Erziehungskunst und durch Jens Heisterkamp in der Zeitschrift Info3. Ludwig Thieben schließlich schrieb sein Buch Das Rätsel des Judentums bereits 1931. Bierl erwähnt zwar in seiner Einleitung, daß die schweizer Staatanwaltschaft ein Verfahren gegen die Neuauflage des Buches 1998 einstellte, er versäumt aber an der betreffenden Stelle zu erwähnen, daß Thieben selbst Jude war und als Angehöriger des jüdischen Volkes versuchte, das Rätsel des Judentums mit Hilfe der Anthroposophie zu verstehen. Stattdessen zitiert Bierl genüsslich die Auffassung der Justizbehörde, das Buch enthalte eine abstruse allgemeine rassistische Blut- und Religions- bzw. Geistestheorie ... Daß der Präsident der Zionistischen Vereinigung Basel, David Schweizer, dem Verleger der Neuausgabe bereits 1997 attestierte, Ludwig Thiebens Buch, insbesondere dessen Kapitel Deutsche und Juden: Zwei Menschheitsvölker sei aus einer grundsätzlich positiven, wohlwollenden Einstellung dem Judentum gegenüber geschrieben und weder antisemitisch noch rassistisch, scheint Bierl nicht zu wissen. Wer ist berufener, über das Vorhandensein von Antisemitismus zu urteilen: der Vorsitzende einer Zionistenvereinigug oder ein schweizer Gericht? Die Anthroposophen, weiß Bierl zu erzählen, leugneten den braunen Geist ihrer Lehre und präsentierten sich lieber als einfühlsame Pädagogen und konsequente Umweltschützer (B., S. 9) Daß sich Anthroposophen seit 1924 gegen die Vergiftung der Böden und die großindustrielle Aubeutung von Nutztieren wehren, verschweigt er ebenso wie die Tatsache, daß sie sich mit ihren heilpädagogischen Einrichtungen selbstlos seit bald hundert Jahren für den Schutz des von den Nazis und zeitgenössischen Genetikern als lebensunwert diffamierten Lebens einsetzen. Ihre Schulen seien, so Bierl, in Wahrheit verkappte Religionsschulen. (B., S. 9) Daß der Kommunismus oder Marxismus Millionen von Menschen wegen ihres Glaubens und ihrer religiösen Lebensorientierung grausam massakriert hat, vergisst er hingegen zu erwähnen. Anthroposophen, meint Bierl, sprächen über die Gespenster, die in ihrer Phantasiewelt (B., S. 9) spukten, nicht gerne in der Öffentlichkeit. Daß der dämonische Spuk des Materialismus, dem er anhängt, für die unbeschreiblichen Greueltaten des 19. Jahrhunderts gegen den Mitmenschen und die Natur verantwortlich sein könnte, kommt ihm nicht in den Sinn Bierl glaubt, Steiners Jünger seien gegen Kritik immun, da sie ihre Gegner als verbohrte Materialisten betrachteten, die von Dämonen besessen seien. (B., S. 9) Dabei bemerkt er nicht, daß er selbst sich gegen jegliche Kritik immunisiert, indem er den Geist generell als Spuk verleugnet. Indem er jeglichen Materialismusgegner als verbohrten Spinner diffamiert, plädiert er implizit für die Entmündigung und Unterbringung von Hunderttausenden von Menschen in staatlichen Irrenanstalten oder Umerziehungslagern. Er sieht in der Zeitschrift Das Goetheanum ein internationales Zentralorgan, in dem Kritiker als gruppenseelenhaftes Autorenkollektiv bezeichnet würden. (B., S. 10) Und projiziert dabei die Rolle der kommunistischen Zentralorgane im totalitären Sozialismus auf ein Nachrichtenblatt, in welchem dem Geist verbundene Idealisten sich gegenseitig von ihrer Arbeit berichten. In Waldorfschulen, behauptet Bierl, die sich bis heute an den Lehren des Gründers ausrichteten, gälten Engel und Dämonen, Volks- und Rassengeister nicht als Spuk, sondern als reale Mächte. (B., S. 10) Daß amerikanische Gerichte ein Verbot gegenüber Materialisten erlassen haben, Schüler an staatlichen Schulen mit den unbewiesenen Lehrmeinungen des Darwinismus zu indoktrinieren, scheint ihm ebenso unbekannt zu sein, wie die Tatsache, daß es in Deutschland eine von der Verfassung garantierte Freiheit des religiösen Bekenntnisses und der wissenschaftlichen Lehre sowie das Recht auf freie Schulwahl gibt. Für all seine Beschuldigungen bleibt Bierl nicht nur den Nachweis schuldig, sondern belädt sich durch sie zugleich selbst mit Schuld. Eine geschichtliche Verortung im esoterisch-völkischen Sumpf der Jahrhundertwende (gemeint ist die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert) wirft er der Anthroposophie ebenso vor, wie daß sie mit anderen völkischen, faschistischen und konservativen Strömungen die Aversion gegen die Ideen von 1789 teile. Dabei blendet Bierl vollständig aus, daß sein eigenes Bekenntnis eine beispiellose Blutspur durch die Geschichte des 19. Jahrhunderts gezogen, unbeschreibliche Gebirge menschlichen Elends aufgetürmt und wo es herrschte, nichts als Unfreiheit und Tyrannei hervorgerufen hat. Er blendet ebenso aus, daß Steiner 1918 die Warnung aussprach, die Menschheit sei nur dann vor bevorstehenden politischen und kriegerischen Greueln gefeit, die aus dem grassierenden Materialismus entspringen würden, wenn sie sich zu den von Engeln in ihr Unbewußtes gewobenen Idealen der französischen Revolution zu bekennen vermöchte. Bierl lügt den gesamten Inhalt der Anthroposophie und der Geschichte in sein Gegenteil um. Bierl versteigt sich zu der Behauptung, die gesellschaftliche Funktion der Anthroposophie sei die Zerstörung der Vernunft, weil sie rationales Denken, selbstbestimmtes Handeln und den Gedanken an gesellschaftliche Veränderung verwerfe. Diese Behauptung blendet aus, daß Anthroposophen über soviel Rationalität und selbstbestimmtes Handeln verfügen, daß sie internationale Wirtschaftsunternehmen, publizistische Unternehmungen, Hunderte von Schulen, Tausende von Kindergärten, Universitäten und Hochschulen, Krankenhäuser, Hunderte von Behinderteneinrichtungen, die alle im Dienste permanenter gesellschaftlicher Veränderung stehen, zu leiten und zu betreiben vermögen. Bierl will diese seit über siebzig Jahren geleistete konkrete Arbeit für gesellschaftliche Veränderung nicht wahrhaben, weil sie seiner Ideologie widerspricht, nach der der Mensch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt wird und nicht durch seinen eigenen Willen. Er wirft den Anthroposophen vor, sie glaubten, das Leben sei von höheren Mächten bestimmt (B., S. 11), der Mensch werde von Dämonen umschwirrt (B., S. 11) und zapple wie eine Marionette im Netz seines Karma, (B., S. 11) weil er sich selbst als die höchste Macht betrachtet und glaubt, er könne die Begrenztheit seines eigenen Verstandes zum Maßstab der menschlichen Intelligenz erheben, weil er vom Zwang zur Wirklichkeitsverleugnung getrieben, und weil er wie eine Marionette im Netz seiner engen Denkschablonen verfangen ist. Er findet die Behauptung für Anthroposophen typisch, sämtliche Probleme des Menschen resultierten aus mangelnder Spiritualität und seien nicht ein Ergebnis der sozialen Verhältnisse, weil er sich in seinem Fatalismus von der marxistischen Sektenmeinung nicht befreien kann, alle Probleme des Menschen seien auf die sozialen Verhältnisse zurückzuführen, währenddem es doch die Menschen sind, die durch ihre Verabredungen und Vereinbarungen die sozialen Verhältnisse bestimmen müssen. Bierl glaubt, die Anthroposophen strebten Harmonie, Freude und Glückseligkeit an. Er findet dieses Streben penetrant und vergisst dabei, mit welcher Penetranz und Gehässigkeit er selbst Harmonie, Freude und meinetwegen Glück in der menschlichen Gesellschaft durch seine Kampagne zu zerstören trachtet. Nur sensible Gemüter, die sich über die reale und unbegriffene Atomisierung des Individuums in einer nach den Kategorien von Waren und Konkurrenz funktionierenden Gesellschaft hinwegträumen wollten, könnten, erklärt uns Bierl, der anthroposophischen Verlockung verfallen, und versucht damit zugleich die sensiblen Gemüter aus dem von ihm gesponnenen Wahnbild einer nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktionierenden Gesellschaft performativ auszusondern. In einer weniger abergläubischen Zeit als der unsrigen hieß dieser Vorgang Beschwörung und wurde zu den magischen Handlungen gezählt. Schließlich versteigt sich Bierl sogar zu der Behauptung, hinter der sanften Fassade der Esoterik sei ein verschwörerisches Sammelsurium all dessen versteckt, was die linksintellektuelle political correctness als geistiges Verbrechen zu denunzieren geruht. Überall sieht der bedauerliche Bierl sich von gezielter Verdummung, repressiver Toleranz, rassistischen, antisemitischen, frauenfeindlichen und antidemokratischen Ansichten umstellt. Daß sein Buch ein vollendetes Beispiel einer gezielten Verdummungskampagne darstellt, die von repressiver Intoleranz durchtränkt ist, daß er in seiner Panik vor der Esoterik und seinem Glaubenskampf gegen Antisemitismus, Antifeminismus, Rassismus und Faschismus selbst zum Antidemokraten wird, entgeht ihm. Sein überaus peinlicher lyrischer Erguss gegen die vernunftzerstörerischen Absichten der Esoterik sei rücksichtsvoll übergangen, und lediglich angemerkt, daß die Anthroposophie nicht die Vernunft derer zerstört haben kann, die Millionen von Menschen in kommunistischen Säuberungsaktionen und Mordorgien wie etwa in Kambodscha umbrachten, da ja der Kommunismus gerade die Vertreter jenes Überbaus und jenes irrealen Ideenspuks der Religion im Namen einer vernünftigen Idee auszurotten versuchte, als deren Repräsentanten Bierl auch die Anthroposophen zu erkennen glaubt. Wenn Bierl sich an ein längst erledigtes Theorem von Lukacs über den angeblichen Irrationalismus der Romantik anlehnend den Versuch unternimmt, die Anthroposophie in die ideologische Tradition der völkischen deutschen Romantik und der Theosophie der Blavatsky zu stellen, verfälscht er sie zu einer lebensunfähigen Geistesmissgeburt und zeugt von Unkenntnis sowohl der Romantik als auch der Theosophie. Aber auch Johann Gottlieb Fichte und dem völkischen Munkler Paul de Lagarde soll Steiner manche Ideen verdanken. Daß Steiner sich von Fichtes geschlossenem Handelsstaat ebenso distanzierte wie er dessen subjektiven Idealismus kritisierte, bleibt unerwähnt. Der Rassismusvorwurf, den Bierl gegen Steiner erhebt, ist eines der absurdesten Konstrukte, das je erfunden wurde. Die Anthroposophie steht nach Bierl nicht nur in der Tradition der Adyar-Theosophie und der völkischen Bewegung, sie soll auch gleichzeitig um die Jahrhundertwende [19.-20. Jh.] als Zweig der lebensreformerischen Bewegung entstanden sein und mit dieser dazu beigetragen haben, die Deutschen zu willigen Vollstreckern (B., S. 12) zu erziehen. Daß die lebensreformerische Bewegung aufgrund ihres Antiintellektualismus mit Steiners Ideenrealismus unvereinbar ist, entgeht Bierl. Daß derselbe Autor (Mosse), dem Bierl den Begriff der völkischen Revolution verdankt, explizit die Theosophie vom Rassismus freisprach, scheint Bierl nicht zu wissen. Das wechselvolle Schicksal anthroposophischer Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus bis zu ihrem Verbot zeigt nur, daß die Anthroposophen insgesamt von der Willkür der Machthaber abhingen, und daß verschiedenste Versuche unternommen wurden, dieser Willkür zu entgehen oder trotz derselben einen Lebensmodus zu finden. Damit unterscheiden sich die betreffenden Anthroposophen in nichts von den Millionen Menschen, die versuchten, ihren individuellen Lebenszwecken trotz des totalitären Regimes nachzustreben. Vollends decouvrierend ist Bierls Denunziantentum, das ihn triumphierend die Namen jener Prominenten verkünden läßt, die auch dabei sind, das heißt, zum Kreis der Sympathisanten oder Unterstützer der Anthroposophie gehören. Es ist ebendieser Hang zur Denunziation, der die sog. willigen Vollstrecker im Dritten Reich zu idealen Zuträgern des Regimes prädestinierte. Politisch sieht Bierl die Anthroposophie in der Ökologiebewegung verankert (B., S. 13), eine Behauptung, die erst in ihrer Umkehrung einen Sinn ergibt. Bierl vertritt offenbar die Auffassung, jedermann besitze seine Privatlogik, deswegen kann er auch glauben, es lasse sich die Logik der Esoterik an der Anthroposophie hervorragend studieren. Selbst er kann der Anthroposophie jedoch nicht eine gewisse Gediegenheit aberkennen, da sie im Gegensatz zu den meisten Angeboten im Kommerz-Sektor der Esoterik, durch ihre bald hundertjährige Geschichte über eine ausformulierte Weltanschauung verfüge. Ganze Reihen von Anhängern hätten an der anthroposophischen Evolutionslehre und Rassenkunde (B., S. 13) gefeilt. Doch seien die ideologischen Beiträge der Epigonen gebetsmühlenhaft und exegetisch (B., S. 13). Wer anthroposophische Schriften lese, habe Schmerzensgeld verdient (B., S. 13). Auch dies wieder verallgemeinernde, diffamierende Behauptungen, für die Bierl den Beweis schuldig bleibt. In welch epigonenhaftem Verhältnis er selbst zu Philosophen und Soziologen des 19. Jahrhunderts steht, scheint Bierl nicht zu bemerken. Allerdings läßt sich anmerken, daß Anthroposophen, die Bierls Buch lesen, nicht nur Schmerzensgeld verdient haben, sondern auch Schadenersatz. Kurios auch Bierls politische Theorie, die Attraktivität der Anthroposophie beruhe auf der ökonomischen Krise (vermutlich der Krise des von Marxisten seit Ewigkeiten erwarteten endgültigen Untergangs des kapitalistischen Wirtschaftssystems), die in der Mittelschicht Angst vor dem sozialen Abstieg hervorrufe und im liberalen Bürgertum eine Sinnkrise (B., S. 14). Da die Anthroposophie seit Beginn des 20. Jahrhunderts attraktiv ist, muß man wohl davon ausgehen, daß sich die wirtschaftlichen bzw. sozialen Verhältnisse seit dieser Zeit nicht verändert haben, um Bierls Theorie aufrecht erhalten zu können. Welche handelnden Subjekte Bierl übrigens mit den Begriffen Mittelschicht oder liberales Bürgertum anvisiert, ist schwer zu sagen, denn die Anthroposophie wird nicht von soziologischen Kategorien, sondern von einzelnen Menschen mit individueller Lebensgeschichte als einer näheren Beschäftigung wert erachtet. Was an den Lehren von Karma und Reinkarnation, an ewigen Kreisläufen, von denen in der Anthroposophie ohnehin nicht die Rede ist und göttlichen Hierarchien antihumanistisch und irrational sein soll, ist vollends unverständlich. Wenn Bierl die Rationalität der Theologie oder des Geistes nicht versteht, heisst dies noch lange nicht, daß dieser irrational sei, schließlich begründet und rechtfertigt sich alle Rationalität auf den Geist und aus dem Geist. Inwiefern die Anthroposophie mit ihrem Versuch, menschliches Leid dort zu lindern, wo es auftritt, indem zusätzlich zur Heilung ein Verständnis dieses Leids gesucht wird, antihumanistisch sein soll, ist nicht nachzuvollziehen: hält Bierl denn die nihilistische Perspektive des Materialismus, die nicht nur die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz, sondern auch die Sinnlosigkeit des Leidens propagiert, für weniger antihumanistisch? Allein, wenn man sich einigermaßen kritisch mit der Einleitung von Bierls Buch beschäftigt, muß man das grundlegende Defizit seines Denkens erkennen. Michael S. Schild |
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