Achtung: Anthroposophie!


Lydie und Andreas Baumann-Bay:

Achtung, Anthroposophie!
220 Seiten Paperback, DM 29,90; sFr. 29,00; öS 218,-

Im evangelisch-lutherischen Kreuz-Verlag ist eine Schrift angeblicher "Aussteiger” mit dem Titel "Achtung, Anthroposophie!” erschienen. Der Verlag preist auf seiner Website (www.kreuzverlag.de) das Buch mit folgendem Text an: "Ein Buch für alle, die mit anthroposophischen Einrichtungen in Kontakt treten wollen. Kritisch, ohne polemisch zu sein, und hilfreich für wichtige Entscheidungen.

Empfehlenswert oder nicht? Was steckt wirklich dahinter? Zwei Aussteiger setzen sich kritisch mit Lehre und Praxis der Anthroposophie auseinander. Dabei genießt Rudolf Steiners Lehre einen guten Ruf: Anthroposophen gelten als engagierte Idealisten, die alternative Schulen und heilpädagogische Einrichtungen betreiben und naturnahe Lebensmittel, Medikamente und Kosmetika herstellen. Die Autoren, selbst jahrelang treue Anhänger der Bewegung, zeigen, inwiefern Lehre und Praxis auseinanderklaffen.”

Dieser Text ist in mehrfacher Hinsicht eine Irreführung. Denn Baumann-Bays Elaborat ist nicht nur in hohem Grade polemisch und nicht in geringstem Maß hilfreich bei irgendwelchen Entscheidungen hinsichtlich der Anthroposophie, insbesondere nicht bei wichtigen Entscheidungen, denn es stellt eine Ansammlung von Desinformationen und hanebüchenen Verallgemeinerungen dar. Im übrigen kann man die beiden Autoren keineswegs als "Aussteiger” bezeichnen, weil sie – was sie durch ihr Buch nur zu deutlich machen – nie wirklich eingestiegen sind, weder in die Anfangsgründe eines Verstehens der Anthroposophie noch in deren spirituelle Lebenspraxis.

Laut Klappentext haben Lydie und Andreas Baumann-Bay "mehrere Jahre an der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach sowie an anderen anthroposophischen Einrichtungen studiert und danach als Eurythmielehrer und in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Ihre wachsende Skepsis gegenüber Lehre und Praxis der Anthroposophen bewog sie 1992 zum Ausstieg.”


Das Buch stellt eine Ansammlung von dreisten Behauptungen und unzulässigen Verallgemeinerungen dar, die auf einem unvorstellbar kindlichen Niveau ausgebreitet werden. Im Brustton tiefster Überzeugung erzählen die Autoren von ihren "Erlebnissen” mit Anthroposophen und konstruieren ein beängstigendes Gebilde, das letztlich von nichts anderem zeugt, als von ihrer grenzenlosen Verständnislosigkeit gegenüber dem Werk Steiners. Schon in ihrer Einleitung sprechen sie der Anthroposophie ohne jeglichen argumentativen Aufwand und frei von jeder wissenschaftlichen Selbstreflexion jegliche Liberalität, Wissenschaftlichkeit und Freiheit ab. "Ist Steiner der große Vordenker des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Befreier und Erlöser der Menschheit?”, fragen sie und antworten: "Nun, wir behaupten: Nein! Die Begriffe »Freiheit« und »Wissenschaft« spielen in der anthroposophischen Praxis eine untergeordnete Rolle.” (S. 7) Bei Behauptungen bleibt es dann auch. Daß der Verweis auf die "anthroposophische Praxis” nichts über Steiner selbst aussagt, ist offenkundig, daß Freiheit und Wissenschaft in dieser Praxis keine Rolle spielen, stellt eine jener Verallgemeinerungen dar, von denen das Elaborat nur so wimmelt. Die Autoren versteigen sich schon auf der zweiten Seite ihres Buches zur absonderlichen Behauptung: "Wer vom Virus Anthroposophie einmal befallen ist, wird nicht so schnell wieder gesund.” (S. 8) Anthroposophie ist für die Autoren offenbar eine virulente Geisteskrankheit, die Anthroposophen verbreiten diesen Virus, der ebenso heimtückisch ist, wie der AIDS-Virus. Solche verwerflichen Sprachbilder, von denen das Buch nur so wimmelt, sind im übrigen in eine heuchlerische Besorgtheit eingebettet, die mit abstoßender Bigotterie vorgibt, nur das Beste zu wollen und die armen Kranken, die vom anthroposophischen Virus befallen sind, von ihrer Krankheit zu befreien. Wer vom "anthroposophischen Virus” befallen ist, meinen die Autoren, verwandelt sich quasi »freiwillig« in einen kritiklosen Anhänger Steiners.” (S. 8) Es ist leichter, meinen sie "in die Anthroposophie reinzurutschen, als wieder von ihr loszukommen.” (S. 9) Sie wollen eine Art "Aufklärungsbuch” schreiben, das die "verborgenen Zielsetzungen der Anthroposophie” aufdeckt. Sie wollen die "Anthroposophie als Ganzes hinterfragen” und "auf ihre Wirkung untersuchen”, wo sich diese doch immer mehr ausbreite, und auf diesem Wege eine "umfassende Orientierungsmöglichkeit” bieten. (S. 10) In Wahrheit hat ihr Elaborat rein gar nichts mit Orientierung oder Aufklärung zu tun, sondern mit Desorientierung und Verunklärung. Das einzige, worüber "Achtung: Anthroposophie” wirklich aufklärt, ist der bedenkliche Geisteszustand seiner Verfasser.

"Anthroposophen” (schon wieder eine Verallgemeinerung – woher wissen denn die Autoren, wie alle Anthroposophen sind?) "sind Menschen, die ihr eigenes Denken weitgehend angeglichen haben an das Denken Rudolf Steiners ... Steiner ist die letzte Instanz in allen Lebensfragen. Er ist ihr Vorbild, ihr Lehrer und Führer ... Sie unterdrücken jede Kritik ... Das Ziel ihres Denkens ist immer eine Angabe Steiners.” (S. 15) Die Autoritätshörigkeit und Entindividualisierung der "Anthroposophen” zeigt sich im "Kleidungszwang”, in "typischen” Verhaltensweisen, in der Art, wie sie wohnen und ihrer Baukunst, überhaupt sind sich "Anthroposophen und anthroposophische Institutionen stets zum Verwechseln ähnlich.” (S. 17) Offenbar ist es den Autoren in ihrem langjährigen Studium und trotz allen angeblichen Insidertums nicht gelungen, die unabsehbare und kaum zu überschauende Vielfalt individueller Ausformungen anthroposophischen Lebens wahrzunehmen, was auf ihren überaus trüben Blick hindeutet.

"Anthroposophen”, so erzählen sie, müssen mindestens einmal in ihrem Leben nach dem Dornacher Mekka pilgern (S. 17). Spätestens hier kann man den Text der Baumann-Bays nur noch ertragen, wenn man ihn als unfreiwillige Satire liest. Dann wird er allerdings ganz lustig. Das Lachen vergeht einem jedoch schnell wieder, wenn man realisiert, wie ernst die beiden alles meinen, was sie sagen. Ohne Zweifel glauben die Autoren an den von ihnen produzierten Irrwitz. Man kann sich nur wundern, wie sie zu ihren irrealen Vorstellungen gelangt sind. Vielleicht haben sie sich gar nicht in Wirklichkeit von jenem anthroposophischen Virus befreit, der sich ihrer Ansicht nach epidemisch verbreitet.

Die armen Anthroposophen sind nach dem Autorenpaar in ein Korsett von Normen und Zwängen eingespannt, zu denen die Vorschrift, im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben ebenso gehört, wie das Beschreiten eines esoterischen Schulungswegs. Allerdings sehen Baumann-Bays unter den Schülern Steiners hier nur Verwirrung: "Kaum einer seiner Anhänger weiß so recht, welche von den vielen unzusammenhängenden Mantren, Neben- und Hauptübungen, die der Meister irgendwann gegeben hat, denn nun für ihn das Richtige ist.” (S. 18) Für diese Behauptungen bleiben die Autoren ebenso jeden Nachweis schuldig, wie für all ihre anderen Behauptungen. Immerhin konzedieren die Autoren, daß die Anthroposophen, trotz all ihrer "exzentrischen” Eigenheiten "eher stille und brave Zeitgenossen” seien, "die ihren Mitmenschen kaum zur Last fallen.” (S, 19) Wie nett denkt man. Allerdings stellt sich bald heraus, daß es sich bei dieser stillen Zurückhaltung in Wahrheit nur um die hinterlistige Täuschung einer Schlange handelt, die auf ihre Beute lauert, denn "die Anthroposophen” sind von der "Grundstimmung eines stillen Besserwissertums” (S. 20) durchdrungen, schließlich ist es ihnen "statutarisch verboten, zu missionieren” (S. 20). Wenn allerdings "der Fisch freiwillig nach den Ködern schnappt, die man ihm auslegt, soll er auch gefangen werden.” (S. 20) Hier wieder so eine Bemerkung, die auf die Tiefenschicht hindeutet, aus der Baumann-Bays den Antrieb für ihre literarische Tätigkeit beziehen: ihnen geht es darum, ein apokalyptisches Szenario aufzuspannen, vor dem die anthroposophische Bewegung als Sekte erscheint, die mit der Virulenz einer heimtückischen Krankheit die Seelen unschuldiger Opfer einfängt. Auf diese Weise, so die Autoren, die einem dualistischen Schwarz-Weiss-Denken verhaftet sind, versuchen die Mächte des Bösen, die in Gestalt des Steinerschen Lebenswerkes die Menschheit bedrohen, unschuldige und arglose Schäfchen auf ihre verderblichen Wege zu führen. Doch wir dürfen uns beruhigen: der gesunde Menschenverstand, der sich im Autorenduo Baumann-Bay verkörpert hat, kann uns noch retten und in das Lager der Guten überführen, das aber leider merkwürdig blaß erscheint und nicht näher charakterisiert wird. Offenbar genügt es für das Seelenheil, sich reuevoll und tränenreich vor dem gesunden Menschenverstand und möglicherweise dem lutherischen Weltbund niederzuwerfen, um noch einmal an den Toren der Hölle, in die die Anthroposophie vermutlich schnurgerade führt, vorbei zu schrappen. Insofern gehören Baumann-Bays in die Kategorie jener Autoren wie etwa der Gebrüder Grandt, die gegenwärtig auf dem geistigen Niveau der Bild-Zeitung versuchen, ein Zerrbild der Anthroposophie in der Öffentlichkeit zu etablieren.

Doch sehen wir weiter, was die beiden so zu erzählen haben. Zwar bestehe der "Stolz eines steinertreuen Menschen” darin, "nicht blind zu glauben, sondern alles aus innerer Anschauung und Kraft des eigenen nachvollziehenden Denkens zu verstehen”, dennoch ist den beiden, nachdem sie sich von ihrem Irrwahn befreit haben, klar, daß Anthroposophie "in ihrem Kern Glaubenssache” ist (S. 21). So glaubten Anthroposophen an die besondere Bedeutung Steiners als Geistesforscher, der imstande gewesen sei, "vollbewußt in der geistigen Welt zu forschen”, sie glaubten, die von Steiner "angeblich in der geistigen Welt erforschten Tatsachen, Wesen und Gesetzmäßigkeiten” seien die "wahren und letzten Ursachen für die Vorgänge in der sichtbaren Welt.” (S. 23), sie glaubten, auch in ihnen schlummerten solche Erkenntnisfähigkeiten, wie Steiner sie angeblich besessen habe. Doch Anthroposophie beruht für das Autorenteam "wie alle esoterischen Systeme letztlich auf den subjektiven Offenbarungen einer Einzelperson ... Überzeugte Anthroposophen leben im guten Glauben, nichts Falsches mehr denken zu können, weil sie ja schließlich in Steiner den Quell der Wahrheit gefunden haben ... (S. 25) Für sie gibt es nur eine einzige Wahrheit, und die heißt Steiner. Denn alles, was er sagte, ist heilig.” Die Prosa ist nicht schlecht, allein uns fehlt der Glaube. Außerdem werden Behauptungen dadurch nicht wahrer, daß man sie gebetsmühlenartig wiederholt.

Die Anthroposophie ist nach Baumann-Bays ein reines, nicht überprüfbares, subjektives Glaubenssystem: ein wesentlich sektiererischer Zug. Diese Einsicht haben sie aber nicht etwa durch wissenschaftliche Kritik oder philosophische Erörterungen gewonnen: nein, sie behaupten es einfach und sehen sich vermutlich durch ihre "Erfahrung” zu ihrem Glauben berechtigt. Nun ja, manche Leser mögen so unbedarft sein, daß sie die Behauptungen der Autoren einfach glauben, schließlich dürfte die Glaubensbereitschaft im Kreise der Leser ihrer Publikation, die in einem dem lutherischen Weltbund verbundenen Verlag erscheint, auch erheblich größer sein als in der Gemeinde der Anthroposophen, der sie angeblich den Rücken gekehrt haben. Doch in diesem Stile wird von den beiden munter fort fabuliert.

So verfolgt Steiner eine leicht erkennbare "Strategie”, wenn er "seine Botschaft an den Mann” bringen will: er "weckt Neugier” auf verborgene Welten, "mimt den Bescheidenen, um nicht als Sonderling zu gelten”, weckt in seinen "Anhängern Sehnsüchte nach Selbsterhöhung”, seine "Verkaufsstrategie” kommt aber nicht ganz ohne Ängste und Horroszenarien” aus (S. 26-27). Bei all dem handelt es sich nach den Autoren um die "typischen Suggestionen eines selbsternannten geistigen Führers”, dessen "Wahrheiten nur für ihn selbst einsichtig sind”. Immerhin müssen die beiden konzedieren, daß Steiner auf die "üblichen Machtmittel wie Nötigung und Erpressung” verzichte, und das mache ihn "sympathisch”, aber seine Art der Manipulation sei eben viel subtiler: "Mit Worten wie Freiheit und Wissenschaft, mit dem ausgewiesenen Anspruch, keine Sekte und keine Religion begründen zu wollen, und mit der immer wieder geäußerten Forderung, man solle alles nachprüfen, betäubt er die Kritikfähigkeit seiner Anhänger.” (S. 28) Es ist schon bemerkenswert, wie Steiner hier gegen den Strich gebürstet wird! Selbst seine unermüdlichen Anstrengungen, die Wissenschaftlichkeit der Geistesforschung zu erweisen, seine ständigen Aufforderungen, sich ihm gegenüber des kritischen Verstandes zu bedienen, werden noch zu Mitteln der Manipulation umgedacht. Im Grunde ist es völlig gleichgültig, was Steiner gedacht oder gewollt hat, Baumann-Bays könnten vermutlich jede Textstelle im Gesamtwerk so lange bearbeiten, daß am Ende das Gegenteil dessen herauskommt, was sie bedeutet oder intendiert. So wie sie das Gesamtwerk, so wie sie die Gestalt Steiners in ein vollkommen absurdes Licht rücken, so tun sie dies auch in jedem einzelnen Fall, den sie zur Bekräftigung ihrer abstrusen Vorwürfe durchexerzieren. Dies wird besonders am Kapitel "Was Steiners Ideen bewirken” deutlich, das man als unfreiwillige Selbstironisierung der Autoren lesen muß, um es richtig verstehen zu können.

So meinen die Autoren, Steiners Ideen riefen "Überlegenheitsgefühle” und zugleich "Überforderungsgefühle” in den Anhängern hervor. Überlegen fühle man sich, weil die Anthroposophie ja etwas besonders elitäres sei, überfordert aber, weil man sich ständig in einer Welt bewege, die einem "im Grunde genommen fremd ist”. Wer die "Geheimwissenschaft im Umriß” lese, der verliere völlig den Boden unter den Füßen. Die Lektüre des Buches überfordere, besonders, wenn man die "Inhalte verstehen und memorieren” wolle. Deren Darstellungen seien so komplex, daß einem davon "schwindlig” werde. Zwar behaupteten immer wieder "besonders gewiefte Anthroposophen”, sie verstünden alles, aber mehr als "intellektuelle Spielerei” sei dies nicht. Steiners "assoziative Denkweise” wirke "berauschend”. Steiners Gedankengebäude sei ein "richtiger Irrgarten, in dem man leicht die Orientierung” verliere, ja, "Steiners Werk ist eine richtige Venusfliegenfalle” wird in einem fort ohne Belege, Textanalysen, inhaltliche oder argumentative Auseinandersetzungen schwadroniert. Es mag ja sein, daß Baumann-Bays tatsächlich überfordert waren, daß sie in Berauschung versetzt wurden, daß ihnen Steiners Gedankengebäude als Irrgarten erschien, aber ist dies Steiner anzulasten? Was würden die beiden wohl über Hegels oder Schellings Gesamtwerk sagen, wenn sie je einen Blick hineingeworfen hätten? Es ist geradezu dummdreist, wenn die Autoren Steiner einerseits jegliche Kohärenz und Stringenz absprechen, ihm Unverständlichkeit und Verworrenheit vorwerfen, gleichzeitig aber deutlich machen, daß sie nicht imstande waren, auch nur das Grundwerk der Anthroposophie zu verstehen. Das hindert die beiden aber nicht an der Bemerkung: "Will man etwas verstehen, muß man erst Ordnung ins Chaos bringen.” (S. 32) Soll dies nun heißen, daß Steiner schon zu verstehen ist, trotz des von ihm hinterlassenen Chaos und daß die Autoren dieses Verständnis gewonnen haben, oder daß sie mindestens soviel verstanden haben, daß Steiner zu verstehen wäre, wenn man das Chaos seiner Gedanken ordnen würde? Nur, woher wissen sie das, wenn sie ihn selbst offenkundig nicht verstanden haben? Daß letzteres der Fall ist, geht auch aus ihren Schilderungen des anthroposophischen Studiums hervor, in denen sie offensichtlich ihre eigenen Erfahrungen reflektieren, wie ja ihr Buch nur so von angeblich Selbsterfahrenem trieft. So wissen die beiden, daß "Steiners Gedankengut psychologisch stark vereinnahmend” wirke. Kabarettreif schreiben sie: "Seine Ideen beschäftigen einen und führen dazu, daß sie im Kopf hin und her drehen. Nach der Lektüre eines Vortrages wirbeln Bilder und Eindrücke wild durcheinander ... alles ist im wahrsten Sinne des Wortes schwindelerregend .. das Denken [wird] in der Anthroposophie arg strapaziert... das aber führt zu einem Gehirnstress.” (S. 54) Was die beiden hier beschreiben, grenzt an Pathologie. Sollten sie tatsächlich selbst unter diesen Symptomen gelitten haben, dann ist nicht schwer zu verstehen, warum sie nie zu einem Verständnis der Anthroposophie vorgedrungen sind.
Trotz allem ist Steiner dennoch "attraktiv”. Dessen Attraktivität führen die Autoren auf drei Eigenschaften seiner Persönlichkeit zurück: "seine sprudelnde Kreativität, seine leicht subversive Art und sein vorbildlich integres Wesen”. (S. 32/33) Aha, denkt man, also hatte der Mann doch auch gute Eigenschaften und war nicht nur ein Hochstapler und selbsternannter Geistesführer, der seine Anhänger mit subtilen Methoden manipulierte. Wie aber, meldet sich sogleich das Bedenken, wie kann ein Mann, der auf die von den Autoren beschriebene Weise seine Anhänger manipulierte und sich hochstaplerisch zum Geistesführer aufschwang, von ihnen als "vorbildlich” und "integer” bezeichnet werden? Die beiden erklären diesen Widerspruch nicht. Man erfährt lediglich, daß viele Aussagen des "sprudelnden Genies” "rein hypothetisch und wissenschaftlich kaum nachprüfbar” seien und daß Steiner "nachweislich viele seiner Ideen und Anregungen hier und dort aufgeschnappt” habe. (S. 33) Wenigstens teilen die Autoren uns mit, warum sie Steiner für integer halten: weil Steiner zweimal verheiratet war, ohne daß "sexuelle Triebhaftigkeit” der Grund dafür gewesen wäre. Allerdings finden sie selbst hier noch ein Haar in der Suppe, denn aus Steiners Bemerkungen in seiner Autobiographie gehe nicht hervor, ob er mehr Interesse an der Wohnung oder an der Frau besessen habe, die er in Berlin heiratete. Auch in seiner Beziehung zum Geld halten die Autoren Steiner für bescheiden: zwar hätten die Goetheanumbauten ein Vermögen verschlungen, aber Steiner habe sich ja nicht persönlich bereichert. "Die moralische Integrität Steiners steht außer Zweifel” (S. 35), wird als Fazit gezogen. Man fragt sich allmählich, wie tief das Niveau der geistigen Auseinandersetzung eigentlich noch absinken kann und wie unverfroren Autoren sein müssen, die erst einen Menschen als Irren, als Hochstapler und Größenwahnsinnigen hinzustellen versuchen, der unzählige andere in sein Wahnsystem einzuspinnen vermochte, um ihm im gleichen Atemzug in unbegreiflicher Bigotterie und überaus gnädiger Attitüde moralische Integrität zu attestieren. Lieber Gott, möchte man ausrufen, bewahre uns vor solchen Sittenrichtern!

Die Autoren lassen sich noch über viele andere Dinge aus, so etwa über die Waldorfpädagogik, über die goetheanistischen Künste Eurythmie, Architektur und Sprachgestaltung, über anthroposophisch erweiterte Medizin, Heilpädagogik und Landwirtschaft. Es hat keinen Sinn darauf im Einzelnen einzugehen. Alles, was die Autoren vorbringen, ist mit der grauen Farbe ihrer Wahnvorstellungen übertüncht. Wer nüchtern und mit klarem Verstand die ersten dreissig Seiten liest, wird schnell erkennen, daß er durch die beiden keine Aufklärung über irgend etwas erwarten darf, was mit der Anthroposophie zusammenhängt. Das einzige worüber die Autoren in der Tat aufklären, ist ihre Unfähigkeit, die geistige Landschaft von Trivialität und Dumpfheit, in der sie sich wohlfühlen, zu verlassen.

Die Autoren schreiben im Rückblick: "Es ging uns nicht darum, die Anthroposophie zu verteufeln. Das wäre kontraproduktiv. Auch maßen wir uns nicht an, über Reinkarnation, übersinnliche Wesensglieder und andere esoterische Inhalte endgültige Urteile zu fällen.” (S. 212/213) Was sie hier dementieren, haben sie aber im vorangehenden Teil des Buches gerade getan. Es würde uns nicht wundern, wenn sich ein künftiger Schweizer Sektenbericht auf Baumann-Bays Buch beruft, denn für bestimmte politische und geistige Zielrichtungen ist das Machwerk zweier angeblicher Insider ein gefundenes Fressen.

"Unser Anliegen war vielmehr”, schreiben die Autoren weiter, "die Wirkungen solcher Ideen aufzuzeigen und auf Ungereimtheiten hinzuweisen. Es wäre bestimmt übertrieben, Anthroposophie im gleichen Atemzug mit sektiererischen Gruppierungen zu nennen, die neue Mitglieder mit aggressiven Methoden anwerben, sie finanziell ausbeuten und hinterher einschüchtern. Anthroposophen nötigen niemanden, verfolgen ausgetretene Mitglieder nicht und sie sind auch nicht geldgierig. Und dennoch scheint uns Anthroposophie nicht ganz harmlos zu sein. Es bleiben immer noch viele sektenähnliche Merkmale, die zwar nicht illegal, aber trotzdem problematisch sind:

Die Verehrung der Person Rudolf Steiners, die ausschließliche Fixierung auf sein unumstrittenes Wort, seine Angaben und seine Prophezeiungen, die Verschlossenheit gegenüber neuen Impulsen, die selbstverständliche Gewissheit, eine wichtige Erdenmission zu erfüllen, die starke Ausrichtung auf rein esoterische Inhalte, die Verteufelung gewisser Errungenschaften des modernen Lebens, die Tendenz, sich in Gruppen Gleichgesinnter zusammenzuschließen und das Pflegen einer speziellen, nur für Insider verständlichen Begriffswelt – das alles sollte man nicht einfach ignorieren, sondern als Warnsignal verstehen.

Menschen, die mit Steiners Weltanschauung sympathisieren, tun gut daran, wachsam zu bleiben und dem schönen Schein nicht leichtgläubig zu trauen. Es wäre doch schade, wenn sie der Welt verloren gingen!” (S. 212/213)

Oh, möchte man mit Mephisto ausrufen, "ich bin des trocknen Tons nun satt, will wieder recht den Teufel spielen.” Der Baumann-Bays unappettitliches Elaborat strotzt von Selbstwidersprüchen. Einerseits werfen sie Steiner typologisierendes Denken vor, durch das er ein Kind seiner Zeit gewesen sei (S. 184), andererseits ergehen sie sich selbst in Exzessen des Typologisierens. Auf den Schwall unzulässiger Verallgemeinerungen, mit dem sie den Leser überschütten, wurde bereits hingewiesen. Das Kapitel "Wer läßt sich von Steiner beeindrucken?” (S. 40-59), in dem sie zum Schluß kommen, daß "grundsätzlich jedermann” durch Steiners Werk gefährdet sei, "der eine Alternative zum gesellschaftlichen Standardangebot” suche und den "Glauben an eine bessere Welt noch nicht ganz aufgegeben” habe, bietet Typologisierungen reinsten Wassers. Hier dürfen wir wohl den Umkehrschluß ziehen, daß die Autoren meinen, nicht gefährdet durch die Anthroposophie sei allein, wer den Glauben an eine bessere Welt aufgegeben habe und keine Alternative zum gesellschaftlichen Standardangebot mehr suche, was immer das auch in einer pluralistischen, multikulturellen Gesellschaft heißen mag. Auch das Kapitel "Typisch Waldorfschüler” (S. 151-159), in dem die Autoren den Versuch unternehmen, "Eigenarten von Waldorfschülern in idealtypischer Form herauszuarbeiten”, ist ein Paradebeispiel für das an Steiner bemängelte typologische Denken. Überhaupt bleiben die Autoren in ihrer Fundamentalkritik an Steiner und "den Anthroposophen” ebenjener Fixierung auf Steiner verhaftet, die sie dessen Anhängern zum Vorwurf machen. Ihr Buch ist nichts als eine spätpubertäre Abrechnung mit selbstgeschaffenen Idolen, Baumann-Bays befreien sich öffentlich von ihrem Lebensirrtum, von all jenen Hirngespinsten und Projektionen, in die eine kongeniale Steinerinterpretation gar nicht erst verfallen kann.

Man darf nur froh sein, daß sich die Autoren von der Anthroposophie verabschiedet haben. Denn wenn solche Alogiker in der Öffentlichkeit das Projekt Anthroposophie repräsentierten, müßte dies viel katastrophalere Folgen für dieses Projekt haben, als das Buch, das sie fabriziert haben. Insofern freuen wir uns darüber, daß die beiden klar gemacht haben, was mit der Anthroposophie unvereinbar ist: ein Geisteszustand und eine Bewußtseinsverfassung, die so gänzlich frei von Bekanntschaft mit den Gesetzen der Logik sind, wie sie durch das hier besprochene Elaborat dokumentiert werden.

Was ist im übrigen von einem evangelischen Verlag zu halten, der einerseits eine Fundamentalkritik der anthroposophischen Spiritualität veröffentlicht und zur gleichen Zeit Titel wie die folgenden herausbringt: "Warum Glaube gut tut”, "Beffchen, Weihrauch und Visionen”, "Der Mythos der Rosenkreuzer”, "Geborgen im Jahreskreis”, "Geheimakte Petrus”, "Mein Schutzengel”? Im Kreuz-Verlag erscheinen darüberhinaus folgende Zeitschriften: »Evangelische Kommentare«, eine "Monatsschrift zum Zeitgeschehen in Kirche und Gesellschaft. Die Evangelischen Kommentare berichten über das aktuelle Geschehen in Kirche und Gesellschaft, Ethik und Wirtschaft, Glaube und Politik, Theologie und Geschichte, Religion und Kultur.” Die "»Pastoral-Blätter. Predigt und Seelsorge in der Praxis«. In Pastoral-Blätter finden Sie für jeden Sonntag des Monats fertige Predigten nach dem Bibelleseplan und vieles andere, was Sie nutzen können: Literarische Texte, aktuelle Artikel, Kommentare, Glossen, kurze Geschichten von bekannten Schriftstellern und Wissenschaftlern”. Das "»Forum Religion. Zur Praxis des Religionsunterrichts« Vielseitige Anregungen für einen lebendigen, zeitgemäßen Unterricht in Schule und Kirche: Unterrichtsentwürfe, vollständige Unterrichtseinheiten und Medienbeiträge, Erfahrungsberichte aus der Praxis, Arbeitshilfen für die Konfirmandenarbeit, Aufsätze und Essays zu religionspädagogischen Themen, Kopiervorlagen, Tipps, Termine.” "»Ja. Das Wort« Ihr Verteilblatt für Gemeinde, Krankenhaus, Altenheim, Hausbesuche, Wartezimmer, Ihren Schriftentisch und viele andere Gelegenheiten. Einladung zum Glauben an Jesus Christus. Schließlich die "»LWB Dokumentation. Materialdienst des Lutherischen Weltbundes in Genf«. Informationen, Dokumentationen und Materialien zur Arbeit des Lutherischen Weltbundes, zusammengestellt für die Arbeit in den Mitgliedskirchen.”

Lorenzo Ravagli

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